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Wochenrückblick

Diskriminierung in Medien am Beispiel von Stefan Raab und Otto

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Die Rassismus- und Diskriminierungs-Debatte ist in den Medien in vollem Gange. Alte Beispiele von Stefan Raab und Otto Waalkes zeigen, dass es nicht ganz leicht ist, einfache Handlungsanweisungen zu geben. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne

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Verwirrende Zeiten. Da sagt die Harry-Potter-Erfinderin J. K. Rowling auf Twitter, dass mit dem Begriff „menstruierende Person“ früher schlicht Frauen gemeint waren und setzt damit einen Sturm der Entrüstung in Gang. Mittlerweile muss sie deswegen schon um die Veröffentlichung ihres neues Buchs The Ickabog beim Hachette-Verlag fürchten. Derselbe Verlag übrigens, der von der Veröffentlichung der Woody-Allen-Biografie absah, nachdem Mitarbeiter gegen das Druckerzeugnis auf die Barrikaden gingen. Ursula Scheer weist in einem Kommentar bei der FAZ mit Recht darauf hin, dass es einen Unterschied macht, ob man jemandem wie Allen vorwirft, ein Adoptivkind sexuell missbraucht zu haben oder ob Frau Rowling sich ganz normal und zivil auf Twitter äußert.

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Die Frage, was man noch so sagen darf, schwebt mal wieder ungut im Raume. Im Nachgang des Todes von George Floyd und dem erneuten Erstarken der globalen Black-Lives-Matter-Bewegung werden auch allerhand Medien-Archive verschärft nach rassistischem und diskriminierendem Material durchforstet. Netflix schmiss Vom Winde verweht und Little Britain aus dem Programm. Dass die BBC aber die The Germans-Folge der 70er-Jahre Sitcom Fawlty Towers von John Cleese aus der Mediathek entfernt, geht dann doch zu weit.

Auch hierzulande findet sich in Archiven Erstaunliches bis Erschreckendes. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland buddelte einen ollen Ausschnitt aus TV total aus, in dem sich Stefan Raab reichlich platt über Homosexuelle bei einem Fußballturnier lustig macht. Die Berliner Tip setzt sich mit Otto – der Film aus dem Jahre 1985 auseinander, in dem Otto einen von Günther Kaufmann gespielten US-Soldaten mehrfach mit dem N-Wort belegt und später als „Herrn Bimbo“ als „Sklaven“ verkauft. Beides war wohl schon zu Zeiten der Veröffentlichung nicht wirklich lustig aber gesellschaftlich offensichtlich akzeptiert. Heute ginge das gar nicht. Vermutlich würden weder Stefan Raab noch Otto Waalkes solche oder ähnliche „Späße“ heutzutage aufführen.

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Dass sich die Zeiten geändert haben und ständig ändern ist nun zugegebenermaßen auch eine platte Erkenntnis. Die Frage ist eher: Was tun wir mit dem alten, giftigen Zeug? Otto – der Film überall löschen und verbieten? In dem Bimbo-Sketch Untertitel als Kontext einblenden? Es gibt wohl kein Patentrezept. Aber wir werden es nicht schaffen, jeden rassistischen oder diskriminierenden Unsinn der Mediengeschichte rückwirkend zu tilgen.

Wie wäre es mit folgendem Vorschlag zur Güte: Die ollen Sachen oll sein lassen. Und wenn man – aus welchem bizarren Grund auch immer – heutzutage auf die Idee käme Otto – der Film neu als DVD zu veröffentlichen oder im TV zu zeigen oder in einen Streaming-Katalog aufzunehmen, dann wäre es vielleicht angebracht, die bewusste Stelle rauszustreichen. Otto – der Film soll hier mal exemplarisch für das Problem stehen.

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Auch das mag nicht immer möglich sein. Manchmal muss man vielleicht tatsächlich etwas untertiteln oder anders den berühmten Kontext herstellen. Und wir sollten sehr genau aufpassen, dass bei aller Sensibilität für solche Themen, der Löschfinger nicht wahllos eingesetzt wird. Einer J.K. Rowling Schreibverbot erteilen zu wollen oder ihre ganz und gar nicht rassistischen Potter-Bücher zu verdammen, weil die Autorin etwas im Sinne der Meinungsfreiheit komplett Okayes auf Twitter gesagt hat, das wäre dumm und ginge klar zu weit.

Und die Fawlty Towers-Folge The Germans zu löschen sowieso. Aber die sollte ohnehin jeder halbwegs vernünftige Mensch längst käuflich erworben bei sich daheim stehen haben!

Schönes Wochenende!

PS: Auch der Podcast Die Medien-Woche meldet sich heute zurück. Christian Meier von der Welt und ich nehmen uns das Thema Neutralität in Medien vor. Dazu gibt es auch ein Interview mit Dr. Anne Schulz vom Reuters Institute und eine kleine (!) Rezo-Nachbesprechung. Wir immer freue ich mich, wenn Sie reinhören!

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