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Coaching-Corner

„Was ich am besten kann, ist vielleicht bald nichts mehr wert“

Ines Thomas - Zeichnung: Bertil Brahm

Die neue Folge der Coaching-Kolumne dreht sich um einen „Medienbranchen-Klassiker“. Die Klientin sieht in der Print-Welt wenig Perspektiven für ihre weitere Karriere.

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Jeden Monat beantwortet Business & Leadership Coach Ines Thomas die Fragen der Meedia-Leser/innen. Unvoreingenommen, lösungsorientiert und zukunftsoptimistisch.


„Ich bin 53 Jahre alt und Ressortleiterin bei einem Frauenmagazin. Wie für so viele in meiner Zunft, sieht die Zukunft nicht grad rosig aus. Unserer Redaktion stehen weitere große Umstrukturierungen und Stellenabbau bevor. Unabhängig davon, dass ich mich vermutlich eh bald zwangsläufig neu orientieren muss, fühle ich mich grad etwas „berufsmüde“, rat- und mutlos, weil ich wenig Perspektiven für mich sehe. Seit ich denken kann, arbeite ich in Magazin-Redaktionen. Auf meinen lupenreinen Lebenslauf war ich früher einmal stolz, inzwischen nagt es an meinem Selbstbewusstsein, dass ich in verschiedensten Facetten immer nur Print gemacht hab. Das, was ich am besten kann, ist vielleicht bald nichts mehr wert und ein Wechsel in die PR ist keine Option für mich. Ich würde gern selbst die Initiative für eine Veränderung ergreifen. Aber Veränderung wohin?“ 

Herzlichen Dank für Ihre Frage, die vermutlich einige Kollegen und Kolleginnen „da draußen“ so oder ähnlich auch beschäftigt. Der erste Schritt zur Lösung ist bereits, dass Sie selbst aktiv werden, indem Sie Ihre Situation bewusst reflektieren. Auch wenn Sie die Marktlage nicht ändern können, den Blickwinkel auf Ihre Möglichkeiten haben Sie selbst in der Hand. Und eventuell entstehen aus dem einen oder anderen Perspektivwechsel ja Mut und Ideen für andere Wege.  

Und damit sind wir schon mitten im Thema. Aus dem, was Sie beschreiben, ergeben sich einige Aspekte, in denen neue Lösungsansätze stecken könnten. Starten wir mit Ihren Fähigkeiten und Kompetenzen.

„Was sind die Kompetenzen hinter diesen formalen Kompetenzen?“

Als Redakteurin mit Ressort-Verantwortung können Sie vermutlich gut recherchieren, schreiben und noch dazu vielschichtige (Heftproduktions)-Prozesse und ein kreativ arbeitendes Team koordinieren. Nun kommt eine kleine Kreativ-Übung. Und zwar: „Was sind die Kompetenzen hinter diesen formalen Kompetenzen?“ Versuchen Sie mal zu abstrahieren, welche „tiefergehenden Leistungen“ hinter ihren täglichen Tätigkeiten stecken und sammeln alles auf einer Liste, in einer Mindmap o.ä. 

Im zweiten Schritt überlegen Sie für jeden einzelnen Punkt: „In welchen anderen Kontexten wäre diese Fähigkeit noch wertvoll?“ Ein Beispiel: Eine ehemalige Verlagskollegin von mir hat eine tolle Karriere als Chefin vom Dienst und stellvertretende Chefredakteurin gemacht und sich dann aus verschiedenen Gründen entschieden, eine Zweit-Karriere als Lehrerin zu starten. Auch hier ist es hilfreich, komplexe Themen verständlich darstellen zu können und zielgruppengerecht auf den Punkt zu bringen. Und gute Nerven braucht man ohnehin in beiden Jobs.

Noch mehr Ideen gewünscht? Dann überlegen Sie mal, was von den Dingen, die sie ohne überhaupt darüber nachzudenken aus dem EffEff machen, würde anderen Menschen, die Sie kennen, schwerfallen? Ich bin mir sicher, dass Sie einen großen Fundus von unbewussten Kompetenzen haben, für die sie dann auch gleich noch neue Anwendungskontexte suchen können. 

