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Bild und Christian Drosten, Thüringen, „God’s Got Me“

Jens Schröder – Illustration: Bertil Brahm

Guten Morgen! Immer wieder interessant, welche Folgen die Corona-Krise hat. Es sind nicht immer negative. Über eine positive Folge berichtete das Statistische Bundesamt gestern: „Noch nie seit der deutschen Vereinigung im Jahr 1990 wurden in einem Monat weniger Menschen bei Verkehrsunfällen getötet als im März 2020.“

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#trending // Bild und Christian Drosten

Der Aufreger des Tages im Social Web war ein Bild-Artikel über eine statistische Analyse von Christian Drosten und seinem Team über die Corona-Virenlast von Kindern. Der Boulevard-Gigant titelte „Fragwürdige Methoden: Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch“ und ließ Filipp Piatov aufschreiben, dass Drosten „mit seiner wichtigsten Corona-Studie komplett daneben“ liege. „Wissenschaftler aus mehreren Ländern“ würden Drosten und seinem Team vorwerfen, „unsauber gearbeitet zu haben – mit verhängnisvollen Konsequenzen“. „Verhängnisvoll“ deswegen, weil „die deutsche Schulpolitik“ offenbar „einer falschen Studie zum Opfer“ gefallen sei.

Piatov zitiert dann drei Wissenschaftler, die Dinge wie „die geringe Anzahl der untersuchten Kinder“ kritisieren oder Aussagen tätigen wie: „Es gibt viele gute Argumente gegen eine schnelle Wiedereröffnung der Schulen, aber die Charité-Studie trägt nichts dazu bei.“ Bild habe Drosten mit den Vorwürfen konfrontiert, der habe aber nicht antworten wollen.

Drostens Twitter-Follower wussten das bereits, denn der Wissenschaftler hatte dort geschrieben: „Interessant: die #Bild plant eine tendenziöse Berichterstattung über unsere Vorpublikation zu Viruslasten und bemüht dabei Zitatfetzen von Wissenschaftlern ohne Zusammenhang. Ich soll innerhalb von einer Stunde Stellung nehmen. Ich habe Besseres zu tun.“ Unschön: In einer ersten Version des Tweets veröffentlichte Drosten offenbar Piatovs Handy-Nummer in einem Screenshot der Mail-Anfrage. Später löschte er diesen Tweet. Drostens „Ich habe Besseres zu tun“-Tweet kam bis zum späten Abend auf unglaubliche 51.000 Likes und Retweets, er war mit Abstand der aufmerksamkeitsstärkste deutsche Tweet des Tages.

Drei der vier von Bild zitierten Wissenschaftler distanzierten sich in der Folge von der Bild-Berichterstattung auf Twitter. Christoph Rothe schrieb dort: „Niemand von #Bild hat mit mir gesprochen, und ich distanziere mich ausdrücklich von dieser Art der Berichterstattung.“ Jörg Stoye postete: „Ich will nicht Teil einer Anti-Drosten-Kampagne sein. Ich stand und stehe in keinerlei Kontakt zur Bild. Natürlich habe ich höchsten Respekt vor @c_drosten. Deutschland kann froh sein, ihn und sein Team zu haben.“ Dominik Liebl twitterte: „Ich wusste nichts von der Anfrage der BILD und distanziere mich von dieser Art Menschen unter Druck zu setzen auf das schärfste. Wir können uns mehr glücklich schätzen @c_drosten und sein Team im Wissenschaftsstandort Deutschland zu haben. They saved lifes!

Piatov reagierte darauf: „Die ‚angeblichen Kritiker‘ distanzieren sich von der BILD – das ist ihr gutes Recht. Aber sie bleiben bei ihrer Kritik an der Studie. Diese öffentlich geäußerte Kritik haben wir zitiert.“ Genau an dieser Stelle wird das große Missverständnis deutlich: Es gehört zur Wissenschaft, dass über Studien und Analysen debattiert und diskutiert wird. Dass es Kritik gibt, andere Interpretationen. Ohne diese Debatten würden insbesondere bei einem extrem neuen Forschungsgebiet wie SARS-CoV-2 keinerlei Fortschritte erreicht. Dass Piatov und Bild aus diesen Kritikpunkten dann „fragwürdige Methoden“, „grob falsch“ und „komplett daneben“ macht, wird den wissenschaftlichen Diskussionen nicht gerecht.

Der Bild-Artikel generierte über 36.000 Interaktionen auf Facebook und Twitter. Das Publikum, dass man dabei erreichte, kam zu großen Teilen von Facebook-Seiten der AfD oder obskuren Pages und Gruppen mit Namen wie „So werden wir dumm gehalten“ oder „Corona Rebellen“. Dort lässt sich dann über Drosten lesen: „Das ist der größte Verbrecher …..allein sein Blick lässt einiges daraus schließen“ oder „Ihr alle, die das zu verantworten haben, ihr werdet alle vor dem jüngsten Gericht stehen und eure gerechte Strafe bekommen…. ich hoffe die ewige Verdammnis…. denn Gott ist gerecht“ oder „Die Charité hat nicht ohne Grund eine braune Vergangenheit“ oder schlicht „Psychopath“.

