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Winterbauers Woche

Bekommt Jens Söring jetzt auch noch ’ne Netflix-Doku?

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Der Fall des nach Deutschland abgeschobenen Doppelmörders Jens Söring lässt die Medien nicht los. Sein Auftritt in der ZDF-Show Markus Lanz zieht jetzt eine Programmbeschwerde nach sich. Außerdem: ein Verschwörungstheoretiker zu Gast bei Late Night Berlin, rassistische VW-Werbung und die Pochers im Quoten-Loch. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne

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Man könnte sich ja dauernd aufregen, wenn man zwischendurch nicht so viel anderen Kram zu tun hätte. Gerade habe ich aber mal wieder zwei, drei Minuten für gepflegte Aufreger. Da war einmal der Auftritt des in den USA rechtskräftig verurteilten Doppelmörders Jens Söring in der ZDF-Sendung Markus Lanz am 14. Mai. Söring hat wegen des Mordes an Derek und Nancy Haysom eine 33-jährige Haftstrafe in den USA abgesessen. Im Dezember vergangenes Jahr bekam er Haftverschonung und wurde nach Deutschland abgeschoben. Söring hat hierzulande zahlreiche Unterstützer und findet regelmäßig ein großes Echo in hiesigen Medien. Dabei wird häufig einseitig seine Sichtweise transportiert, dass er unschuldig im Gefängnis saß und er ein Opfer des verkommenen US-Justizsystems sei. Wer sich für die vielen, ebenso schrecklichen wie schrecklich interessanten Details interessiert, dem sei dieser FAZ-Artikel des Juristen, Autors und Übersetzers Andrew Hammel empfohlen (ist Paid Content, aber es lohnt sich!). In a Nutshell: Hammel legt zweifelsfrei dar, dass die von Söring und seinen Unterstützern ins Feld geführten Argumente, die angeblich für seine Unschuld sprechen, allesamt in die Irre führen. In einem weiteren, extrem detailgesättigten FAZ-Text, beruft sich Hammel auf eine Analyse von zwei Scotland-Yard-Ermittlern zum Fall, der hier runtergeladen werden kann. Hier werden ausnahmslos alle ins Feld geführten Zweifel an Sörings Schuld fachgerecht zerlegt.

Dieser Jens Söring war nun also vor ein paar Tagen bei Lanz im ZDF zu Gast und durfte dort erneut unwidersprochen seine Sicht der Dinge verbreiten. Keine kritischen Fragen, keine Hinweise auf die zig Beweise und auf die Untersuchung der Scotland-Yard-Leute. Einmal mehr wurde in einem deutschen Medium das Lied vom Unschuldslamm Jens Söring gesungen. Warum? Hat man in der Redaktion von Markus Lanz vor der Befragung des Gastes nicht mal gegoogelt? Oder war es einem schlicht egal? Hammel, der sich wie vermutlich wie kein zweiter mit dem Fall befasst hat, hat in dieser Woche eine umfangreiche Beschwerde beim ZDF-Fernsehrat eingereicht. Der Auftritt bei Lanz dürfte indes nicht der letzte mediale Aufschlag Sörings gewesen sein. Laut Hammel hat er bereits einen Buchvertrag mit dem Bertelsmann-Verlag Random House und eine neue Doku über seinen Fall soll bei Netflix laufen. Man kann sich so ungefähr ausmalen, wie die ausfallen wird …

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Der unfassbare Verschwörungs-Bullshit, den der allseits beliebte Deutschrapper Sido in der Youtube-Show des Rapper Ali Bumaye geäußert hat, ist nun auch schon ein paar Tage her, ist mir in dieser Woche aber wieder hochgekommen. Sido war nämlich diesen Montag Gast bei der Unterhaltungsshow Late Night Berlin und scherzte mit Moderator Klaas Heufer-Umlauf zu Trallala-Mucke über lustige Video-Konferenz-Streiche. In derselben Show hatte sich Heufer-Umlauf noch wenige Ausgaben zuvor über Verschwörungstheoretiker lustig gemacht. Zack, schon ist einer bei ihm zu Gast. Damit es kein Vertun gibt: Was Sido bei Bumaye von sich gegeben hat, sind eindeutige Verweise auf Hardcore-Verschwörungstheorien aus dem finstersten antisemitischen Spektrum. Aber vielleicht gilt hier ja: Man kennt sich, man schätzt sich. Wenn der Onkel bei der Familienfeier was Rassistisches raushaut, sagt ja auch selten einer was.

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Womit wir beim Rassismus-Shitstorm gegen VW angelangt werden. Wegen dieser dummen Instagram-Werbung. Wer sie verpasst hat, bitte:

Weiße Hand schnippt einen Schwarzen weg. Analysten des Filmchens haben zudem erkannt, dass sich mit den Buchstaben, die zuerst auftauchen, das N-Wort bilden lässt. Außerdem soll das „Colon“ über dem Hauseingang wahlweise für „Darm“ stehen oder „Colonization“ und die Hand forme die Buchstaben „W“ und „P“, was wiederum für „White Power“ stehen soll. Das wäre mir jetzt alles so nicht direkt aufgefallen. Aber dass es rassistisch ist, wenn eine weiße Hand einen Schwarzen wegschnippt, das merke sogar ich. Die Frage ist: Warum hat das bei VW und der Agentur niemand gemerkt? Agentur und Auto-Hersteller haben mittlerweile die fälligen Entschuldigungs-Arien gesungen. Zu spät, zu spät. Und darüber hinaus: Die Werbung ergibt ja auch ohne den Rassismus gar keinen Sinn. Sie ist nicht nur rassistisch, sie ist auch schlecht!

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Oliver Pocher hat mit seiner neuen Late-Show mit den alten Hüten („Rent-a-Pocher“) diese Woche einen neuen Sendeplatz zugewiesen bekommen und die Quote ging in den Keller. Vergangene Woche lief Pocher – gefährlich ehrlich noch freitags direkt nach der Hit-Show Let’s dance, in deren Verlauf die Pocher-Sendung auch eifrig beworben wurde. In dieser Woche mussten Pocher und Gattin Amira donnerstags nach einer ollen Folge Doctor’s Diary ran und die Quote rauschte nach unten. Die Pocher-Show kam ohne Let’s dance-Hilfe nur noch auf 840.000 Zuschauer. Da holt er mehr Reichweite wenn er aus der heimischen Wohnung auf Instagram sendet. Seine jüngsten Videos dort hatten jeweils über eine Million Aufrufe.

Schönes Wochenende!

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