Anzeige

Winterbauers Woche

Wer zahlt 833 Euro im Monat für ein Steingart-Abo?

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Gabor Steingarts Media Pioneers haben diese Woche ihr Bezahlmodell vorgestellt. In der höchsten Ausbaustufe werden 833 Euro pro Monat fällig. KKR macht sich immer noch breiter in Medien-Deutschland. Oliver Pocher steht bei Instagram unter Feuer und Thommy Gottschalk wird 70. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne

Anzeige

Das berühmte Redaktionsschiff von Gabor Steingart hat ja nunmehr die Jungfernfahrt von NRW nach Berlin angetreten. Wegen Corona ist es nicht ganz die Party- und Event-Sause geworden, die der Meister höchstvermutlich im Sinn hatte. Größen wie Siggi Gabriel oder Klaus Meine – der von den Scorpions – steigen trotzdem hier und da zu. Parallel hat Steingart unter thepioneer.de nun auch die angekündigte Website samt Bezahlmodell gestartet. Los geht’s mit zehn Euro pro Monat für “Nachwuchs-Pioneers”, also etwa Studenten. Man darf aber auch gerne 25, 50 oder gar 833 Euro pro Monat dalassen! Ja, richtig gelesen: 833 Euro pro Monat. Damit, so das Versprechen, würde man Steingarts “Mission richtig Schubkraft zu verleihen”. Und man bekommt allerlei nicht näher benannte “Vorteile”. Ich werde ja immer mißtrauisch, wenn Journalisten von sich behaupten, auf einer “Mission” zu sein. Dazu passt das neue Video, das Steingart himself wieder mit Unterstützung seiner Tochter eingesprochen hat. Warum auf Englisch, weiß vermutlich nur er himself.

Große Töne kann er, keine Frage. Jetzt wird es richtig interessant, wie gut die Media Pioneers in der Abo-Generierung sind. Selbst 25 Euro sind im Vergleich zu ungleich breiter aufgestellten Medien wie zum Beispiel Spiegel oder Süddeutsche kein Schnapper. Und das Morning Briefing des Maestros bleibt ja weiterhin gratis.

+++

Ein bisschen unheimlich ist es schon, wie sich der Finanz-Investor KKR in der deutschen Medienszene immer breiter macht. Erst finanzieren die Amis mit der Kogel-Firma Leonine so eine Art Leo-Kirch-Imperium 2.0. Dann übernehmen sie die Aktienmehrheit bei Axel Springer und holen das Unternehmen von der Börse. Jetzt steigt KKR erneut bei ProSiebenSat.1 ein, angeblich eine reine Finanzinvestition. Es wird ja spekuliert, dass die italienische Mediaset der Familie Berlusconi eine Übernahme des TV-Konzerns aus Unterföhring anstreben könnte. Die Italiener halten an P7S1 schon fast eine Sperr-Minorität. Auch wenn KKR ein strategisches Interesse abstreitet: ein Bewegtbild-Powerhouse (Leonine), ein TV-Konzern (P7S1), ein digital ausgerichtetes Medienhaus samt den Marken Bild und Welt (Springer). Wenn da mal nicht die Investoren-Fantasie anspringt …

+++

Das Medien-Comeback von Oliver Pocher ist ganz erstaunlich. Vor ein paar Jahren war er noch ziemlich abgemeldet. Heute macht man RTL an und die Chancen stehen gut, dass Günther Jauch oder Oliver Pocher – oder beide zu sehen sind. Pochers neues Medien-Mojo rührt nicht zuletzt daher, dass er sein Insta-Game gewaltig hochgejazzt hat, wie die geschätzten Kollegen vom Baywatch-Berlin-Podcast vielleicht sagen würden. Mit lustigen Instagram-Videos, in denen Pocher andere “Promis” (Wendler) oder Influencer veralbert/vorführt/parodiert, schafft er Reichweiten auf TV-Sender-Niveau. Seine Videos werden häufig über eine Million mal angeschaut, und das von einer sehr jungen Zielgruppe. Kein Wunder, dass die Instagram-Rubrik auch in Pochers neuer Late-Night-Show, die er zusammen mit seiner Frau beim RTL moderiert, vorkommt. Hier will das lineare TV erkennbar was von der Reichweiten-Power eines Social-Media-Kanals abhaben. Gerade steht Pocher aber auch im Kritikfeuer, weil er es mit seinem Insta-Bashing gegen Influencerinnen zu weit getrieben habe. Vor allem wird ihm übel genommen, dass er eine Insta-Dame, die sich gerne als Familien-Mutti inszeniert, als Nebenerwerbs-Domina “geoutet” hat. Doxing nennt man das, wenn Informationen über eine Person aus dem Netz gezielt gesammelt und veröffentlicht werden. Dazu zwei Gedanken:

1. Influencer und Influencerinnen stehen in der Öffentlichkeit und müssen daher auch damit leben, dass ihre Arbeit und ihr, äh, Werk kritisch besprochen oder parodiert wird.
2. Beim Doxing ging Pocher auch meiner Meinung nach zu weit. Hier sieht man, wie so ein Social-Media-Format ohne redaktionelles Korrektiv auch entgleisen kann. Die Debatte, was man in einem Format öffentlich machen soll, würde idealerweise vor der Veröffentlichung intern diskutiert werden. Ohne Redaktion macht der Pocher einfach mal und die Diskussion findet anschließend vor aller Augen statt.

+++

Sein Insta-Game definitiv nicht hochgejazzt hat Thomas Gottschalk. Muss er ja auch nicht. Der wird am kommenden Montag 70 Jahre alt und feiert ganz old School mit einer linearen TV-Sendung in ihrem und unserem Zett De Eff rein. Im Handelsblatt hat der ewige Thommy jetzt erzählt, dass er von dem neumodischen Streaming-Kram gar nicht viel hält:

Die Verantwortlichen beschreiten derzeit einen gefährlichen Irrweg. Die wollen Fernsehen demnächst online veranstalten. Das wird nicht klappen. Das Grand Hotel wird als Airbnb-Klitsche scheitern, und die Taxi-Innung wird sich nicht mit Uber verbrüdern. Nur ein paar öffentlich-rechtliche Traumtänzer glauben wirklich, dass die Kids irgendwann ihre Laptops aufklappen, um “Soko Kitzbühel” oder den “Bergdoktor” zu gucken. Viel Glück dabei!

Vielleicht sollte jemand bei Netflix und Disney+ anrufen und die warnen. Das Interview ist ansonsten in bewährter Gottschalk-Manier sehr unterhaltsam. Dafür hat man das Wort “launig” erfunden.

Schönes Wochenende!

PS: In der aktuellen Ausgabe des Podcasts “Die Medien-Woche” geht es um Vielfalt in deutschen Chefredaktionen. Spoiler: Es ist nicht gut um sie bestellt. Dazu spreche ich mit Konstantina Vassiliou-Enz von den Neuen deutschen Medienmacher*innen (ausnahmsweise lasse ich das Sternchen hier mal stehen), die dazu eine Untersuchung gemacht haben. Außerdem rede ich mit meinem Kollegen Christian Meier von der Welt über Pochers Insta-Game und die wackelnde Erhöhung des Rundfunkbeitrags. Es freut mich, wenn Sie reinhören!

Anzeige