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Wochenrückblick

Der Tina-Hassel-Twitter-Award geht an die „Tagesthemen“

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Die Regierung lässt Geld auf Medien regnen und trotzdem gibt es Kritik. Der Tina-Hassel-Twitter-Award der Woche geht an die „Tagesthemen“. Wer das Hörspiel „Die Enden der Parabel“ hören will, muss auf Zack sein. Und Doc Sander hört beim „Traumschiff“ auf. Wieder mal nur relevantes Zeug in der MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne

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Die Regierung macht das Portemonnaie auf und verteilt Geld an die Medien. Printmedien sollen bis zu 220 Mio. Euro erhalten. Die wegen Corona darbende Filmwirtschaft bis zu 50 Mio. Der Haken an der Kohle für Verlage ist, dass im Gegenzug die Förderung für den Print-Vertrieb gestrichen wird. Schon wird gemeckert. BDZV und VDZ fürchten, dass Print hinten runterfällt. Aber wäre eine staatliche Förderung des Print-Vertriebs nicht Geld für einen ohnehin im Rückzug befindlichen Geschäftszweig? Die Idee, Nachrichten auf Papier zu drucken und jeden Tag aufs Neue mit Hilfe von Lieferwagen und Heerscharen von Austrägern im Land zu verteilen, ist bei Lichte betrachtet schon reichlich anachronistisch. Aber was ist mit den älteren Leuten, die angeblich keinen Zugang zu digitalen Medien haben? Ich glaube, dass ältere Menschen hier gnadenlos unterschätzt werden. Oma und Opa haben in der Breite längst auch ein Smartphone zur Hand. Was bleibt, ist der Wunsch der Verlagsbranche, dass der Staat das alte, lukrative Modell auf Steuerzahlerkosten noch ein wenig künstlich beatmen möge. Der Wunsch ist verständlich, aber das ist nicht Aufgabe des Staates.

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Keine grundsätzlichen Sorgen um ihre Finanzierung müssen sich die öffentlich-rechtlichen Sender machen. Dafür ist in den vergangenen Jahren der Rechtfertigungsdruck auf ARD und ZDF deutlich gewachsen und das ist durchaus zu begrüßen. Immer mal wieder wird mangelnde Staatsferne kritisiert. Das ist manchmal berechtigt, manchmal aber auch an den Haaren herbeigezogen. Die Journalisten von ARD und ZDF könnten freilich selbst auch ein bisschen dazu beitragen, dass man die Öffis nicht als Staats-Claqueure wahrnimmt. Zum Beispiel, indem man solche Tweets ganz einfach bleiben lässt.

Der Tina-Hassel-Twitter-Award geht diese Woche an die „Tagesthemen“.

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Ein Projekt wie die Hörspiel-Fassung des Thomas-Pynchon-Romans Die Enden der Parabel wäre freilich ohne öffentlich-rechtliche Finanzierung gar nicht denkbar. Das über-komplizierte 1.200-Seiten Werk wurde von SWR und Deutschlandfunk zu einem 811 Minuten langen Hörspiel verarbeitet. Premiere hatte das Teil bei SWR2 am 17./18. und 18./19. April in zwei Etappen einmal von 20.03 Uhr bis 6 Uhr früh und dann nochmal von 20.03 Uhr bis 4 Uhr früh. Zwischen dem eigentlichen Hörspiel gab es immer wieder Interviews, Hintergründe usw. Durch die Sendungen führte ARD-Literatur-Kritiker Denis Scheck. Und da frage ich mich schon: Was soll das? Eine Hörspiel-Fassung von Die Enden der Parabel ist natürlich super-schrullig und ultra-nischig und darum bester ÖR-Stoff! Aber wenn man sich schon die Mühe macht, so eine irre Produktion zu stemmen, warum wird diese dann in zwei dicken Batzen weggesendet bis morgens um 6 Uhr? Soll man das auf Kassette aufnehmen? Okay, natürlich wiederholen SWR und Deutschlandfunk das Renommierstück in leichter verdaulichen Happen. Aber was ist mit einer digitalen Version? Das Hörspiel wäre schließlich optimal fürs On-Demand-Hören geeignet. Immerhin angekündigt ist, dass Die Enden der Parabel zwischen 17. September und 12. November bei SWR.de gestreamed werden kann. Auch in der viel beworbenen ARD Audiothek soll das Stück dann zu hören sein. Warum dieser Zeitverzug? Warum diese enge Begrenzung? Vielleicht will man privaten Anbietern wie dem Verlag Hörbuch Hamburg oder der Amazon-Tochter Audible ein bisschen Vorsprung bei der Vermarktung des Werkes geben. Dort kann man das mit Beitragsgeldern produzierte Hörspiel nämlich gegen sauer Selbstverdientes schon jetzt erwerben. Das ganze Prozedere zeigt, wie problembeladen solche öffentlich-privaten Lizenzvereinbarungen in Streaming-Zeiten sind. Die ARD kann zwar behaupten, dass die Beitragszahler zuerst in den Hörgenuss kamen. Aber halt nur, wenn man bis in die Puppen am Radio klebte. Wer das Ding zeitgemäß hören will, muss zusätzlich zahlen oder warten, bis sich das digitalen Zeitfenster im Herbst öffnet. Modern und/oder nutzerfreundlich ist das nicht. Warum ich darauf jetzt komme? Weil ich über diese Rezension des Hörspiels in der aktuellen Ausgabe der Medienkorrespondenz gestolpert bin! Hier ist übrigens die SWR2-Seite zu dem Stück.

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Wir bleiben in der Welt der Öffis, schrauben das Niveau aber um ein paar Umdrehungen runter. Nach Groß-Mime Sascha Hehn und Ober-Matrone Heide Keller geht nun auch noch Doc Sander beim ZDF-Traumschiff von Bord! Dies entnahm ich einem Interview im Fachmagazin T-Online.de. Schiffsarzt Doc Sander wird gespielt von Nick Wilder, der dem interessierten Publikum zuvor vor allem als „Herr Kaiser“ aus einer Versicherungswerbung in Erinnerung war. Wilder ist nicht der erste Traumschiff-Doc, er löste 2011 Horst Naumann ab, der die Rolle als Dr. Schröder von 1986 bis 2010 spielte. Aber Wilder stand immerhin mit den Traumschiff-Legenden Siegfried Rauch und Heide Keller lange zusammen vor der Kamera. Im Interview konstatierte er nun, dass es das „Rademann-Feeling“ an Bord nicht mehr gebe. Gemeint ist der verstorbene Erfinder der Reihe, TV-Produzent Wolfgang Rademann. Wie schon zuvor Sascha Hehn lässt auch Wilder durchblicken, dass er mit der „Qualität“ der Drehbücher zuletzt nicht immer einverstanden war. Was Herr Hehn und Herr Wilder vermutlich nicht sehen: Beim Traumschiff waren die Drehbücher noch nie von irgendeiner „Qualität“. Die Folgen bestanden schon immer aus an den Haaren herbeigezogenen Quatsch-Handlungen mit Schwachsinns-Dialogen. Genau darum schalte ich ja ein!

Schönes Wochenende!

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