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Esther Busch

Wie das sitzende Erdferkel entstand

Foto: Serviceplan Gruppe

Mit Abi und großen Zielen im Gepäck ab nach Hamburg: Doch der erste Arbeitstag wird ein herber Dämpfer. Mit dem zornigen Chefredakteur ist überhaupt nicht zu spaßen.

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Komplett grün hinter den Ohren, aber bestens gerüstet mit diversen Berichten zu Kaninchenzüchtervereinen – so zog ich einst nach dem Abitur von Düsseldorf nach Hamburg. Mein journalistischer Höhenflug sollte mit einer Hospitanz bei einer regionalen Sendergruppe beginnen.

Konferenz im Büro des Chefredakteurs. Er, 1,60 Meter groß und recht korpulent. Fasziniert hörte ich am Morgen den erfahrenen Redakteurinnen und Redakteuren zu. Themenvorschläge, Rechercheideen und Weiterdreher für nationale Ereignisse – kurz: investigativer Lokaljournalismus. Arglos wie ich war, lehnte ich entspannt in meinem Stuhl und dachte mir nichts Böses. Bis das Auge des Allmächtigen mich fixierte: fünf Themen, zack zack sollte ich sie ausspucken. „Wie jetzt? Ich bin doch neu, erster Tag …”, stotterte ich.

Mein erhoffter Höhenflug sollte bereits um 10 Uhr morgens enden. Der Chefredakteur, dessen Kopf nur wenig über die Tischkante ragte, streckte sich zu voller Kürze auf seinen Stuhl. Er lief rot an und holte tief Luft. Um mich herum verschwanden die Köpfe zwischen den Schultern und die Blicke senkten sich. Es war unfassbar. Ein Gewitter donnerte über mich herein: „Was glauben Sie, wer Sie sind? Verschwenden Sie nie wieder meine Zeit, ganz egal, ob Sie neu sind! Hier bringt jeder seine Themen mit. Wer hat diese dumme Nuss hier eigentlich eingestellt?“

Ich machte mir Sorgen, ob der rote Mann platzen könnte und fand selbst kein Loch, um mich zu verstecken. Verzweifelt versuchte ich, nicht in Tränen auszubrechen. Dann geschah es: Der schreiende Chefredakteur verwandelte sich vor meinem inneren Auge in ein sitzendes, recht zorniges Erdferkel. Fasziniert starrte ich ihn an und bekam gerade noch mit, dass er mich aus dem Raum schmiss – mit der Auflage, am nächsten Tag zehn (!) Themenvorschläge mitzubringen. Ansonsten wäre ich raus.

Um es kurz zu machen: Gefeuert wurde ich nicht. Doch das sitzende Erdferkel begleitet mich seither und erscheint mir immer mal wieder. Und dann muss ich echt aufpassen, dass ich den aufgeregten Gesprächspartner nicht einfach anlächle.

Esther Busch ist geschäftsführende Partnerin der Mediaplus Gruppe und Sprecherin des Kölner Hauses der Kommunikation.


Auch schon mal dem Grauen ins Gesicht geschaut? Schreiben Sie uns: meinschlimmsterjob@meedia.de

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