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Coaching-Corner

„Ich hänge seit drei Jahren auf der gleichen Position fest“

Ines Thomas - Zeichnung: Bertil Brahm

Viele Menschen erleben im Laufe ihrer Karriere, dass sie nicht weiterkommen – und befürchten einen „Karriereknick“. Dass diese „Plateauphasen“ auch Chancen bieten, erklärt Ines Thomas in der neuen Folge von Coaching-Corner.

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Jeden Monat beantwortet Business & Leadership Coach Ines Thomas die Fragen der Meedia-Leser/innen. Unvoreingenommen, lösungsorientiert und zukunftsoptimistisch.


„Meine bisherige Karriere würden viele als glatten Durchmarsch bezeichnen. Für mich fühlt es sich allerdings gerade an, als ob ich den berühmten „Knick“ auf der Karriereleiter erlebe. Ich bin 38 und Unit-Leiter in einer großen Network-Agentur. Ich habe immer hart dafür gearbeitet, regelmäßig befördert oder mit neuen, strategisch wichtigen Projekten betraut zu werden. Doch jetzt komme ich nicht mehr weiter und hänge seit drei Jahren auf der gleichen Position fest. Schon zweimal wurde ich übergangen, als es Optionen auf Management-Ebene im Netzwerk gab – trotz durchweg positiven Feedbacks. ‚Du bist strukturiert, visionär und bringst das Team zu Höchstleistungen‘, höre ich immer wieder. Ist es Zeit, den Laden zu wechseln, wenn meine Leistung trotzdem nicht honoriert wird?

Was Sie beschreiben, klingt nach einer typischen – und verständlicherweise frustrierenden – Situation, die viele Menschen irgendwann in ihrer Laufbahn erleben. Lassen Sie es uns doch statt „Karriereknick“ lieber „Plateauphase“ nennen, denn für Ihren beruflichen Weg ist ja nach wie vor vieles möglich.

Eine Vorbemerkung, die mir wichtig ist, bevor wir tiefer einsteigen: Es kann zig externe Gründe geben, warum Sie bei Beförderungen bis dato übergangen wurden, die wir hier nicht überprüfen können. Daher konzentriere ich mich in meiner Antwort auf Denkanstöße und lösungsorientierte Überlegungen, die Sie dann selbst auf Relevanz und Stimmigkeit für Ihren Fall prüfen können. 


Denn bevor Sie sich der Frage widmen, ob es Zeit ist, den Arbeitgeber zu wechseln, lohnt es sich, zu schauen, welche Chancen und Learnings im aktuellen Ist-Zustand stecken, die für Ihre persönliche Entwicklung – egal in welchem Unternehmen – hilfreich sind.

Je höher man in der Hierarchie steigt, desto weniger Rückmeldung bekommt man

Als ersten Impuls möchte ich Sie ermutigen, Ihre blinden Flecken (die übrigens jeder hat) zu entdecken. Erfolgreiche Menschen erleben häufig, dass sie im Laufe ihrer Karriere immer weniger Feedback bekommen. Und wenn, dann ist es selten so explizit, dass es für die persönliche Weiterentwicklung nutzbar ist. Je höher man in der Hierarchie steigt, desto weniger Menschen gibt es im Umfeld, die offen und intentionsfrei Rückmeldungen geben. Häufig wird also nicht nur die Luft, sondern auch die Entwicklungschance durch konstruktives Feedback dünner.

Schärfen Sie daher Ihren Fokus für indirekte Hinweise auf Wachstumsfelder aus Ihrem Kollegenkreis und laden Sie aktiv zu Feedback ein. Auch Ihre/n Vorgesetzte/n können Sie um ein offenes Gespräch bitten, was es aus ihrer/seiner Sicht für einen nächsten Karriereschritt braucht. Nach und nach setzen Sie alle Rückmeldungen und Ihre eigenen Beobachtungen zu einem möglichst umfassenden Bild von sich selbst zusammen und leiten daraus Entwicklungspunkte ab, die Ihnen sinnvoll erscheinen.

Qualitäten können auch zu Hindernissen werden

Im zweiten Schritt möchte ich Sie dazu „anstiften“, Ihre bisherigen Erfolgsmuster einmal so richtig auf den Kopf zu stellen. Denn interessanterweise sind es oft ausgerechnet genau die Eigenschaften und Qualitäten, die uns lange Zeit erfolgreich gemacht haben, die uns irgendwann in die Quere kommen. Ganz egal, welche Stärken jemand hat – sei es Kreativität, Durchhaltevermögen oder Mut – alle Qualitäten können ab einem gewissen Ausprägungsgrad auch mal zum Hindernis werden.

