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OK Boomer

Ihr Medien-Entscheider*innen müsst BIPoC-Journalist*innen fördern!

Der Journalismus in Deutschland ist sehr weiß. Das zeigt auch die Berichterstattung über Rassismus. Was wir weißen Journalist*innen tun müssen, damit sich das verändert, schreibt Leonie Schlick.

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Vielleicht wisst ihr, liebe weiße Boomer, noch nicht so lange, dass ihr weiß seid. Wir 15 weißen Nachwuchsjournalist*innen wussten es auf jeden Fall die meiste Zeit unseres Lebens nicht. Das ist leider normal. Wir leben in einer rassistischen Gesellschaft. Dazu gehört, dass wir weiße Menschen es gewohnt sind, als Norm zu gelten. Schwarze Menschen, People of Color oder Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind das oft nicht. Die Journalistin und Autorin Alice Hasters schreibt in ihrem Buch Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten: „Weiße werden als Individuum gesehen, BIPoC als Stellvertreter*innen einer ganzen Gruppe.“ Das macht auch etwas mit unserer Berichterstattung. (Falls Ihr es nicht wisst: BIPoC steht für Black, Indigenous, and People of Color)

Ihr könnt euch jetzt persönlich hiervon ausnehmen. Ihr könnt sagen, dass ihr weder rassistisch denkt, noch handelt und dass man das eurer journalistischen Arbeit auch ansieht. Aber dann könnt ihr euch sicher sein, dass sich im Journalismus nichts verändern wird. Und das muss es.

Nicht-weiße Perspektiven finden viel zu wenig statt. Das zeigt sich in redaktionellen Entscheidungen und in der Berichterstattung. Beispielsweise, wenn die Redaktionen großer deutscher Talkshows denken, es sei eine gute Idee, zum Thema Rassismus nur weiße Menschen einzuladen. Wenn die Berichterstattung über die rassistischen Verbrechen des NSU die Opfer und Angehörigen kriminalisiert und rassistische Stereotype reproduziert.

Dafür seid oft ihr verantwortlich, vor allem die Entscheider*innen unter euch. Denn ihr seid fast alle weiß. Eine kürzlich von den Neuen Deutschen Medienmachern herausgegebene Studie zeigt: Nur sechs Prozent der Chefredakteur*innen der reichweitenstärksten 122 Medien in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. „Gruppen, die besonders von Rassismus und Diskriminierung betroffen sind, sind darunter nicht vertreten”, heißt es in der Studie. Das wird der gesellschaftlichen Realität nicht gerecht. Ihr Entscheider*innen müsst BIPoC-Journalist*innen nicht nur fördern, sondern auch in eure Positionen lassen.

Wir weiße Nachwuchsjournalist*innen fragen uns: Wie können wir es besser machen? 

Ein wichtiger Schritt: Wir müssen uns mit unserem Weißsein auseinandersetzen und damit, was das für unsere journalistische Arbeit bedeutet. Verstehen, dass unser Weißsein die Perspektive ist, von der aus wir Journalismus betreiben. Diese Perspektive ist nicht neutral. Und es gibt Bereiche und Themen, die wir nicht nachempfinden können. Dessen müssen wir uns bewusst sein und das reflektieren. Menschen fragen, die es wissen könnten.

Medien dürfen nicht mehr darüber diskutieren, ob es Rassismus gibt. Wir müssen Rassismus als gesellschaftliche Realität anerkennen. Es ist ein weißes Privileg, nicht über Rassismus sprechen zu müssen, weil er uns eben nicht betrifft. Dieses Privileg müssen wir ablegen. Wir müssen Rassismus sichtbar machen – auf allen Ebenen, auf denen er passiert: im Alltag, im Beruf, bei den Behörden, der Polizei – und in der journalistischen Berichterstattung. Es darf nicht sein, dass nicht-weiße Menschen ständig über ihre schmerzhaften Rassismus-Erfahrungen sprechen müssen, um zu zeigen, dass es sie gibt. 

Wir 15 weißen Journalistenschüler*innen sind dabei zu lernen. Ihr habt uns bisher nicht dabei geholfen, im Gegenteil. Wir wollen es anders machen als ihr. Deshalb müssen wir weiterlernen, zuhören und Platz machen. Und ihr müsst das auch.


Hier schreibt die 58. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule über ihre Perspektiven auf den Jour-nal-ismus und ihre Visionen für seine Zukunft.

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