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Journalist vs. Medium Magazin

Gendern am Limit

Illustration: Bertil Brahm

Die Branchenmagazine Medium und Journalist streiten über die Verwendung des Begriffs „Journalistin“ auf dem Cover. Den einen geht es um Titelschutz, die anderen sehen ihr Recht aufs Gendern in Gefahr. Da bleibt die Sachlichkeit auf der Strecke. Eine kleine Betrachtung

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Wer gendert, der polarisiert. Anne Will etwa, wenn sie den Bund der Steuerzahler zum Bund der Steuerzahler_Innen macht und dafür eine dramaturgische Pause zwischen Steuerzahler und „Innen“ setzt. Auch der Begriff Studierende – wie Studenten etwa bei der Tagesschau mittlerweile heißen – kommt bei manchen Zuschauern nicht gut an. Und auch in unserem Podcast Medienwoche wurde schon korrigiert, als der geschätzte Kollege „Neue Deutsche Medienmacherinnen“ sagte, und eben nicht – dramaturgische Pause inklusive – von „Neue Deutsche Medienmacher*innen“ sprach.  

Die einen berufen sich darauf, dass „Geschlechtergerechtigkeit“ schon bei der Wortwahl beginnt. Für die anderen ist das flächendeckende Gendern – von Jugendportalen wie Ze.tt mit “Freund*innenschaften” auf die Spitze getrieben – einfach nur „Gendergaga“ (Birgit Kelle). Normalerweise ist die Grenze für und wider das Gendern klar gezogen. Neu ist nun, dass auch das Gendern eines Magazintitels verärgern kann – und zwar nicht jene, die das Gendern ablehnen, sondern jene, die es auch selbst tun. Aktuell streiten nämlich das Medium Magazin und der Journalist über die Verwendung des Begriffs Journalistin auf dem Cover. Die einen pochen auf den Schutz ihres Titels, die anderen sehen ihr Recht aufs Gendern in Gefahr. Die Sachlichkeit bleibt da bisweilen auf der Strecke.

Darf ein Verlag einem anderen den Titel stehlen?

Und so kam’s: Der Journalist-Verlag hat jüngst Gerichtspost auf Antrag des Oberauer Verlags, der das Medium Magazin vertreibt, erhalten. Grund ist der neue – oder sagen wir – erweiterte Titelkopf des Journalist, der seit Januar in zwei Varianten erscheint: als Journalist und als Journalistin. Das Problem: Der Oberauer Verlag publiziert seit 13 Jahren in Deutschland die Journalistin. Zu Beginn als eigenes, gedrucktes Magazin. Nach der Bankenkrise 2008 gedruckt als Doppeltitel zusammen mit Medium Magazin, dessen Rücken mittlerweile einmal jährlich die Journalistin ziert.

Für Journalist-Herausgeber Matthias Daniel geht es bei den zwei Titelkopf-Varianten, die er eingeführt hatte, um “ein Zeichen der Gleichberechtigung und der Vielfalt”. Für den Oberauer Verlag geht es nun um Titelschutz, selbstredend den eigenen (MEEDIA berichtete). Während der eine, Daniel, nun suggeriert, dass ihm der Oberauer Verlag das Gendern quasi verbieten will, ist der andere, Johann Oberauer, erbost darüber, dass dies von Daniel so dargestellt wird. Man habe, heißt es in einer Mitteilung des Oberauer Verlags, im Vorfeld mehrfach auf die Titelansprüche hingewiesen, sei aber ignoriert worden. Nun müsse ein Gericht klären, „ob ein Verlag dem anderen den Titel stehlen darf“. 

Verwechslungsgefahr – ja oder nein?

Unterm Strich – so kann man das sehen – macht der Journalist seit Januar eigentlich nichts anderes als den Namen, den er eh schon hat, auch in der (vermeintlich) politisch korrekten Variante auszuspielen. Das darf er nun erstmal nicht mehr, bis eine endgültige Entscheidung eines Gerichts getroffen wird. MEEDIA wollte es genauer wissen und hat die Kanzlei Höcker – in der Branche gleichermaßen berühmt wie berüchtigt – um eine externe Einschätzung gebeten. Die Kanzlei ist nicht in den Fall involviert.

Johannes Gräbig, Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz, mahnt auf MEEDIA-Anfrage zunächst an, den Streit als das zu benennen, was er ist: “Es geht hier nicht um einen Urheberschutz, sondern um den Schutz der Bezeichnung Journalistin als Titel einer Zeitung”. Und weiter: “Damit ein Begriff wie ‚Journalistin‘ überhaupt geschützt ist, muss er unterscheidungskräftig sein. Allerdings sind die Anforderungen hieran vor allem bei Zeitschriftentiteln nicht sehr hoch”. 

Gräbig verweist bei seiner Erklärung etwa auf Titel wie Art für ein Kunstmagazin, Capital für ein Wirtschaftsmagazin oder Auto Magazin für eine Autozeitschrift. Medien also, die – Konkurrenz hin oder her – im Titel bereits mehr oder weniger erklären, worum es im Blatt geht, und trotzdem geschützte Titel sind. Zum Streit zwischen dem Oberauer Verlag und dem Journalist sagt er: “Die Entscheidung des Gerichts (per einstweiliger Verfügung – Anm. d. Red.) ist durchaus nachvollziehbar, zumal beide Magazine einen ähnlichen inhaltlichen Fokus haben, so dass sie miteinander verwechselt werden könnten”.

Wenn sich zwei um sich selbst drehen

Und doch sind es gerade Streits wie diese, die – bei allem gebotenen Verständnis für die juristische Komponente – einen Beigeschmack haben; wenn auch keinen faden, sondern eher einen abenteuerlichen. Offenbart die Art und Weise, wie dieser Streit gerade öffentlichkeitswirksam ausgetragen wird, doch eine gewisse Dekadenz, die der Medienbranche nicht immer zu unrecht unterstellt wird. Unfreiwillig komisch – mehr als eh schon – wird es dann auch, weil der Oberauer Verlag zwei Marken im Portfolio hat, die – Sie ahnen es – Journalist heißen; wenn auch mit dem Zusatz “Der österreichische” respektive “Schweizer” in kleinen Lettern.  

Wer genauer liest, kann sich des Eindrucks summa summarum also nicht erwehren, dass sich da zwei Streithähne so sehr um sich selber drehen, dass es einem vom Zusehen schon ganz schwindlig wird. So schreibt der Oberauer Verlag, wohl ein bisschen zu herablassend: „Ein simples Gender-Sternchen oder ein Unterstrich zwischen Mann und Frau und sofort könnte Friede einkehren, aber Titelklau geht nicht. Noch dazu von einem Verband, der laut Eigenangaben den Journalismus besser machen will“. Und Daniel, ein bisschen sehr in der Rolle des Moralisten verhaftet, findet: “Ein Gericht ist wohl kaum der geeignete Ort, um darüber zu verhandeln, ob und wie ein Magazin seine weiblichen Leser ansprechen darf.” 

Dass da zwei Parteien – wohl mehr bewusst als unbewusst – aneinander vorbeireden, liegt auf der Hand. Doch so ist das eben mit dem Gendern: es polarisiert. Manchmal auch auf unerwartete Weise.

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