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Menschen und Marken

Vom Homeoffice ins digitale Nirwana

Frank Dopheide Illustration: Bertil Brahm

Wie hält man die Mitarbeiter bei der Stange und den Laden am Laufen, wenn der Bürobesuch dauerhaft flexibel gestaltet werden soll? Und wie gelingt dies, ohne sich der zwar effizienten, aber auch zutiefst unmenschlichen Seele der Digitalisierung komplett unterzuordnen?

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Während unsere Unternehmenswelt bisher auf der digitalen Landstraße mit Tempo 70 unterwegs war, hat Covid 19 sie über Nacht auf die Überholspur gesetzt. Das Tempolimit ist aufgehoben. Die Mitarbeiter wurden vom Arbeitstisch weg an den beweglichen Rechner ins Homeoffice gesetzt. Die Überraschung war groß: Es funktioniert. Das digitale Wunder, die Aufhebung von Raum und Zeit gilt auch im Großraumbüro und für die 35-Stunden-Woche. Jetzt greift die technologische Killerapplikation Kostenersparnis und ihr Betäubungsmittel Convenience. Nach 100 Tagen in digitaler Freiheit wissen wir, ein Viertel der Arbeitskräfte will nie wieder zurück, fünfzig Prozent will den Bürobesuch flexibel nach Tagesform, Kindermädchen und Wettersituation gestalten. 

Wie gehen Unternehmen damit um?

Der CFO reibt sich die Hände, gibt dreißig Prozent der Raumfläche zur Untervermietung frei und stellt tausende unbesetzte Schreibtischstühle bei Ebay ins Netz. Leicht verdientes Geld. Der HR-Vorstand arbeitet wohlwollend an neuen Arbeitsrichtlinien, um die neue Welt zu synchronisieren. Der Betriebsrat formuliert neue Anträge für größere Bildschirme und ergonomische Arbeitsstühle. Der CEO ringt mit sich und der lebenswichtigen Frage: Wie hältst du die Menschen bei der Stange und den Laden am Laufen? 

Die Gefahr ist groß und unsichtbar, das digitale Universum tickt anders. Dort existieren nur zwei Dinge: die Null und die Eins. So begreift Digitalisierung die Welt und presst all das, was uns ausmacht in ihr Schema F. Das Unerwartete, Persönliche und Unerklärbare hat dort keinen Speicherplatz. 

Ein Blick auf unsere eigene Tastatur zeigt, was passiert – der digitale Unterschied zwischen Handarbeit und Textverarbeitung. Word macht Kommunikation schnell und einfach. Wir texten rund um die Uhr und rund um die Welt, unser Email Postfach explodiert. Gedanken erstellen wir heute mit Copy und Paste. Je mehr wir in den Computer tippen, desto wackeliger wird die Beziehung zwischen Informieren und Verstehen. Sein wird mit Schein getauscht – inhaltsleerer Text, formal gut gesetzt und autokorrigiert. Da alle die gleiche, funktionale Typographie, Times und ihre Freude nutzen, wird unsere Kommunikation austauschbar, übersehbar und unmerklich. Originäre Gedanken lösen auf sich im Nichts des endlosen Emailstroms. 

Der einzige Weg jemand wirklich zu erreichen ist heute die persönliche Notiz per Hand – gerne als Brief, sichtbarer als alles, was ich an digitalen Botschaften senden kann. Gleichzeitig laden die handgeschriebenen Worte den Inhalt mit zahlreichen unausgesprochen Botschaften auf. Ich vermittle: Du und das Thema seid mir wichtig. Die Emotion und die Verfassung des Absenders werden auf den ersten Blick lesbar. Die Handschrift macht uns als Individuen erkennbar und unterscheidbar. Times und Co fressen unsere Persönlichkeit auf. Bei aller Convenience verliert Kommunikation digital an Wert, Wirkung und Sinn. 

Nun stülpen wir diese Universalmacht der Automatisierung und Standardisierung über ganze Unternehmen. Wir ordnen uns ganz und gar den Pixeln, Bits und Bytes unter.    

Unternehmen werden zu Zoom-Call-Centern, Kollegen zu Avataren, das Projektmanagement künstlich intelligent und unsere Arbeit mit Gamefication optimiert und durch Ganzjahreslikes dokumentiert.  

Unsere Kollegen mutieren zum Geisterwesen der Begegnung im digitalen Raum. Wir sind auf dem Weg, dass Rechnen unser Denken ersetzt und der Algorhythmus zum Chief Innovation Officer erklärt wird. Denn mit seiner effizienten Seele ist die Digitalisierung zutiefst unmenschlich.

Wir sind gefordert, all das zu retten, was die Arbeit, das Schöpferische und Menschliche ausmacht: die ungeplante Begegnung am Kaffeeautomat, das informelle Netzwerk, den Flurfunk, die Betriebsfeier, den Alltag und das spürbare Teamerlebnis. Der sechste Sinn des Unternehmens. Ohne ihn funktioniert der ganze Apparat nicht. Wir, die Kreativen, müssen uns was einfallen lassen, ihn in die neue Zeit zu retten. 


Frank Dopheide war Chairman von Grey und Geschäftsführer beim Handelsblatt. Zuletzt hat er die Purpose-Agentur Human Unlimited gegründet. Für MEEDIA schreibt er über Menschen, Marken und Menschenmarken.

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