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Deloitte-Studie zu künstlicher Intelligenz

Deutsche Firmen beim Thema KI auf internationalem Niveau

Foto: imago / Ikon Images

Eine Studie von Deloitte zeigt, dass sich deutsche Unternehmen in Sachen Künstlicher Intelligenz auf internationalem Niveau befinden. Das Geschäft scheint sich zu lohnen. Das Problem: Es herrscht Fachkräftemangel und gleichzeitig Sorge um den eigenen Arbeitsplatz in Deutschland – nicht zu unrecht, wie sich zeigt

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Erst kürzlich wurde bekannt, dass Microsoft wohl drauf und dran ist, das Personal in seinem MSN-Newsroom zu reduzieren – um die Arbeit von einer KI erledigen zu lassen. Laut Spiegel werden zum Monatsende 77 Mitarbeiter ihre Arbeit verlieren. Aber nicht nur amerikanische, auch deutsche Unternehmen setzen zunehmend auf künstliche Intelligenz. Das zeigt eine aktuelle Studie von Deloitte unter rund 2700 KI-Experten aus insgesamt neun Ländern, darunter 200 Experten aus deutschen Unternehmen.

Das falsche Narrativ?

So gaben hierzulande 79 Prozent der Befragten gegenüber Deloitte an, künstliche Intelligenz sei schon heute ein wesentlicher Faktor für einen nachhaltigen Geschäftserfolg. Für die deutsche Digitalwirtschaft ist das ein gutes Zeichen. Denn Deutschland scheint in Digitalfragen offenbar doch nicht so weit abgeschlagen, wie das bekannte Narrativ vermuten lässt. In der Tat engagieren sich viele große deutsche Unternehmen laut Deloitte in diesem Bereich.

Meist werden dabei alle vier Kernbereiche von KI-Technologie – Machine Learning, Deep Learning, Natural Language Processing und Computer Vision – genutzt. Sowohl in Deutschland als auch in den internationalen Vergleichsmärkten gaben über 90 Prozent der Befragten an, dass in ihren Unternehmen die vier Bereiche entweder bereits zur Anwendung kommen oder eine Nutzung in den kommenden Monaten fest geplant sei. Das zeige deutlich, dass künstliche Intelligenz im Mainstream angekommen ist, bedeute aber auch, dass sich Unternehmen mit KI gegenüber großen Wettbewerbern kaum noch einen Vorteil verschaffen können, zieht Deloitte eine erste Bilanz.

KI-Kompetenz wird zugekauft

Klar ist: Die Anwendungsbereiche von KI sind vielfältiger geworden und gehen längst über den IT-Bereich hinaus, wie der aktuelle Fall Microsoft zeigt. Hier gibt es allerdings länderspezifische Besonderheiten. So scheinen in Deutschland KI-Projekte mit Finanzschwerpunkt deutlich verbreiteter als im Rest der Welt. 15 Prozent der deutschen KI-Experten gaben an, dass ihre Unternehmen hier aktiv sind, im Ausland sind es nur sieben Prozent. Dagegen besteht laut Deloitte hierzulande Rückstand in den Bereichen Cyber Security und in Operations, und auch der klassische IT-Bereich wird in Deutschland seltener als Top-Anwendungsfeld genannt.

Ein Trend, der sich bereits in einer früheren Umfrage angedeutet hat, setzt sich offenbar fort: Der Zukauf von externen KI-Kompetenzen und -Technologien ist in Deutschland besonders ausgeprägt. Im Rahmen der Studie gaben hierzulande 55 Prozent der Befragten an, KI überwiegend oder sogar vollständig extern zu kaufen. Nur acht Prozent der Unternehmen entwickeln sie vollständig selbst. Für Deloitte bestätigen die Zahlen auch den globalen Trend zu „AI as a Service“ und die wichtige Rolle der externen Anbieter bei AI-Anwendungen.

Ein Grund dafür sei der Fachkräftemangel im Bereich KI. Für 27 Prozent der deutschen Experten ist die schwierige Suche nach ausreichend qualifizierten Fachkräften laut der Befragung eine wesentliche Herausforderung beim Thema künstliche Intelligenz. Zwar fehle es auch im Ausland an KI-Spezialisten, jedoch stünden für die Unternehmen dort andere Problemthemen, wie beispielsweise Kosten stärker im Vordergrund.

„Die Nachfrage nach KI-Fachkräften bleibt in Deutschland ungebrochen hoch“, sagt Milan Sallaba, Partner und Leiter des Technology-Sektors bei Deloitte. „Schauen wir uns die gesuchten Jobprofile genauer an, zeigt sich, dass Data Scientists, AI Researcher und erfahrene Projektmanager noch genauso dringend gesucht werden wie im Vorjahr. Lediglich im Bereich Change-Management ist der Bedarf um doch recht deutliche sieben Prozentpunkte zurückgegangen. Auch diese Entwicklung ist ein Indiz dafür, dass künstliche Intelligenz mittlerweile zum ‚Business as usual‘ für viele Unternehmen wird.“

KI-Investitionen lohnen sich

Wie die Studie andeutet, lohnt sich das Engagement im Bereich KI aber für die Unternehmen. Laut Einschätzung der befragten Experten amortisiere sich der überwiegende Teil der KI-Projekte in weniger als zwei Jahren. Deutsche Unternehmen gehen im globalen Vergleich sogar von einer kürzeren Amortisationsdauer aus. Die Zeitspanne, innerhalb der sich KI-Projekte bezahlt machen, hängt dabei auch vom digitalen Reifegrad ab.

