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Wochenrückblick

Die unrühmliche Medien-Karriere der „Stammbaumrecherche“

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Die Verwendung des Begriffs „Stammbaumrecherche“ zeigt leider, wie wenig lernfähig Medien sind. Bei der „Rheinischen Post“ wird Schülern auf die Finger geschaut. Enttäuschte Mitarbeiter wenden sich öffentlichkeitswirksam von ihren Medien ab und Boris Palmer hat Besseres zu tun. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Mit echten oder scheinbaren Krawallnächten haben Medien häufiger mal Probleme. Wir erinnern uns an den angeblichen „Flüchtlingsmob“ anno 2017. Bei einem Volksfest in dem baden-württembergischen Nest Schorndorf sollten 1.000 junge Leute randaliert haben. Dabei waren rund 1.000 Leute anwesend. Ein feiner Unterschied. Auslöser war damals eine missverständliche Pressemitteilung der Polizei, die von der dpa falsch wiedergegeben und in Medien und Social Media für reichlich Wallung sorgte. Den „Mob“ gab es nicht und die dpa entschuldigte sich. Aktuell machte das unschöne Wort „Stammbaumforschung“, bzw. „Stammbaumrecherche“ die mediale Runde, das dem Stuttgarter Polizeipräsidenten Frank Lutz zugeschrieben wird. Zugeschrieben deshalb, weil er es nicht gesagt hat. Es geht um die Aufarbeitung der tatsächlichen Krawallnacht in Stuttgart vom 20. auf den 21. Juni in diesem Jahr. Am 9. Juli gab Polizeipräsident Lutz in Stuttgart Infos zum Stand der Ermittlungen. Dabei ging es auch darum, ob und wieviele der Randalierer Migrationshintergrund hatten. Um das zu ermitteln, bedürfe es „letztendlich Recherchen bundesweit bei den Standesämtern“, so Lutz wörtlich. Der Stuttgarter Stadtrat Marcel Roth (Grüne) schob ihm dann in einem Facebook-Post unter, er habe angekündigt, mit Hilfe der Landratsämter deutschlandweit „Stammbaumrecherche“ zu betreiben. Die Stuttgarter Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten machten daraus die Schlagzeile „Polizei betreibt Stammbaumforschung der Tatverdächtigen“, nachdem die dpa die Berichterstattung der beiden Zeitungen aufgriff , nahm die Berichterstattung nochmal gehörig Fahrt auf. Wobei die dpa sogar von Beginn an schrieb, dass ein Sprecher der Stadt Stuttgart erklärte, dass die Polizei keinen „Ahnen- oder Stammbaumforschung“ betreibe. Wenn es schon keine deutschlandweite „Stammbaumrecherche“ gab, so dann doch immerhin eine deutschlandweite Verbreitung dieses toxischen Begriffs. Denn natürlich schwingen bei „Stammbaumrecherche“ im Hinterkopf NS-Assoziationen mit. Das ist nicht einfach nur „zugespitzt“, wie Marcel Roth später gegenüber der Kontext Wochenzeitung erklärte, das ist böswillig und gefährlich. Die ganze Geschichte ist leider auch wieder bezeichnend dafür, dass Medien offensichtlich lernunfähig sind. Siehe Schorndorf. Immer und immer wieder funktionieren die gleichen Reflexe wenn vermeintlich skandalöses Schlagzeilenmaterial auftaucht und von Social Media verstärkt wird. Nicht fragen, sondern abschreiben und weiterverbreiten, lautet leider die gängige Devise. Damals bei Schorndorf genauso wie heute bei Stuttgart und in vielen weiteren Fällen.

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Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei Medien manchmal deutlich auseinander. Ich will nicht sagen, dass dies bei der hoch geschätzten Rheinischen Post der Fall ist aber der selbstgesteckte Anspruch wird dort ein bisschen ungeschickt formuliert, wie dieser Ausschnitt aus dem Chefredakteurs-Newsletter zeigt:

Ob die Aussage, dass da „zwei erfahrene Kollegen“ der Journalistenschülerin auf die Finger schauen die Leser tatsächlich beruhigt oder doch nur die Schülerin verärgert? Ein Satz aus der Rubrik: „Hätte man sich sparen können“.

