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Youtube-Video "Die Zerstörung der Presse"

Rezos solide Medienkritik

Illustration: Bertil Brahm

Mit „Die Zerstörung der Presse“ versucht Rezo gerade, an den Erfolg von „Die Zerstörung der CDU“ anzuknüpfen. Die Chancen stehen gut, dass ihm das gelingt. Denn einmal mehr widmet sich der 27-Jährige einem Reizthema. Dieses Mal allerdings auf eine Art, die zeigt: Rezo hat sich weiterentwickelt

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Zu Beginn eine kleine Anekdote meinerseits: Es war einmal ein entfernter Bekannter und – so sagte man jedenfalls – Journalist, der dem Sänger Florian Silbereisen eine Krebserkrankung andichtete. Selbstredend nicht als Tatsachenbehauptung, sondern im Konjunktiv. Könnte Silbereisen an Krebs erkrankt sein?, fragte er sinngemäß. Die Basis seiner Spekulation war diese: Silbereisen ist tätowiert – und Tätowierungen erhöhen bekanntlich das Krebsrisiko. Auf solch einen kausalen Blödsinn muss man erstmal kommen. 

Es sind Fälle, die an diesen erinnern, mit denen sich der YouTuber Rezo in seinem neuen Video „Die Zerstörung der Presse“ zuvorderst beschäftigt. Gelungen ist ihm eine solide Medienkritik, die zwar Schwächen aufweist, aber zeigt: Rezo hat sich offenkundig weiterentwickelt. Mehr noch ist sein neuestes Werk ein durchaus sehenswertes Video – wenn man die Fremdscham aushält.

Mindestmaß an Anstand

Für „Die Zerstörung der Presse“ ist Rezo erfreulich tief in die bunte Welt der Regenbogenblätter und derer eingetaucht, die sich ähnlicher Mechanismen bedienen. Also in die Welt sogenannter – wie ich einmal in einem Seminar an der Journalistenschule lernte – „bouliöser“ Medien etwa. Die nennen sich teilweise übrigens selbst so. Magazine und Nachrichtenseiten, die vorgeben, seriös zu sein, aber ihre Überschriften aufblasen und es mit den Fakten nicht so genau nehmen; manches hintenüberfallen lassen, was der Botschaft nicht zuträglich ist.

Aber auch seriöse Medien werden von Rezo beim Schopfe gepackt und auf ihre Versäumnisse hingewiesen, anhand einzelner Artikel. „Die Zerstörung der Presse“ ist – anders als der Titel suggeriert – also keine Generalabrechnung mit dem Journalismus. Dies ist insofern auch relevant, weil Rezo darin Schlagzeilen kritisiert, die suggerieren, was dann nicht kommt. Da tritt er sich dann selbst gegen das Bein. Aber sei’s drum.

Bevor es ans Eingemachte geht, nimmt „Die Zerstörung der Presse“ zunächst einen deutlich zu langen Anlauf. Denn die ersten Minuten drehen sich wohl der Fallhöhe wegen um Echsenmenschen, die Illuminaten und Bill Gates, der uns Chips einsetzen will. Auch um das Attentat von Christchurch geht es, darum, dass der Täter an die jüdische Weltverschwörung glaubte. Um derlei und anderen Wahnsinn unserer Zeit eben. Rezos erstes Fazit lautet: „Solche Bullshit-Verschwörungsstories können sackgefährlich sein.“

Damit hat er zweifellos recht. Wer „Die Zerstörung der CDU“ gesehen hat, der ahnt aber bereits, worauf das hinauslaufen wird. Rezo, der jüngst den Nannen-Preis gewonnen hat, bedient sich auch in seinem neuen Video folgendem Mechanismus: Er sucht sich Extreme heraus – bei „Die Zerstörung der CDU“ war das etwa das Video der amerikanischen Kampfpiloten, die auf Unschuldige feuern wie in einem Videospiel – und schlägt anschließend eine Brücke zu seiner eigentlichen Kritik. Ob sich das eine nahtlos mit dem anderen verknüpfen lässt oder mit viel Wohlwollen nur so ein bisschen, das interessiert Rezo weniger.

Und dennoch: Schwächen wie diese bleiben unterm Strich nur Nebenschauplätze. Der entscheidende Rest von „Die Zerstörung der Presse“ ist solide Medienkritik, passabel strukturiert und verargumentiert. Er verwechselt zwar Focus und Focus Online, aber da ist er auch nicht der einzige, der den Unterschied nicht kennt. Beide Redaktionen arbeiten – im Gegensatz zum Spiegel etwa – komplett unabhängig voneinander.

Richtig und wichtig

Die Palette der streitbaren Inhalte, an denen sich Rezo in gewohnter Manier abarbeitet, reicht von der Wegbeschreibung zum neuen Wohnsitz eines Prominenten bis hin zu Kindern, die Opfer von Gewalt wurden, und mit Gesicht und Klarnamen abgedruckt werden. Die Art von zweifelhafter Berichterstattung also, die auch vielen Journalisten mit einem Mindestmaß an Anstand einen Würgereiz beschert. 

Zudem – und das ist die zentrale Stärke des Videos – konzentriert sich Rezo im Gegensatz zu „Die Zerstörung der CDU“ nicht flächendeckend auf nur ein bestimmtes Objekt der Kritik, sondern haut ganz unterschiedlichen Medien ganz unterschiedlicher politischer Couleur mit ganz unterschiedlichen Zielgruppen ganz unterschiedlichen Blödsinn um die Ohren.

Ganz stark trifft es die Springer-Medien und die FAZ, aber eben auch den Stern, den Spiegel, Bento und viele mehr. Das aber immer mit einem Mindestmaß an Differenzierung, mit dem auch mehrfach die Aufforderung an den Zuschauer einhergeht, die Presse nicht pauschal zu verurteilen. Ein richtiger und wichtiger Randaspekt, der etwa in der CDU-Abrechnung zu kurz kam: nicht verallgemeinern.

Letzte Makel

In Teilen etwas billig wird es nur gegen Ende noch, wenn Rezo explizit die Berichterstattung zu seiner Person kritisiert. Angeblich, um an konkreten Beispielen zu erklären, wie Medien falsch informieren. Das ist sein gutes Recht, lässt aber vermuten, dass da einer die Gunst der Stunde, die er sich selbst geschaffen hat, nutzt, um mit seinen Kritikern abzurechnen. Dass er einzelne Punkte der Kritik an ihm – falsch oder teils falsch – dann noch mit Verschwörungstheorien vergleicht, schwächt seine Argumentation leider mehr, als dass es sie stärkt.

„Die Zerstörung der Presse“ ist alles in allem ein sehenswerter Beitrag. Einer, der vielleicht zeigt, dass sich Rezo weiterentwickelt. Es stünde ihm nun gut zu Gesicht, letzte Makel auszubessern; allen voran die Fallhöhen zu streichen, die er unnötig hoch baut, und die Brücken, die er unnötig weit schlägt. Wenn ihm das gelingt, lässt sich auch über seine teils – sagen wir – blumige Wortwahl hinwegsehen, die sich auch in diesem Video wieder Bahn bricht. Denn seine Botschaft kommt an – und sie käme noch mehr an, wenn er hier und da einen Gang zurückschaltet. 

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