Während Unternehmen, die gerade erste Erfahrungen mit KI sammeln, vielfach noch nach dem Prinzip „Trial & Error“ agieren, rechnen 42 Prozent der Befragten aus deutschen Unternehmen, in denen bereits umfassende KI-Kompetenzen vorhanden sind, sogar von Amortisationszeiträumen von weniger als einem Jahr. „Zu dieser Gruppe gehören nicht nur die großen Unternehmen, sondern auch der zukunftsorientierte Mittelstand“, so Sallaba. Und weiter: „Im internationalen Vergleich ist der deutsche Mittelstand hier besonders gut aufgestellt und weiß meist genau, wie AI im Unternehmen gezielt Mehrwert bringen kann.“

Trotz ihrer technologischen und ökonomischen Bedeutung birgt künstliche Intelligenz aber auch Risiken, die in ihren unterschiedlichen Ausprägungen immer wieder Gegenstand der öffentlichen Diskussion sind. Während in den acht Vergleichsmärkten Sicherheitsbedenken beim Einsatz von KI als größtes Risiko wahrgenommen werden (24 Prozent), sorgen sich deutsche Experten vergleichsweise stark um mangelnde Transparenz (23 Prozent), den Verlust von Arbeitsplätzen (22 Prozent) und den „algorithmic bias“, also eine systematische, unfaire Verzerrung durch die Anwendung von Algorithmen (16 Prozent) – nicht zu Unrecht, wie das Beispiel Microsoft nun offenbart.

Rassistisch und antifeministisch

Schon bei KI-Testläufen tauchten immer wieder Probleme auf. Das erste Beispiel stammt aus dem Jahr 2016. Damals verwandelte die Realität des Internets Microsofts Chatbot „Tay“ innerhalb von Stunden zu einem rassistischen, antifeministischen und menschenverachtenden Nazi-Bot. War vielleicht noch zu früh.

Nun startete MSN einen neuen Versuch in Sachen KI. Allerdings baute die künstliche Intelligenz, die die kuratierenden Newsroom-Redakteure ersetzen soll, in einen Bericht des Independent einen kapitalen Fehler ein. Der Artikel behandelte die Erfahrungen der Musikerin Jade Thirlwall mit Rassismus. Ihre Eltern stammen aus Ägypten und dem Jemen. Über dem Bericht prangte allerdings kein Bild von Thirlwall, sondern von einer Bandkollegin – auch sie hat Migrationshintergrund. Thirlwall machte ihrem Ärger über Instagram Luft:

„This shit happens to @leighannepinnock and I ALL THE TIME that it’s become a running joke … It offends me that you couldn’t differentiate the two women of colour out of four members of a group … DO BETTER!“

– Jade Thirlwall laut The Verge in einer Instagram-Story

Die Software ist also offenbar nicht mal dazu imstande, Menschen gleicher Hautfarbe auseinander zu halten. Es gibt massiven Nachholbedarf. Aber nicht nur deshalb. Auch das macht die aktuelle Studie deutlich.

KI birgt immer auch Risiken

„Beim Thema Risiken ist wichtig, dass wir nicht nur als Gesellschaft darüber diskutieren, wo und wie AI angewendet werden soll, sondern auch, dass sich Unternehmen ihrer Verantwortung hier bewusst werden und diese aktiv wahrnehmen“, sagt Sallaba. „Sie müssen Risiken und Bedenken aktiv begegnen und hier besteht in Deutschland noch Nachholbedarf. Unsere Ergebnisse lassen den Rückschluss zu, dass es in vielen Unternehmen offenkundig noch an entsprechendem Inhouse-Wissen, auch und besonders bei der Bewertung von Algorithmen, fehlt.“ Bei der Frage nach konkreten Trainingsmaßnahmen zu Ethik oder dem Auditieren und Testieren von KI-Systemen liegen deutsche Unternehmen in sechs von sieben Kategorien zum Teil erheblich hinter dem internationalen Durchschnitt.

Letztendlich zieht Deloitte den Schluss, dass Deutschland beim Thema KI im internationalen Vergleich gut dasteht und das Märchen vom verlorenen Anschluss tatsächlich eher in den Bereich der Fiktion gehört. Und obwohl KI keine Zukunftstechnologie mehr ist, sondern längst im Hier und Jetzt angekommen ist, gehen über 70 Prozent der befragten Spezialisten davon aus, dass künstliche Intelligenz das eigene Unternehmen und sogar die zugehörige Branche verändern wird. Trotz verschiedenster Fehlversuche ist KI wohl gekommen, um zu bleiben.

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