Anzeige

Historisches Titelbild

1000 von 100.000: So würdigt die New York Times das Leben der Corona-Opfer

Was bleibt von einem Menschenleben in Corona-Zeiten? Vielleicht ist es ein einziger Satz, der in der Pandemie eine bloße Ziffer buchstäblich mit Leben erfüllt. Die New York Times hat in der heutigen Sonntagsausgabe zu einem besonderen Stilmittel gegriffen und auf der Titelseite die Namen von tausend Corona-Opfern mit einer ergänzenden Erläuterung abgedruckt. Das Echo in der (sozialen) Medienwelt ist groß.

Anzeige

Zwei, maximal drei Tage sind die USA noch vom traurigen Meilenstein entfernt. Spätestens am Mittwoch wird das drittbevölkerungsreichste Land der Welt die Marke von hunderttausend Corona-Opfern überschreiten. Zwei Monate zuvor waren in den Vereinigten Staaten noch keine tausend Menschen am neuartigen Coronavirus verstorben.

Um die Dimensionen der historischen Opferzahl zu unterstreichen, hat die New York Times in ihrer heutigen Sonntagsausgabe zu einer besonderen Maßnahme gegriffen. Auf der Titelseite fehlen erstmals seit Jahrzehnten sowohl Fotos als auch grafische Elemente oder Artikel. Zu lesen sind stattdessen: tausend Namen in sechs Spalten. Tausend von bald hunderttausend Opfern der Pandemie. „Fast 100.000 Tote in den USA, ein unermesslicher Verlust“, schlagzeilt die renommierteste Zeitung der Welt.

Doch die New York Times belässt es nicht bei der namentlichen Nennung und dem Todesalter, sondern macht das Leben der Verstorbenen mit einer ergänzenden Erläuterung greifbar – aus Ziffern werden Schicksale. Etwa: 

„Patricia Dowd, 57 Jahre alt, aus San José, Kalifornien, Wirtschaftsprüferin im Silicon Valley“
„Dave Edwards, 48, New York City, College Basketball Passgeber-Zauberer“
„April Dunn, 33, Baton Rouge, Louisiana, Vorkämpferin für Behinderten-Rechte“
„Ronnie Estes, 73, Stevensville, Maryland, wollte sein Leben lang in der Nähe des Ozeans sein“.

Noch mehr Wucht gewinnt die Dokumentation der genannten Corona-Opfer, die lediglich ein Prozent aller COVID-19-Todesfälle in den USA ausmacht, in der Online-Version, die das exponentielle Wachstum der Todeszahlen durch die Zeitlinie veranschaulicht durch. Am 24. März wurden noch 769 Corona-Tote in den Vereinigten Staaten gezählt, am 24. Mai waren es knapp 96.000.

„100.000 Punkte oder Strichmännchen auf einer Seite abzubilden, erzählt nicht wirklich viel darüber, wer die Menschen waren, welches Leben sie geführt haben und was sie für das Leben bedeutet haben“, erklärt Simone Landon, stellvertretende Grafik-Chefin der New York Times.

Über Monate hat ein Team von über zwanzig Redakteuren der New York Times Todesanzeigen aus über dreihundert Lokalzeitungen recherchiert. „Ich wollte etwas erschaffen, auf das die Menschen noch in hundert Jahren zurückblicken, um das Ausmaß zu verstehen, das wir gerade durchleben“, beschreibt Redakteur Marc Lacey die Motivation hinter dem groß angelegten Projekt. Das Echo in der (sozialen) Medienwelt ist zumindest schon einmal enorm.

Auch andere US-Medien haben den Opfern der Corona-Pandemie ein Gesicht gegeben. CNN-Starmoderator Anderson Cooper etwa beendet seine Primetime-Sendung Anderson Cooper 360 seit Monaten mit Nachrufen der Verstorbenen.   

Anzeige