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Twitter

Read before you tweet: Neues Twitter-Feature soll zum Nachdenken anregen

Foto: Imago

Twitter führt eine Denkpause beim Posten ein: Wer einen Artikel auf dem Dienst teilt, ohne ihn gelesen zu haben, der könnte künftig einen Warnhinweis erhalten

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Fake News, Filter Bubble, Hasskommentare – die sozialen Medien haben aktuell nicht gerade den besten Ruf. Ein Grund für die schnellen Eskalationen im Netz: User teilen Artikel oft, ohne sie überhaupt gelesen zu haben. Was dadurch entstehen kann? Eine Debatte, bei der die Meinung vor dem Inhalt steht. Worum ging es eigentlich im Artikel? Das interessiert im Gefecht des Shitstorms niemanden mehr. Genau dieser Problematik ist man sich auch bei Twitter bewusst. „Einen Artikel zu teilen, kann Diskussionen entfachen, also sollte man ihn lesen, bevor man ihn twittert“, schreibt der Dienst auf dem eigenen Netzwerk. Um Letzteres zu fördern, schaltet Twitter jetzt eine Art Denkpause und Leseaufforderung vor das eigentliche Twittern. Dafür soll ein neuer Warnhinweis getestet werden: Sobald ein Artikel retweetet wird, der nicht auf Twitter geöffnet wurde, kann nun eine Frage erscheinen, ob man den Beitrag zuerst lesen möchte. Ein Feature, das es vorerst nur für Android geben wird.     

Ist das jetzt der „elterliche Rat“ vor der Meinungsäußerung oder gar die Entmündigung des Users? Wohl kaum, schließlich kann immer noch jeder selbst entscheiden, wie er mit dem Hinweis umgeht. Und dass es sich bei der Praxis des reinen Headline-Teilens nicht nur um eine gefühlte Wahrheit handelt, hat eine Studie der Columbia University schon 2016 gezeigt. Die ergab, dass sechs von zehn Lesern Artikel auf Twitter teilen, ohne sie je gelesen zu haben. Über einen Zeitraum von 30 Tagen wurden dafür fast 3 Millionen Tweets untersucht, die Inhalte der New York Times, der Huffington Post, von CNN und BBC wiedergegeben haben. Das erschreckende Ergebnis: 59 Prozent der geteilten Links verzeichneten keine Link-Klicks, nicht von anderen Usern und auch nicht vom Absender selbst. Konsumiert und geteilt wurde nur die Headline. 

Überschriften sind Meinungs-Vehikel

Das Problem dabei: Überschriften sind eben nur eine stark verkürzte Darstellung des Inhalts, die Interesse wecken, in den Artikel ziehen sollen. Im schlimmsten Fall liefert der Artikel sogar eine ganz andere Information  als die Headline suggeriert. Diese Gefahr gilt nicht nur für den Yellowpress-Bereich – Clickbaiting hat sich als weitverbreitete Praxis für den Traffic-Erfolg eingebürgert. In den Onlineredaktionen werden sogar eigens Überschriften für die sozialen Medien kreiert, die einzig zum Teilen animieren sollen, schließlich müssen auch die Share-Ziele erfüllt werden. Das mag bei der neuesten Trendfarbe kein Problem sein, bei politischen Inhalten wird es dagegen schwierig. Dazu kommt: Wer sich nicht die Mühe macht, den Artikel zu lesen, transportiert nur – bewusst oder unbewusst – seine eigene Meinung. Der Artikel verkommt zum Überschriften-Vehikel ohne Inhalt.

In beiden Fällen bietet der Warnhinweis von Twitter eine willkommene Nachdenkpause, zumindest in der Theorie.

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