Anzeige

Marken-und-Menschen-Kolumne

Immer logisch ist voll unlogisch

Frank Dopheide – Illustration: Bertil Brahm

Die Logik hat uns weit gebracht, doch in der Krise hilft uns die Ratio nur bedingt. Ein Plädoyer für mehr Unsinn

Anzeige

Platon und sein Schüler Aristoteles haben vor  2500 Jahren die Gedanken für uns sortiert und die Logik in unsere Vorstellungswelt gebracht. Zusammenhänge, die nicht greifbar waren, konnte man auf einmal erklären. Unser Leben nahm Geschwindigkeit auf und brachte die unglaublichsten Dinge hervor. Der Ratio sei Dank. Die Entfaltung der Welt wäre ohne logische Denkmodelle unvorstellbar. Beflügelt von ihrem Siegeszug schwang sich die Ultima Ratio zum Alleinherrscher auf – sie wurde zur höchsten Entscheidungsgewalt. Die Logik jagte das Unlogische vom Hof der Geschäftswelt. Auf dem Chefsessel kannst du unkreativ und fantasielos sein, Hauptsache logisch. Niemand wird gefeuert, weil er rational handelt.

Die Logikwelle hat sich global verbreitet und die Managerriege einer Gehirnwäsche unterzogen – sie wurden geklont. Was früher nur für verständnisarme Lemminge galt, gilt nun auch für den Homo Rationalis. Alle laufen in dieselbe Richtung. In der Krise werden die Gedankenarmut und ihre Nebenwirkungen immer deutlicher erkennbar. Wenn alle rein logisch denken, kommen alle zu derselben Lösung – oh Wunder. 

Der große Denkfehler ist der tiefe Irrglaube, dass allein die rationale Sichtweise zum Erfolg führt. Wenn alle beim Weg in die Zukunft das gleiche GPS nutzen, ist der Stau vorprogrammiert. Ganze Heerscharen von Beratern zelebrieren die Analyse, das Zerteilen in die kleinste Einheit und optimieren die Zukunft im Detail. So entsteht Effizienz, aber nichts Neues von Wert. Das haben wir so nicht bedacht. Wir blicken in den Rückspiegel und erkennen, seit ewigen Zeiten haben wir nichts weltbewegend Neues mehr erfunden. Unsere globalen Erfolgsgeschichten – das Auto, die Kopfschmerztablette, die Filtertüte, der Zwieback – haben alle über hundert Jahre auf dem Buckel. Aus dem Land der Erfinder und Unternehmer wurde die Nation der Optimierer. Jetzt kommt die Zeitenwende und uns bleibt nichts anderes übrig, als uns neu zu erfinden. Wir tun uns damit schwer, denn gedanklich stecken wir in der Sackgasse. Die Ratio lässt die irrationalen Sprünge der Gedanken nicht mehr zu. Höchste Zeit dem Un-Sinn wieder Spielraum zu geben.

Es geht nicht darum die Ratio abzuschaffen. Es geht darum, dem Unlogischen seine Existenzberechtigung zurückzugeben. Wenn das Universum mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Projektsteuerung planen würde, gäbe es unseren Planeten nicht.

Dasselbe gilt für unser Gehirn. Es ist zu komplex und zu sprunghaft, als dass wir Entscheidungen nur mit dem Verstand treffen könnten. Selbst die Finanzindustrie ist vom Modell des Homo Oeconomicus abgerückt, ein theoretisches Modell, das in der wahren Welt nicht überlebensfähig war. Vielleicht sind Exceltabellen eine Erfindung des Teufels.

Besinnen wir uns wieder auf die Mutter aller Naturgesetze – die Mutation. Die Entwicklung der Welt wurde durch die unvorhersehbaren genetischen Sprünge erst möglich. Wie übrigens auch eine ganze Reihe wundervoller Erfindungen, die bei genauer Betrachtung aus grandiosem Scheitern, purem Zufall oder fröhlichem Blödsinn entstanden. Ein Blick in unseren Küchenschrank genügt: Teebeutel, Teflon, Porzellan, Kartoffelchips, Mikrowellen – von Röntgenstrahlen, Penicillin und den in Design-Thinking-Workshops beliebten Post-its ganz zu schweigen.

Wenn die Logik nicht weiterkommt, fällt dem Unsinn immer noch etwas ein. Das Unlogische führt unsere Gedanken in Ecken, in denen noch niemand war. Es dehnt unsere Vorstellungskraft. Wer hätte je gedacht, dass die Welt auf einen Design-Staubsauger im Star-Wars-Look gewartet hat oder bunte Kaffeekapseln die gute alte Kanne in den Schrank stellen? Bloß weil etwas unsinnig erscheint, muss es nicht sinnlos sein. Im Gegenteil: Gerade dort, wo das Spielerische die Ernsthaftigkeit überholt, entsteht Ungesehenes und Unerwartetes, dann sind wir der Zukunft auf der Spur.


Frank Dopheide war Chairman von Grey und Geschäftsführer beim Handelsblatt. Zuletzt hat er die Purpose-Agentur Human Unlimited gegründet. Für MEEDIA schreibt er über Menschen, Marken und Menschenmarken.

Anzeige