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Bla, Blasberg

Endlich alt!

Kai Blasberg – Zeichnung: Bertil Brahm

Alles wird anders, aber das kriegen wir Boomer schon hin. Haben wir immer. Vor allem mit schlechter Laune

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Reden wir über das Altern. Super Stoff, oder? Wir kennen das von Oma und Opa, maximal noch von den Eltern. Aber wir selbst? Never. Wir sind jung. Wir, das sind die Boomer. Wie ich höre, ist das jetzt ein neuer Slang der Generation Z für die in den 1960er-Jahren Geborenen. Und wie immer denkt die Jugend: Das Copyright auf diesen witzigen Begriff haben wir. Doch weit gefehlt. 

Der Begriff war schon bei Soziologen der 1970er  bekannt. Damals gab es auch eine Fernsehserie mit diesem Namen. Boomer war ein süßer Hund. Egal.

Weit, weit vor der Maueröffnung wurden im Osten wie im Westen Deutschlands enorm viele Kinder geboren. Nämlich fast doppelt so viele wie in den letzten 20 Jahren. Jahr für Jahr. Dafür sind übrigens auch wir Boomer verantwortlich. Also dafür, dass es später so wenige waren und sind. Karriere war wichtiger als Familie. Das wird enorme Auswirkungen auf die Zukunft dieses Landes haben.

Wir (Privat)-Fernsehfuzzies sind ja mit dem immer schon schwachsinnigen Mantra 14-49 groß geworden. Jugend war das ein und alles. Alt war bäh. Alte gab es zwar schon immer in Massen, denn Fernsehen war schon immer ein erwachsenes Medium, aber wir Boomer waren halt beim Boom des Privatfernsehens gut 30 Jahre jünger als heute. Und jung hatten die Platzhirsche des öffentlich-rechtlichen Angebots so nicht zu bieten. Und da man sich ja in der modernen Welt der Kommunikation einen USP geben muss, war das eben der USP des Privatfernsehens. 

Jetzt aber sind wir alle 50 bis 60 Jahre (siehe bäh), zahlen zwar die ganze Bund-Länder-und-Gemeinden-Party über Steuern und die weithin unterschätzten Abgaben, die so hoch sind wie nie zuvor. Trotzdem wird uns in zehn Jahren das Geld ausgehen, weil wir zumindest das mit der Rente (siehe Oma und Opa) durchaus in den Kamin schreiben können. Zumal Geld seit langer Zeit und auch für sehr lange Zeit kein Geld mehr verdient. Und deswegen schon sämtliche Kalkulationen der Vergangenheit zur Rente über den Jordan gegangenen sind.

Es wird – und jetzt müssen wir alle ganz tapfer sein – ganz anders, als es uns jahrzehntelang erzählt wurde: Wir werden massenhaft auch mit über 70 noch arbeiten. Wir können nur hoffen, dass uns die Roboter aus der Patsche helfen; dass wir bis dahin nicht noch immer 45 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze brauchen. 

Weil wir die Menschen zur bisher bekannten Wertschöpfung nämlich benötigen – Und nicht gezeugt haben. Oder wir schaffen es, bis dahin als Gesellschaft die notwendigen Millionen an Zuwanderung politisch zu wollen oder zumindest auszuhalten.

Wir dann 60- bis 80-Jährigen plus x werden, wie jetzt auch, in der Mehrheit sein. Wenn wir weiter eine Demokratie sein werden und eine Arbeitsgesellschaft, wird ein Land der Alten entstanden sein. Mit viel Beharrungsvermögen und bestimmt nicht sehr stark ausgeprägtem Veränderungswillen. Und bestimmt fielen mir noch einige andere Dinge ein. Aber eine Kolumne ist kurz und soll prägnant sein.

Haben wir also mal über das Altern geredet. Ihre Stimmung ist jetzt unten? Tja, ich bin ja nicht zum Spaß hier. Wir kriegen das schon hin. Haben wir immer. Vor allem mit schlechter Laune. Aber wir müssen uns jetzt der bundesrepublikanischen Realität und Notwendigkeit stellen und wir müssen aufhören zu träumen. 

Wir müssen Politiker wählen, die uns die Wahrheit sagen und uns mitnehmen in diese Welt der Veränderungen. Und wir müssen geben wollen und nicht nur fordern. Der Gemeinsinn muss über individuellen Ansprüchen stehen. Die Corona-Krise zeigt uns ja aktuell, dass das geht. 

Die gerade begonnenen 20er-Jahre werden zeigen, ob wir Zukunft können. So wie in den letzten zehn Jahren geht es jedenfalls nicht weiter. Wie sang einst die Kölner Band BAP in anderem Zusammenhang? Arsch hoch, Zähne auseinander. 

Best, Euer DJ Cassandra Bla

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