Ein Beispiel: Der amerikanische Executive Coach Marshall Goldsmith hat in seinen Untersuchungen mit Führungskräften herausgefunden, dass 98,5 Prozent der Befragten glaubten, mit ihrer Performance unter den Top-50-Prozent in ihrer Peergroup zu sein. Statistisch gesehen, wenig plausibel. Worauf ich hinaus will, ist, dass erfolgreiche Leute eine Tendenz dazu haben, sich zu überschätzen. Das Selbstvertrauen, das es braucht, um erfolgreich zu sein, kann – vor allem in Kombination mit zu wenig relevantem Feedback – den Blick auf Entwicklungspotentiale versperren.

Ich sage nicht, dass dies auch bei Ihnen zutrifft, sondern möchte Sie zu einer Reflektion zu folgenden Fragen anregen: „Wegen welcher Eigenschaften war ich bisher erfolgreich? Trotz welcher Eigenschaften war ich bisher erfolgreich?“

Wenn Sie oft gesagt bekommen, dass Sie besonders strukturiert und visionär sind und das Team zu Höchstleistungen bringen, überlegen Sie mal, was sind mögliche Aspekte oder Auswirkungen dieser Qualitäten, die Sie möglicherweise noch besser in Balance bringen wollen? Denn Fähigkeiten, die uns zum Erfolg geführt haben, sind nicht zwangsläufig für zukünftigen Erfolg hilfreich. Marshall Goldsmith formuliert es so: „What brought you here, won’t get you there“.

„Passt das, was in meinem Unternehmen erwartet wird, wirklich auch zu mir?“

Spannend wird es, wenn Sie diese Überlegungen nun noch in den Kontext der Position, die Sie anstreben, bringen. „Welche Ihrer Qualitäten und Verhaltensweisen sind dafür hilfreich oder sogar unabdingbar? Welche eher nicht?“

Interessant ist auch der Abgleich, welche Eigenschaften im Rahmen der Unternehmenskultur für so eine Funktion besonders „gefragt“ sind. Hier geht nicht darum, dass Sie sich verbiegen sollen, um „erfolgreich“ in die Kultur zu passen, sondern darum, bewusst zu betrachten: „Passt das, was in meinem Unternehmen von einer Top-Führungskraft an Verhalten und Eigenschaften erwartet wird, wirklich auch zu mir?“ Diese Frage bringt Sie vielleicht auch schon näher zu der Antwort, ob Sie die Firma wechseln sollten, um den nächsten Schritt zu machen.

Plateauphasen haben auch ihren Charme

Zuletzt noch ein paar Gedanken zum Wert von Plateauphasen. Auch, wenn es sich für Sie gerade vielleicht nach Stagnation anfühlt, haben solche Phasen ihren Charme. In Zeiten, in denen Sie Ihren Job ganz routiniert machen können, bleibt unter Umständen mehr Energie, um an anderen Themen zu arbeiten, die Sie persönlich weiterbringen. Es lohnt sich zu fragen: „Was wird durch meine aktuelle Situation gerade möglich?“

Und auch wenn Sie dabei Ihr Ziel „Beförderung“ fest im Blick behalten, dürfen Sie immer wieder auch den Fokus darauf lenken, was Sie ganz konkret in Ihrer täglichen Arbeit motiviert. „Was von dem, das ich tue, macht mir Spaß? Und an welchen Parametern lässt sich mein Erfolg im Daily Business bemessen?“

Vielleicht entdecken Sie ja auf dem freien Weitblick des Plateaus sogar noch alternative Varianten von Erfolg, die langfristig motivierend sind. 

Ich wünsche Ihnen viel Spaß und Erfolg für Ihre nächsten (Entwicklungs-)Schritte.


JETZT SIND SIE DRAN!

Sie stehen vor neuen Aufgaben oder Herausforderungen? Sie stecken mitten in einer (un)freiwilligen Veränderung? Oder Sie wollen die äußeren und inneren Konflikte des Medienmenschen-Lebens lösen? Dann schreiben Sie Ines Thomas unter [email protected].

KLEINGEDRUCKTES

Diese Kolumne soll unseren Leser/innen auf Basis der eingesandten Fragen erste Anregungen für Lösungsansätze geben und kann eine persönliche Coaching-Sitzung nicht ersetzen. Indem Sie eine Frage an die Kolumnistin richten, stimmen Sie zu, dass Ihre Email anonymisiert – ganz oder in Auszügen – veröffentlicht wird. Unter Umständen werden eingesandten Fragen zugunsten einer besseren Les- und Nachvollziehbarkeit gekürzt und/oder redaktionell bearbeitet. 

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