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Rützels Scharmützel

Tand-Notizen

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Ich bin leichtes Opfer für Promiprodukte. Welchen Krempel also würde ich auf den Markt bringen, wäre ich selbst berühmt? Auch für eine vernünftige Egomanin keine leichte Frage

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Jetzt hab ich schon wieder was gekauft. Einen grauen Hoodie, weil ich von diesem mäuseligen Kleidungsstück erst etwa 18 Exemplare besitze – und weil er aus der ersten Kollektion von nu-in stammt, dem gerade gelaunchten Modelabel von Stefanie Giesinger, Germanys next Topmodel-Gewinnerin von 2014.

Ich habe viele löcherige Stellen in meiner ohnehin nur lidschäftig zusammengeklöppelten Kapitalismusschutzrüstung, und Produkte von Prominenten (im großzügig ausgelegten Sinn) gehören leider zu diesen schutzlos bloßgelegten Stellen. Dabei finde ich Giesinger eigentlich nur so mittelinteressant, dafür aber den Plottwist umso überraschender, dass eine ständig um die Welt brummselnde Influencerin jetzt nachhaltige Kleidung aus recycelten Materialien produziert. Wobei ich, was Promiwaren angeht, in meiner Verplemperungsmoral durchaus eine scharfe Linie ziehe: Wenn der bekannte Mensch das Produkt lediglich endorst, also seine Nase nur als gedungenes Testimonial hinhält, fühle ich mich von diesem durchsichtigen Schmu fast beleidigt: Zu wenig echtes Involviertsein. Letztens hätte ich einen Grillkäse fast wieder ins Supermarktregal zurückgetragen, als ich an der Kasse bemerkte, dass da Mario Gomez von der Verpackung griente, bezahlte und aß ihn dann schließlich doch, mürrisch und langzahnig. Aber ich fuhr einen halben Tag quer durch London auf der manischen Suche nach dem Käse, den Alex James, Bassist der von mir hochverehrten Band Blur, in seiner eigenen Käserei auf seiner Farm in den englischen Cotswolds herstellt.

Den unwiderstehlichen Reiz dahinter erkläre ich mir so: Wahrscheinlich betrachte ich echte Promiprodukte mit ähnlich rührselig verschleiertem Blick wie eine Mutter den gipsernen Handabdruck, den das Kind vom Kindergarten mitbringt: Natürlich ist das Klimbim, man kann den Krempel nicht wirklich brauchen – aber es ist immerhin selbstgemachter Krempel. Ich werde wunderlich weich bei der Vorstellung, dass Menschen, die sonst so scheinbar anstrengungslos durchs Leben scharwenzeln, sich für diesen Tand so richtig ins Zeug gelegt haben, dass an dem Plunder echte Promimühe, echter Promischweiß klebt – sonst aber bitte keine weiteren Körperflüssigkeiten: Die Duftkerze „This Smells Like My Vagina“ aus Gwyneth Paltrows Edel-Tinnef-Laden goop kommt mir bei allem Respekt für ihre weitfortgeschrittene Plemplemstufe dann doch nicht ins Haus.

Leider müsste ich, um alle Promiprodukte angemessen goutieren zu können, wahnsinnig viel saufen, denn viele VIPs verlegen sich auf Alkpanscherei. Die Toten Hosen haben ihr eigenes Dosenbier, Günther Jauch verkauft seine Weine bei Aldi, depperlsicher gibt es auf dem Etikett gleich drei Hinweise auf den berühmten Produzenten: Sein Name, seine Unterschrift, ein Bild von seinem „Wer-wird-Millionär“-Hochstuhl. Vom Kauf hält mich nur ab, dass es kein Foto gibt, das den Showmaster beim höchstpersönlichen Traubenstampfen zeigt, oder wenigstens eine Großaufnahme von seinem tresterverkrusteten Fuß.

Natürlich habe ich mir, wie es sich für eine vernünftige Egomanin gehört, auch schon überlegt, welche Produkte ich selbst (vorbehaltlich einer noch zu erwerbenden Prominenz, etwa durch die Moderation einer Dschungelcamp-Sonderausgabe, bei der nur prominente Hunde teilnehmen) auf den Markt werfen würde. Ursprünglich dachte ich an Bürobedarf, doch schon vor Jahren stieß mein „Schlecht“-Stempel, mit dem man alle im Arbeitsalltag anfallenden Dummfrechheiten sekundenschnell abarbeiten kann, leider nur auf wenige Interessenten. 

Meine zweite Idee, eine gleichermaßen erfrischende wie angenehm beduselnde Schorle auf Pfefferminzlikör-Basis, fand ich zu meiner großen Bestürzung im vergangene Sommer bereits als Dosenversion im Supermarktregal. Derzeit liebäugele ich mit einem Hundefutter-Gericht namens Spaghetti Jurinese. Ich halte Sie auf dem Laufenden.

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