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Hauptversammlung von ProSiebenSat.1

Aus dem roten Salon

Der neue Vorstand von ProSiebenSat.1 stellt sich erstmals offiziell den Aktionären. Von links: Vorstandssprecher und Finanzvorstand Rainer Beaujean, Christine Scheffler (HR) und Wolfgang Link (Entertainment), Foto: Screenshot Hauptversammlung

Die erste Hauptversammlung von ProSiebenSat.1 nach der Ära Max Conze verläuft bis zur Fragerunde der Aktionäre ohne Zwischenfälle. Der neue Vorstand gibt sich Mühe, das Vertrauen der Aktionäre zurückzugewinnen – und Rainer Beaujean verrät auch, ob er schon Tschechisch oder Italienisch lernt

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Es ist der erste Auftritt von Rainer Beaujean in seiner neuen Rolle. Beaujean, offiziell als „Sprecher des Vorstands“ benannt, ist der Nachfolger des gescheiterten Vorstandsvorsitzenden Max Conze, der Ende März dieses Jahres seinen Hut nahm und Beaujean eine angeschlagene Sendergruppe ProSiebenSat.1 hinterlässt. Gesendet wird an diesem Mittwochmorgen aus dem Galileo-Studio, der Corona-Pandemie wegen. Die Schalte steht und der Aufsichtsratsvorsitzende Werner Brandt – an dessen Stuhl die Großaktionäre vor einigen Monaten sägten und der vorerst wieder fest im Sattel zu sitzen scheint – ergreift das Wort zur Begrüßung. Zunächst ein bisschen stotternd, vom Blatt ablesend, dann kommt er in Tritt. Sechs Menschen sitzen hinter Pulten vor rotem Hintergrund, darunter ein Notar. Gegenanträge seien nicht zugelassen, sagt Brandt.

Die Kulisse erinnert an Hart aber Fair, nur eben im roten Salon. Wenig später leitet ein schnell geschnittener Trailer – inklusive Pop-Musik und Szenen aus diversen Shows und Formaten – den neuen Anspruch ein, den Beaujean gleich und nicht zum ersten Mal formulieren wird: wieder mehr Fokus auf das Entertainment zu setzen. Dann schlägt Beaujeans erste Stunde, offiziell jedenfalls. Die Hauptversammlung läuft bis zur Fragerunde der Aktionäre ruhig und ohne Zwischenfälle. Doch stille Wasser sind tief – und diese Veranstaltung ist eben nicht nur der Startschuss für eine erhoffte Zeitenwende in Unterföhring, sondern auch, das wird mehrfach deutlich, der Versuch einer Friedenserklärung an die Aktionäre.

Mit ruhiger Stimme

Insgesamt hat ProSiebenSat.1 das erste Quartal 2020 mit einem leichten Umsatzanstieg von ein Prozent auf insgesamt 926 Mio. Euro abgeschlossen. Doch das Adjusted-EBITDA der Gruppe ging um 17 Prozent zurück und lag zuletzt bei nur noch 157 Mio. Euro (Eine ausgiebige Analyse und weitere Kennzahlen finden Sie im MEEDIA-Artikel „Druck auf dem Kessel). Die Gründe für diese und andere Probleme sind unterschiedlich, aber selbstredend ist Corona auch an diesem Mittwoch eines der großen Themen. „In der Krise“, sagt Beaujean etwa, „tendieren Werbekunden leider dazu, Marketingbudgets zu kürzen oder zu verschieben“.

Allein im April und Mai sind die Werbeeinnahmen von ProSiebenSat.1 um 40 Prozent zurückgegangen. Auch für Juni sei keine Verbesserung in Sicht, sagt Beaujean. In Unterföhring hofft man nun auf Nachholeffekte, wie Beaujean noch einmal bekräftigte. Grund zur Hoffnung gebe, so Beaujean, dass viele Werbebuchungen nicht gestrichen, sondern nur verschoben worden seien. „Wir bleiben optimistisch und bei den Kosten weiter massiv auf der Bremse“, sagt er. Und auch: „Ich richte meinen Blick auf heute und morgen, nicht auf gestern.“ Er meint die Bilanz 2019, man kann dies aber auch als Fingerzeig in Richtung Max Conze verstehen.

