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Rützels Scharmützel

Nachts im No-front-Nirvana

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Ein erhöhter Konsum von Youtube-Videos während der Corona-Nächte hat mich endgültig zur ältlichen Tante gemacht

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Letzte Woche habe ich mit Jugendlichen gesprochen. Ich musste – es war trotz meiner großen Hingabe an das Prinzip der Menschendistanz leider unumgänglich – ein paar Stationen mit der U-Bahn fahren. Die meisten Mitpassagiere waren vorschriftsmäßig atemwegsvermummt, nur zwei männliche Halbwüchsige hatten ihre Maske heruntergezogen, als handele es sich um einen Kinn-BH. „Könnt ihr die bitte richtig aufsetzen?“, bat ich sie, und schob ganz automatisch ein entschuldigendes „no front“ hinterher, was bei jüngeren Menschen so viel bedeutet wie: ist nicht böse gemeint. Ohne Widerworte zuppelten die beiden ihre Masken zurecht, und ich redete mir ein, dass sie beeindruckt waren, weil ich, obwohl in ihren Augen quasi eine Greisin, so flüssig ihre Sprache spreche.

„No front“ habe ich auf Youtube gelernt. In den vergangenen Wochen habe ich dort noch viel mehr Zeit als sonst mit absolut altersunangemessenen Videos verplempert, und allmählich sickerte eben auch die eigene, von der üblichen Alltags- und Mediensprache auf ulkige Art abweichende Sprache der dort operierenden Jungmenschen bei mir ein – vermutlich irgendwie osmotisch, im Schlaf, denn ich schaue gerne drei, vier Videos beim Wegduseln, und der faszinierend erratische Algorithmus beballert mein Unterbewusstsein dann durch die ganze Nacht mit weiteren Filmchen, bis ich irgendwann in den frühen Morgenstunden während eines Videos, in dem ein sehr ernsthaftes Mädchen mit bürokratischem Eifer ihre 250 Lidschatten neu sortiert, hochschrecke und das Laptop zuklappe.

Ich liebe es, in dieser Welt herumzuschnüffeln, in der ich nichts verloren habe. Wenn es gut läuft, verirre ich mich dabei zwischen den Spiegel-im-Spiegel-Ebenen und vergesse die Zeit und alles andere, ungefähr so erholsam stelle ich mir Yoga vor: Es hat etwas extrem Meditatives, wenn Justin in einem Video auf das Video reagiert, in dem Unge auf ein Video reagiert, in dem MiiMii auf ein Video von Leon Machère reagiert, in dem der sich auf eine kindische, komplett aus dem Ruder gelaufene Streitigkeit zweier Youtuber auf der Insel Madeira bezieht, ich kenne natürlich alle Details dazu. In dieser Reaktions-Polonäse stehe ich leider am absoluten Ende der Verdauungskette, denn auf meine Reaktion reagiert niemand mehr, weil keiner meiner gleichaltrigen Freunde meine Youtube-Passion teilt. Sie denken, sie kennen sich aus, weil sie natürlich alle schon das neue Rezo-Video gesehen haben, aber mit keinem von ihnen kann ich mich kompetent über das Finanzdebakel von Inscope 21 und den Trainingserfolg von Tanzverbot unterhalten.

Und sie lachen über mich, wenn ich versehentlich sage, dass ich es „safe“ zu unserer Verabredung schaffe. Wenn ich „Realtalk“ benutze, um klar zu machen, dass ich etwas ernst meine, und wenn ich überschwänglich „1 in den Chat!“ rufe, um mich zu vergewissern, dass sie jetzt doch sicher auch gerne alle einen Eiskaffee trinken gehen wollen. Bitter, aber wahr: Ich habe mich wohl tatsächlich in die ältliche Tante verwandelt, die „affengeil“ sagt und sich damit am Puls der Jugendsprache wähnt.

Trotzdem genieße ich es, zumindest ein paar Parolen der Noch-nicht-Alten zu kennen, als sei das ein Stückchen Geheimwissen. Auch wenn ich stets fürchte, die abgelauschten Worte falsch zu verwenden – das ist das einzige, das mich gottlob noch davon abhält, mich bei den Besuchern des Jugendhauses in meiner Nachbarschaft anzubiedern, wenn sie in Grüppchen draußen stehen und schnell die Kiffware hinter ihrem Rücken verstecken, sobald ich bei meiner abendlichen Gassirunde vorbeispaziere. Obwohl ich den Impuls von Tag zu Tag schwerer unterdrücken kann, ihnen ein verschwörerisches „köstlich schmöchtlich, saftig knaftig“ zuzuraunen, um mich als regelmäßige Zuschauerin von Montana Black zu erkennen zu geben. An alle alten Leute, denen es ähnlich geht: Kuss geht raus.


Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen

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