Also „sind Sie“ Journalistin. Ich sage: „Ja, das sind Sie…unter anderem.“ 

Auch meine zweite Anregung ist ein Gedankenspiel für alternative Möglichkeiten. Sie haben sich vor vielen Jahren bzw. einigen Jahrzehnten entschieden, Journalistin zu werden. Also „sind Sie“ Journalistin. Ich sage: „Ja, das sind Sie…unter anderem.“ 

Den Bestseller von Richard David Precht „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ kennen Sie vermutlich. Der Punkt, den ich machen möchte ist, dass wir alle viele verschiedene „Ichs“ in uns tragen. An bestimmten Lebenspunkten entscheiden wir uns eben, dem einen oder dem anderen Ich-Anteil den Vortritt zu lassen. 

Sie haben sich vor vielen Jahren für das „Journalistin-Ich“ entschieden. Hören Sie mal in sich rein. Für welches andere „Ich“, könnte vielleicht genau jetzt der richtige Zeitpunkt sein, sich mal ganz souverän in die „Front Row“ zu setzen? 

Und bevor Sie scheinbar Abwegiges oder frühere Berufswünsche vorschnell abstempeln, gönnen Sie auch verrückten Ideen noch eine kurze „Ehrenrunde“ mit der Frage: „Wer oder was hat (damals) meine Entscheidung gegen diesen Weg / diese Option beeinflusst? Und inwiefern ist das heute wirklich relevant?“ Hier geht’s mir darum, sicherzustellen, dass Ihre persönliche Definition eines „sinnvollen, erfolgreichen Wegs“ tatsächlich aktuell ist.

Kernkompetenz Storytelling

Für das dritte Gedankenspiel, zu dem ich Sie verführen möchte, können Sie eine Ihrer Kernkompetenzen hervorragend einsetzen: Storytelling

Was wäre die bestmögliche Version Ihrer bisherigen Lebensgeschichte, wenn man sie nach dem Heldenreise-Prinzip erzählt? Und wie könnte die Geschichte nach der „entscheidenden Prüfung“ weitergehen? Häufig unterschätzen wir – genau wie Frodo Beutlin in Herr der Ringe – unsere eigenen Heldinnenqualitäten. Da kann ein Blick von außen hilfreich sein. Sie können zum Beispiel auch ein/e gute/n Freund/in oder einen langjährigen Wegbegleiter aus dem Kollegenkreis um Hilfe bitten. Wie würden diese Menschen Ihre Geschichte erzählen? Möglicherweise, sind Sie gar nicht nur „die, die ‚nur‘ Print kann“!?

Es ist entscheidend, welche Narrative, wir uns selbst und anderen über uns erzählen. Diese Geschichten prägen unsere Gedanken, Worte, Taten, Wirkung und auch unseren Blick auf Möglichkeiten und Geschehnisse. Dabei geht es nicht darum, etwas schönzureden oder die Wahrheit zu verbiegen, sondern darum, einen wohlwollend-realistischen Blick auf uns selbst zu werfen. 

Also bringen Sie Ihr bisheriges Narrativ einfach mal zur „Blattkritik“ mit, redigieren sie destruktive Gedanken konsequent und engagieren sich selbst – auch wenn Sie nicht in die Schreibtischseite wechseln wollen – als Ihre persönliche PR-Fachfrau.

Ich hoffe, Sie haben Lust bekommen, eine frische Vision für Ihre nächsten Schritte zu formulieren. Egal, ob es in der Medienbranche oder in neuen Umfeldern für Sie weitergeht: Wichtig ist, dass Sie vorhandene Chancen erkennen und Ihren Fähigkeiten und Talenten den Wirkungsraum geben, den sie verdienen.

Daher: Viel Spaß beim Neuentdecken Ihrer Kompetenzen in allen Facetten. Ich bin gespannt, wie Ihre Story weitergeht!


JETZT SIND SIE DRAN!

Sie stehen vor neuen Aufgaben oder Herausforderungen? Sie stecken mitten in einer (un)freiwilligen Veränderung? Oder Sie wollen die äußeren und inneren Konflikte des Medienmenschen-Lebens lösen? Dann schreiben Sie Ines Thomas unter [email protected].

KLEINGEDRUCKTES

Diese Kolumne soll unseren Leser/innen auf Basis der eingesandten Fragen erste Anregungen für Lösungsansätze geben und kann eine persönliche Coaching-Sitzung nicht ersetzen. Indem Sie eine Frage an die Kolumnistin richten, stimmen Sie zu, dass Ihre Email anonymisiert – ganz oder in Auszügen – veröffentlicht wird. Unter Umständen werden eingesandten Fragen zugunsten einer besseren Les- und Nachvollziehbarkeit gekürzt und/oder redaktionell bearbeitet. 

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