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Der Kündigungsbrief der New-York-Times-Redakteurin Bari Weiss schlug diese Woche hohe Wellen. Frau Weis kritisiert ein repressives und feindseliges Klima in der Redaktion des US-Vorzeigemediums. Sie selbst sei als Nazi und Rassistin bezeichnet worden, nur weil sie eine ihrer Auffassung nach „zentralistische Position“ bezogen habe. Der Fall von Frau Weiss erinnert entfernt an Birk Meinhardt, der freilich ein ganzes Buch brauchte (Wie ich meine Zeitung verlor) um seinen Weggang von der Süddeutschen Zeitung öffentlich zu verarbeiten. Ich kann beide Fälle nicht beurteilen. Weder weiß ich, wie es in den Redaktionskonferenzen der New York Times zugeht, noch was Herr Meinhardt bei der Süddeutschen erlebt und erlitten hat. Diese relativ neue Mode, seinen Abgang bei einem namhaften Medium öffentlich zu zelebrieren finde ich aber ein bisschen seltsam. Medienhäuser waren und sind Tendenzbetriebe. Manchmal ändern sich Konstellationen in der Chefredaktion und/oder die Ausrichtung eines Blattes und hinterher passt es für den einen oder die andere nicht mehr so. Meistens bedeutet das für Journalisten, die in einer solchen Situation gehen, nicht das Ende der Karriere. Ihre Qualifikationen sind nach wie vor da und dann hoffentlich woanders gefragt. Muss man da ein Buch schreiben oder ein umfangreiches Kündigungsschreiben auf seiner Website veröffentlichen wie Bari Weiss. Mal ganz davon abgesehen: Es wäre ehrlicher und sympathischer gewesen, wenn Bari Weiss ihren Text nicht als persönlichen Brief an den NY-Times-Herausgeber angelegt hätte. Meine Güte, sie hat ihrem „Resignation Letter“ sogar eine eigene Rubrik auf ihrer Homepage gegeben! Dieses Konzept des „offenen Briefes“ ist in sich widersprüchlich. Entweder ich schreibe einen Brief, dann ist das persönlich und hat weder bei Facebook noch auf einer Website was zu suchen. Oder ich mache etwas öffentlich. Dann ist es aber kein Brief.

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Der Satz, mit dem Christian Drosten eine unverschämt kurz anberaumte Anfrage der Bild-Zeitung abkanzelte, ist zum geflügelten Wort geworden: „Ich habe Besseres zu tun“. Es gibt mittlerweile T-Shirts und einen Song der Punk-Kappelle ZSK dazu.

Jetzt macht sich auch der bekannteste Provinz-Bürgermeister der Republik den Spruch zu eigen. Bei Boris Palmer war es aber nicht die Bild, die eine Mail schickte, sondern bloß Focus Online. Und es ging auch nicht um die Bekämpfung einer weltweiten Pandemie, sondern um Palmers ollen Zoff mit einem Studenten, bei dem das Stadtoberhaupt diesen mit Hilfe seines Dienstausweises zur Herausgabe seiner Personalien bringen wollte. Nichts gegen Palmer – aber man erkennt hier schon einen gewissen Unterschied in der Qualität.

Schönes Wochenende!

Korrektur-Hinweis: In einer ersten Version dieses Textes hieß es in dem Abschnitt zur „Stammbaumrecherche“, dass die Berichterstattung „richtig Fahrt aufgenommen“ hat, nachdem die dpa die Berichte von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten aufgriff. Dies bezog sich darauf, dass die deutschlandweite Berichterstattung nach dem ersten dpa-Bericht deutlich zunahm. Es fehlte aber ein Hinweis, dass die dpa in ihrem Text von Beginn an darauf hinwies, dass ein Sprecher der Stadt Stuttgart sagte, dass der Begriff „Stammbaumforschung“ gar nicht gefallen war. Im Kontext konnte so der Eindruck entstehen, auch die dpa habe den Begriff unreflektiert verbreitet, was nicht der Fall war. Der Textabschnitt wurde entsprechend angepasst.

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