Eins dürfte feststehen: Christian Drosten wird das Ende der Pandemie schon deswegen herbei sehnen, weil er dann nicht mehr in der Öffentlichkeit steht, keine Hasstiraden mehr über sich ergehen lassen muss und wieder in Ruhe forschen kann.

#trending // Thüringen

Die Pläne des thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow sind weiterhin ein großes Diskussionsthema in den sozialen Netzwerken. Diverse Medien nutzten die Pläne, Anfang Juni sämtliche Corona-Einschränkungen inklusive Masken- und Abstandspflicht wieder aufzuheben, dazu, Facebook-Umfragen zu veröffentlichen.

RTL war dabei besonders aktiv. Auf mehren Seiten – RTL aktuellPunkt 12RTL.de, postete der Sender: „Ramelow will Maskenpflicht für Thüringen abschaffen“. Die Nutzer sollten auf Like klicken, wenn sie der Meinung „Find ich gut“ sind, und auf die „Wow“-Reaktion, wenn sie „Zu früh“ meinen. Auf allen drei RTL-Seiten gab es eine große Mehrheit für „Find ich gut“. Was wiederum ein gutes Beispiel dafür ist, dass Internet-Umfragen, insbesondere auf Facebook, nicht gerade repräsentativ sind. Noch vor einer Woche hatte eine repräsentative Befragung von Infratest Dimap ergeben, dass fast 60 Prozent der Deutschen die „Maßnahmen der Behörden“ für angemessen erachten.

#trending // „God’s Got Me“

Die Widersprüche in der Gesellschaft der USA – 100.000 Corona-Tote auf der einen Seite, Sorglosigkeit und Öffnungs-Forderungen auf der anderen Seite, zeigt ein Reuters-Video recht exemplarisch. In 81 Sekunden wird ein Bogen von der eindrucksvollen Titelseite der New York Times über Menschenmengen an Stränden bis zu neuen Rekorden in Sachen Infektionen und Toten in verschiedenen Bundessstaaten gespannt.

Besonders das Zitat einer jungen Frau am Strand sorgte dabei auf Youtube für viele Reaktionen. Auf die Frage, ob sie keine Angst habe, sich zu infizieren, antwortete sie: No, ‚cause I believe, God’s got me.“ Einige der reaktionsstärksten Kommentare dazu: „Karen: ‚I believe God’s got me.‘ God: sending his angels“ und „I hate when people say things like “god got me”. I believe God gave us some control over our lives“ und „Her: ‚God got me.‘ Death: Well about that.“ Das Video wurde viel in den sozialen Netzwerken herumgereicht und bereits 2,7 Millionen mal angeschaut.

#trending // Deutsche Tops des Tages

Story nach Social-Media-InteraktionenBild – „Fragwürdige Methoden – Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch“ (36.100 Interaktionen bei Facebook und Twitter)

Story nach Likes & Shares bei TwitterDeutschlandfunk – „Coronavirus – Drosten betont Gefahr durch Aerosole“ (4.700 Likes und Shares)

Podcast (Apple Podcasts)Lage der Nation – der Politik-Podcast aus Berlin – „LdN191 Corona-Update, Wirtschaftsförderung, Kaufprämie, Lufthansa, Corona-Demos, BVerfG zu BND

Google-SuchbegriffJohn Tyler (200.000+ Suchen) [wegen einer Frage bei Wer wird Millionär?]

Wikipedia-SeiteJustice League (Film) (63.400 Abrufe am Sonntag) [lief bei ProSieben]

Youtube-Video: DAZN Bundesliga – „Bayern ballert sich für BVB warm: FC Bayern München – Eintracht Frankfurt 5:2

Serie (Netflix)White Lines

Song (Spotify): Bonez MC – „Roadrunner“ (681.800 Stream-Abrufe aus Deutschland am Sonntag)

Musik (Amazon): Die Toten Hosen – „Auf dem Kreuzzug ins Glück“ 1990–2020: Die 30 Jahre-Jubiläums Edition (limitiert & nummeriert)“ (Vinyl LP) [erscheint am 26. Juni]

DVD/Blu-ray (Amazon)Bad Boys for Life (Blu-ray) [erscheint am 28. Mai]

Game (Amazon) [ohne Gutscheinkarten und Hardware]Animal Crossing: New Horizons (Nintendo Switch)

Buch (Amazon): Suzanne Collins – „Die Tribute von Panem X: Das Lied von Vogel und Schlange“ (Gebundene Ausgabe)

#trending // Feedback

Anmerkung: Alle in #trending genannten Zahlen beziehen sich wenn nicht anders vermerkt auf den Vortag der Newsletter-Veröffentlichung (Stand: 24 Uhr)

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