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Rützels Scharmützel

Jeder sollte einen haben

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Podcasts sind jetzt endgültig die neuen Burgerbratereien, die ihrerseits mal die neuen Frisörläden waren, findet Anja Rützel.

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Die Anzeichen mehren sich: Nach „Chaarisma“ und „Hair-Reinspaziert“ kamen nämlich „Grillin’ me softly“ und „Burgeramt“, und nun hörte ich etwas verspätet von Detlef D. Soosts Podcast, der für künftige Namensgebungen der heiteren Plapperformate das schlimmste vermuten lässt: Er heißt Soost das Leben

Weil ich durch fortwährende Trash-TV-Stahlbäder immer wieder mal fälschlicherweise annehme, dass mir keine noch so wunderliche mediale Quaddel etwas anhaben kann, hörte ich gleich mal rein, und zwar in die Folge mit dem prägnant knackifizierten Titel „Gewinner sind die Loser, die nicht aufgegeben haben, bis sie zu Gewinnern wurden“. Zu Gast ist Oliver Pocher, es wird munter schwadroniert, ich schlafe zügig ein. Und erwache immerhin pünktlich zum sogenannten Learning, denn Soost das Leben ist schließlich „das Pflichtprogramm für alle, die ihr Leben verändern wollen.“ 

Aus der Pocher-Loser-Gewinner-Folge lernt man also, fasst Soost zusammen, dass man sich bei der Erwerbstätigkeit am Besten auf ein Feld konzentriert, in dem man gut ist, und solche Tätigkeiten meidet, in denen man eher schlecht ist. Potzblitz, das sind Lifehacks, die einem die Berufsberatung verschweigt! Irritierenderweise lädt am Ende Oliver Pocher dann noch Detlef Soost zu einem Standup-Comedy-Auftritt in seine aktuelle Fernsehsendung ein. Der beweist sogleich, dass er das Learning selbst schon komplett verinnerlicht hat und ziert sich: Er sei leider kein bisschen witzig, deswegen würde er da lieber ablehnen. Ach was, antwortet Pocher: Er müsse dabei doch eh nur vom Teleprompter ablesen, was spaßige Autoren da vorher reingeschrieben hätten, Eigenwitz sei bei dieser Tätigkeit gar nicht vonnöten, und schon schnurzelt die schöne Lebens-
lektion zum Nichtigkeitsknubbel zusammen.

Was mich freilich nur noch mehr in meinem Vorhaben bestärkt, in Zukunft ausschließlich True-Crime-Podcasts zu hören. Das ist leicht zu bewerkstelligen, denn mittlerweile hat ja jeder so einen, eine Kriminalfallnacherzählungssendung gehört in gewissen, ziemlich ausgedehnten Kreisen längst zur Grundausstattung wie der Veja-Sneaker und der New Yorker-Jutebeutel. Selbstverständlich unterhalte ich längst ebenfalls einen, zusammen mit meinem lieben Freund Ilja, und ich rede mir gerne ein, dass wir uns durch eine semi-journalistische, sehr spezielle Rechercheneigung zumindest marginal vom lawinenhaften Restangebot absetzen: Für unsere nächste Staffel, die die Taten einer sympathisch rustikalen Giftmörderin behandelt, wühlte ich eine psychiatrische Gerichtsgutachterin als Gesprächspartnerin ans Tageslicht, der die Vergifterin bei einem Begutachtungsplausch ein, wie man hört, sensationell gutes Griesbreirezept verriet, wir werden ausführlich über seine Zubereitung sprechen. 

Ich mache mir ein bisschen Sorgen, dass die inzwischen schon wie ein prall gestopfter Presssack angeschwollene Kriminalpodcastblase bald platzt, weil der Markt einfach komplett übersättigt ist von Zerstückelgeschichten und Verschleppungsfabeln. Mein liebstes Format hat sich gerade für immer verabschiedet: True Klein Crime erzählte von Marginalverbrechen wie Prügeleien auf bayrischen Hochzeiten und geklauten Kiosk-Süßigkeiten, es waren tröstliche Miniaturen aus einer ausnahmsweise sehr gut packbaren, überschaubar gefährlichen Welt. Nun bleibt mir nur noch meine zweitliebste Sendung, Drunk Women solving crime, in der genau das passiert, was der erfreulich wortspielarme Titel beschreibt: Eine pichelnde Frauenrunde nimmt sich ungeklärter Kriminalfälle an. Vielleicht muss ja die True-Crime-Blase auch nur platzen, um dem schon hinter ihr lauernden Suffcast-Trend Platz zu machen. Ich gieße mir schon mal einen schönen Nussschnaps ein.


Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.

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