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Rützels Scharmützel

Auf den Hund gekommen

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Ich bin ein Planungsdepp und Strategiegimpel. Ansonsten würde ich ganz groß Hunde-Merch machen. Leberwurstschorle zum Beispiel.

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Machmal fühle ich mich wie Admiral Nelson. Nämlich immer dann, wenn ich in der üblichen Tagessummserei zwischendurch mal ein Päuschen mache, mit reichlich Distanz auf mein eher konfuses Werkeln schaue und feststelle, dass es mit leicht zusammengekniffenen Augen und reichlich Wohlwollen so aussehen könnte, als würden Dinge bei mir in aller Regel nicht komplett zufällig passieren, sondern seien von mir in konzentrierten Strategiesitzungen mindestens an einem Flipboard erdacht worden.

Um es kurz und unverschwurbelt zu sagen: Ich bin ein Planungsdepp und ein Strategiegimpel, und ich hasse wenig so sehr wie den binsigen Karrieretipp, man müsse sich selbst zu einer Marke machen, denn wenn ich gern eine Marke sei wollte, wäre ich wahrscheinlich Tütensuppe oder Allzweck-Papierwischtuch geworden und nicht Autorin. Darum fühlte ich mich umso mehr wie eine Businessplangigantin, als mir letztens auffiel, wie geradezu monkmäßig ordentlich sich derzeit alles bei mir fügte – ziemlich zufällig zwar, aber das sah man von außen ja nicht: Ich schrieb seit zwei Jahren eine Kolumne für das Hundemagazin Dogs, ich hatte im Frühjahr ein Buch über die Hunde von Schopenhauer, Freud und der Queen veröffentlicht und nun auch einen Hundepodcast gelauncht. 

Ausgesprochen selbstzufrieden schaute ich auf dieses multimediale, hundezentristische Gefüge – bis mir bei Instagram eine Teewerbung angezeigt wurde, und zwar nicht, wie sonst üblich, aus eher erratischen Gründen, sondern weil diese spezielle Sorte von einem meiner absoluten Lieblingskünstler herausgegeben wurde. Jarvis Cocker, Sänger der Band Pulp, hatte, zur marketingmäßig gesehen coronösen Unzeit, ein neues Album veröffentlicht, und sich nun mit einem etablierten britischen Teefabrikanten zusammengetan, um eine gleichnamige Teemischung auf den Markt zu werfen. Auf den kleinen Papierfitzelchen, die an den Teebeuteln befestigt sind, und auf denen je nach Esoterikgrad des Tees manchmal Zubereitungszeiten, manchmal Lebensweisheiten stehen, sollen beim Jarvis-Tee Liedzitate gedruckt werden.

Natürlich nahm ich mir vor, die Seite der Tee-Firma regelmäßig zu checken, um den Launchtermin der Beutel nicht zu verpassen. Und stellte mir sogleich vor, wie ich das fertige Getränk dann in sommersgemäßer Kaltversion in meiner neuen Umhänge-Kühlbox in den Park tragen werde, wo ich es ungefähr zehn Minuten auf der Wiese kauernd aushalten würde, bis mir zu heiß sein, der Rücken schmerzen und die Lärmestudenten ein paar Meter weiter auf die Nerven gehen würden. 

Die Kühlbox stammt übrigens aus einer weiteren Line-Extension eines weiteren geschätzten Künstlers: Der Rapper Apache 207 hat darin gerade sein neues Album veröffentlicht, zumindest die Luxus-Fanversion davon, die eben nicht nur die neue CD, sondern auch Kühlelemente in 207-Form, einen eleganten Trageriemen, ein Shirt und Apache-Aufkleber zur individuellen Gestaltung der Box enthielt. 

Keine Ahnung, ob die Idee zur Frostbox entstand, als man im Hause Apache darüber brainstormte, welches wohl der coolstdenkbare Merch-Artikel sein sollte. Im Zusammenspiel mit dem Jarvis-Tee erscheint mir mein schöner Kolumnen-Buch-Podcast-Dreiklang nun jedenfalls stümperhaft und nichtig. Wäre es nicht, wenn ich es mit dem Hundejournalismus wirklich ernst meinte, höchste Zeit, meinen eigenen Hundesnack herauszubringen? Wenigstens in Kooperation mit einem der vielen tierbezogenen Schickimicki-Onlineshops ein eigenes Halsband zu designen?

Endlich die Leberwurstschorle, die ich meinem Hund manchmal im Sommer mixe, damit er genug trinkt, von einem großen Getränkehersteller im großen Stil produzieren und abfüllen zu lassen? Auf das Flaschenetikett würde ich ausnahmsweise nicht meinen eigenen Hund drucken, sondern eine mit bekannte, putzig-feiste Bulldogge namens Nelson. Bitte kaufen Sie alles.


Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.

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