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Gerne laut

Wir sind kein Radio!

Mirijam Trunk – Illustration: Bertil Brahm

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Verlagshäuser und ehemalige Print-Leute zu den Vorreitern des Podcast-Booms gehören. Denn mit deren altem Kerngeschäft hat Audio on demand jede Menge gemeinsam – eigentlich mehr als mit Rundfunk. Mirijam Trunk ist ein echtes Radiokind und Geschäftsführerin der Audio Alliance. Für MEEDIA schreibt sie über den Audiomarkt in Europa

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Audio war in den letzten Jahren so etwas wie das Mauerblümchen unter den Mediengattungen. Die großen Stärken des Radios, wie die Power im Lokalen und die Schnelligkeit, konnten nicht wettmachen, dass Journalismus zum Zuhören in der digitalisierten Medienwelt irgendwie nicht so richtig Fuß fassen wollte. Auch als journalistische Gattung hatte das Auditive zu kämpfen: Für kurze Informationen unschlagbar, waren längere Features und Audio-Dokus doch was für die Sender, die nicht auf Werbefinanzierung angewiesen waren. 

Fast Forward, Frühjahr 2020: Über ein Drittel der Deutschen hört Podcasts, digital abrufbare Audio-Stücke, mal kurz, mal lang, eine journalistische Gattung ohne Einschränkungen, alles ist erlaubt. In der Corona-Krise werden Podcasts zum wichtigen Informationskanal. Sogar Angela Merkel macht mit. Wie kam es, dass Zuhören wieder cool wurde? 

Podcasts waren Abfallprodukte

Audio on Demand hat sich nicht zwangsläufig aus dem Radio heraus entwickelt. Im Gegenteil, es hat mit dem Radio sogar weniger zu tun, als man denken mag. Radiosender schnitten anfangs die Musik aus ihren Sendungen und stellten die Sprachanteile online, Fernsehsender Tonspuren ihrer Dokus, kurz: Podcasts waren Abfallprodukte anderer Medien. Vielleicht war aber genau das die Chance, dass sich Medienanbieter etablieren konnten, die traditionell gar nichts mit Tontechnik zu tun hatten: die Verlage. The Daily von der New York Times ist einer der Podcasts, den viele als den nennen, der sie zum Medium gebracht hat. Er hat es als einer der ersten geschafft, die Freiheit dieses neuen Mediums zu begreifen – und unter Beibehaltung des eigenen Markenversprechens auszu-schöpfen. Und: Er hat als einer der ersten die Aufmerksamkeit Werbetreibender erregt, die die Nutzungssituation und die Möglichkeiten nativer Einbindungen schätzen. Die Erlöse tragen laut Verlag aktuell signifikant zu den digitalen Werbeeinnahmen bei. 

Ein eigenes Handwerk

In Deutschland war und ist es ganz ähnlich: Erfolgreiche Podcasts kamen und kommen auch aktuell nicht zwangsläufig aus Rundfunk-Häusern, auch wenn Öffentlich-Rechtliche und Private mehr und mehr investieren. Es waren auch hier die Verlagshäuser und Print-Kollegen, Steingart, Stern und vor allem die Zeit, die das Medium Podcast entdeckt, entwickelt und als eigenständigen Kanal gesehen haben. Denn genau das ist zentral: Podcast ist nicht nur RadioMachen fürs Internet, es ist ein eigenes Handwerk, das eigenständig gelernt werden muss. Mit der wunderbaren Schwierigkeit, dass es noch nicht „final“ definiert ist, dass wir genau genommen eigentlich erstmal machen können, was wir wollen. Vor allem für uns „Radiokinder“ ist es schwer, sich auf diese neue Freiheit einzulassen. Ist der Raum, der mit Inhalt gefüllt werden kann, doch plötzlich unbegrenzt. Die verhassten Beitragslängen, die klassische „BmO“-(Beitrag mit O-Tönen)-Struktur: Text-O-Ton-Text-O-Ton – all das mag die journalistische Freiheit beschränkt haben, doch es gab Planungssicherheit. Nun ist da diese Masse an Möglichkeiten, an Raum, der mit Inhalt gefüllt werden kann und muss. Und das Schlimmste: Es versendet sich nicht. Vielleicht war genau das notwendig: Um als neues digita-les Medium entstehen zu können, musste sich Audio on Demand vom Radio unabhängig machen. Pod-cast ist keine Weiterentwicklung, es ist ein komplett neues Medium. 

Wir müssen Podcasts also endgültig als solches begreifen. Ein Medium, das die Tiefe eines gut recherchierten Texts braucht. Das Handwerk und die Tonqualität einer hochwertig produzierten Sendung. Und die Bereit-schaft, etwas aus der neuen Freiheit ohne Längen- und Formatvorgaben zu machen. Denn, und hier kommt die gute Nachricht: Die Menschen, die Podcasts hören, hören wirklich zu, aufmerksam und sind je nach Thema extrem involviert. Und was kann cooler sein, als Journalist (die wir uns alle inflationär als „Geschich-tenerzähler“ bezeichnen), aber auch als Werbetreibender, wenn Menschen uns und dem, was wir zu sagen haben, wirklich zuhören?

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