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Wochenrückblick

Was passiert, wenn ein Chefredakteur schreibt, was er wirklich denkt? Es gibt Abos!

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Rezo und Prof. Drosten bekommen mal wieder einen Medien-Preis. Bild setzt neue Maßstäbe für unvorteilhafte Produktplatzierungen. Die „Financial Times“ triumphiert. Und der „Katapult“-Chef sagt, was er denkt. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne

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Jetzt bekommen Star-Virologe Christian Drosten und Rezo schon wieder einen Preis. Beide werden mit einem Grimme Online Award ausgezeichnet, Drosten natürlich für seinen allseits bekannten Podcast, Rezo mal wieder für das CDU-Zerstörungsvideo, das ja gar kein Zerstörungsvideo sein soll. Die Preisvergabe an beide Herren ist nicht sonderlich überraschend und noch viel weniger originell. Ein bisschen verwirrt mich das auch, weil Rezo gerade mit seinem Presse-Zerstörungsvideo, das ja auch kein Zerstörungsvideo sein soll, so viel neue Aufmerksamkeit erzeugt hat. Vielleicht gibt es für das aktuelle „Zerstörungs“-Video dann im nächsten Jahr Preise. Genügend masochistische Veranlagung ist in der Branche jedenfalls vorhanden. Im Falle Drosten-Podcast ist noch bemerkenswert, dass dies eines der wenigen Formate ist, dessen Erscheinungsfrequenz mit zunehmender Popularität reduziert wurde. Zu Pandemie-Beginn „sendete“ der Virologe täglich, später nur noch zweimal pro Woche und dann einmal wöchentlich. Jetzt hat er sich gleich ganz in eine Sommerpause verabschiedet. Die noch recht junge journalistische Disziplin des Drosten-Podcast-Recap muss sich ein neues Betätigungsfeld suchen.

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Ich hab wirklich gar nix gegen Werbung und auch Produktplatzierungen sollen ihren Platz haben, wenn es denn sein muss. Was die Bild in dem Video-Format Reif ist Live mit Fußball-Erklärer Marcel Reif und Müller Milch treibt, ist aber für Medium und Marke gleichermaßen schädlich. Das zur Schau stellen und offensive Schütteln und Wegsüffeln diverser Molkerei-Drinks mag gesetzlich korrekt ausgewiesen sein, darum geht es nicht. Aber wie die Moderatoren in den unpassendsten Momenten die Molke in sich reinkippen, überschreitet eindeutig die Grenzen zur unfreiwilligen Komik. Was denkt sich Marcel Reif eigentlich dabei?

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Der Fall des deutschen Unternehmens Wirecard ist spektakulär und vermutlich bald Stoff für eine Netflix-Serie oder einen Hollywood-Film. Mein Kollege Nils Jacobsen erinnert hier völlig zurecht an die mediale Komponente der Story: die unerschrockene Financial Times, die gegen sehr viele Widerstände und Klagen (sogar von der deutschen Finanzaufsicht!) an ihren Recherchen zu Wirecard festhielt. Gut, wenn wir bei all den aufgekratzten und kleinkarierten Debatten dieser Tage manchmal daran erinnert werden, was Journalismus zu leisten im Stande ist.

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Es ist wirklich selten, dass ich beim Lesen eines journalistischen Textes den Eindruck habe, dass da jemand Dinge genau so aufschreibt, wie er sie denkt. Bei diesem Text von Katapult-Chefredakteur Benjamin Fredrich hatte ich diesen Eindruck. Im Editorial der aktuellen Ausgabe des „Magazins für Kartografik und Sozialwissenschaft“ beschreibt er, wie es zwischen dem Verlag Hoffmann und Campe und Katapult, sagen wir mal, geknirscht hat. Katapult und der Verlag haben zusammen ein erfolgreiches Karten-Buch herausgegeben. Dann ging man getrennte Wege und Hoffmann und Campe brachte mit neuen Autoren ein Nachfolge-Buch, das nach Lesart Fredrichs eine dreiste Kopie des Katapult-Konzepts war. Tin Fischer, einer Autoren des neuen Karten-Buchs von Hoffmann und Campe stellt das in seinem Blog ein wenig anders dar. Sei’s drum. So offen und schnoddrig, wie Benjamin Fredrich in seinem Beitrag habe ich glaube ich noch nie einen hiesigen Chefredakteur öffentlich erlebt. Bei all dem Phrasen-Gedresche und der Schönrednerei, die in der Branche kursieren, tut das richtig gut. Darum und weil Katapult ohnehin ein toll gemachtes Produkt ist, habe ich noch am selben Tag, ein Abo bestellt. Und war da nicht der einzige:

Authentizität ist das beste Marketing.

Der Vollständigkeit halber hier noch die Stellungnahme von Hoffmann und Campe:

Schönes Wochenende!

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