Keine Rampensau

Beaujean ist, das merkt man gleich, keine Rampensau; kein Jetsetter, sondern Zahlenmensch. Dunkler Anzug, graue Krawatte, Brille. Er ist auch Finanzvorstand von ProSiebenSat.1 – und wahrscheinlich genau der Typ Chef, den die Unterföhringer nun brauchen. Einer, der in Zahlen und Strategien argumentiert, nicht in großen Visionen und mit viel Tschingderassabum unterlegt. „Wir haben Stellschrauben bewegt“, sagt Beaujean „und wir wollen ProSiebenSat.1 sturmfest machen und auf längeres Unwetter vorbereiten“.

Eine Mrd. Euro will der neue Vorstand in diesem Jahr ins Programm investieren und sich wieder stärker auf die Kernkompetenz der Sendergruppe fokussieren: Entertainment und Infotainment – und zum führenden Anbieter dieser Art in der DACH-Region werden. Gleichzeitig sollen Reise-, Beratungs- und Marketingkosten sowie nicht dringend benötigte Investitionen in die IT eingespart werden. Auch Kurzarbeit soll helfen, bei der Nucom Group ebenso wie beim deutschen Red Seven Entertainment und der österreichischen Tochter Puls4. Insgesamt will man wieder lokaler werden, die Digitalisierung vorantreiben, intelligenter in der Werbung werden, Synergien stärker nutzen und obendrein diversifizierter und damit unabhängiger von klassischen TV-Werbeerlösen werden.

Strapazierte Geduld

Im Anschluss stellt sich der neue Vorstand, zu dem neben Beaujean auch Wolfgang Link als Entertainment-Chef und Christine Scheffler gehört, die unter anderem für Personalthemen verantwortlich zeichnet, den Aktionären. Es ist der heikelste Aufritt an diesem Mittwochmorgen. Denn im Vorfeld gab es bereits Ärger um die Dividenden, die ProSiebenSat.1 für dieses Jahr zurücknehmen wird, um die Liquidität mit weiteren 192 Mio. Euro zu sichern. Eine einmalige Maßnahme, versichert der Vorstand.

Es dürfte eine der größten Herausforderung sein, vor denen Beaujean, Scheffler und Link derzeit stehen: Das Vertrauen bei den Aktionären wieder herzustellen. Schließlich sei deren Geduld, sagt Beaujean, in den vergangenen Jahren herausgefordert worden. Rund 150 Fragen der Aktionäre sind im Vorfeld eingegangen. Im Fokus standen auch die drei Großinvestoren, namentlich Mediaset, deren Anteil an ProSiebenSat.1 derzeit bei knapp 11 Prozent liegt, die sich aber eine Option auf 25 Prozent gesichert haben, Czech Media Invest (CMI), deren Anteil derzeit bei rund zwölf Prozent liegt, und Kohlberg Kravis Roberts (KKR), die seit kurzem knapp fünf Prozent an ProSiebenSat.1 halten.

Stille Wasser

„Lernen Sie schon Tschechisch oder Italienisch?“, lautet eine, nicht ganz ernst gemeinte Frage, aber mit ernstem Hintergrund. Beaujean verneint lächelnd und versichert wiederholt, dass man derzeit „keine strategischen Gespräche“ mit den Großinvestoren führe. Damit erteilt Beaujean auch Gerüchten zu einer möglichen Fusion oder einer Übernahme durch Mediaset eine Absage. Vorläufig jedenfalls. Denn er betont auch, dass ein stärkerer Einfluss von Mediaset durch mehr Anteile nicht auszuschließen sei.

Der Rest der Veranstaltung klingt während der Fragerunde an die Aktionäre spürbar aus. Auch trotz Säbelrasseln von Mediaset im Vorfeld. Und auch, obwohl die Ära Max Conze noch einmal zur Sprache kommt und warum man seinem Treiben so lange zugesehen habe. Die Verantwortlichen antworten ausweichend. Man will vorausschauen in Unterföhring, aber der ein oder andere kurze Blick zurück bleibt Vorstand und Aufsichtsrat auch an diesem Mittwoch nicht erspart. Denn der Sturm ist noch nicht vorüber, auch, wenn dieser an diesem Morgen nur kühle Brisen brachte.

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