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Hygiene-Demos und Widerstand2020

Die Pegida-Falle

Im europäischen
Verlagsgeschäft braucht es regionale Macher, findet Ben Krischke – Illustration: Bertil Brahm

Der mediale Umgang mit den „Hygiene-Demos“ und „Widerstand2020“ erinnert an die Berichterstattung über die Pegida-Anfänge. Journalisten müssen nun aufpassen, dass sie nicht unnötig pauschalisieren – und es den Extremen allzu leicht machen

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Der Monitor-Chefredakteur Georg Restle ist ein streitbarer Typ. Geschwurbel ist nicht sein Stil, klare Kante schon eher. Doch auf Twitter mahnte er jüngst, Contenance zu wahren. Restle schrieb: „Was JournalistInnen auch begreifen müssen: Nicht jede Regierungs- oder Wissenschaftskritik ist gleich eine Verschwörungstheorie – und wer der Bevölkerung gegenüber den Eindruck vermittelt, man stehe hinter allem, was Regierende verkünden, macht es den Extremen leicht.“

In diesem Punkt stimme ich Restle zu. Denn er, so interpretiere ich das, erkennt die Warnsignale; verspürt mit Blick auf den derzeitigen Umgang mit vielen Kritikern, die großzügig als „Corona-Skeptiker“ gescholten werden, ein gewisses Unbehagen. Restle weiß vielleicht auch, dass sich Geschichte wiederholt, gerade jüngere. Ebenso wie andere prominente Kollegen, die sich ähnlich äußern, Freitag-Herausgeber Jakob Augstein etwa.

Die Argumente (teils) für und (teils) wider die Corona-Maßnahmen liegen gut sichtbar auf dem Tisch. Das Spektrum der Regierungskritiker reicht von der gänzlich unverdächtigen Ex-Bunte-Chefredakteurin Patricia Riekel, die die Lockdown-Maßnahmen mit anderen in der Bild als „Fehler“ kritisierte, bis zum „Spinner“, wie es Welt am Sonntag-Chef Johannes Boie formulierte. Doch die Berichterstattung über die Regierungskritik fokussiert sich vermehrt auf die „Hygiene-Demos“ oder die Gruppierung „Widerstand2020“ und in diesem Rahmen auf die Extreme, die dort (auch) anzutreffen sind. Journalisten müssen nun aufpassen, dass die Folgen ihrer Berichterstattung nicht die gleichen sind wie einst bei Pegida: Wer pauschal runterschreiben will, der schreibt mitunter nämlich hoch – und reißt neue Gräben auf, wo gar keine sein müssten.

Wie im Zirkus

Derzeit ist also viel zu lesen über Rechtsextreme, Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker, Linksextreme, Querfronten und mehr, die gegen die Corona-Maßnahmen aufbegehren. In München, in Stuttgart und anderswo. Zunächst stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit: Wird da manchen Gruppen zu viel Aufmerksamkeit geschenkt, zeitgleich zu wenig über wirklich Kritikwürdiges gesprochen? Gut möglich. Aber selbstredend ziehen Demonstrationen, die von der lustig-skurrilen Hippie-Frau, die gegen Corona antanzt, ebenso besucht werden, wie vom vermummten Rechts- und Linksaußen, eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich. Das hat dann was von Zirkus, von Freak-Show und Happening. Also sei’s drum.

Das Problem liegt woanders: Dass sich unter die Demonstranten wohl auch relative Normalos mischten, geht in der Berichterstattung nämlich weitgehend unter. Nur der Terminus „darunter auch“, der gesetzt wird, bevor reihum alle „Spinner“ aufgezählt werden, bleibt (noch) als Hinweis bestehen. Kein Wort davon, dass dort manch einer auch demonstriert, weil für ihn die Corona-Gefahr vielleicht weniger real ist als die Gefahr, im Zuge der Lockdown-Maßnahmen vor die Trümmer seiner Existenz gestellt zu werden. Der Vorwurf der „Verantwortungslosigkeit“ wird, wenn die Angst ins Spiel kommt, zu einer Frage der erst noch zu verhandelnden Perspektive.

Projektionsfläche für Stereotype

Nicht einmal der eingebettete Journalist hat die Möglichkeit, mit allen Demonstranten über ihre individuellen Beweggründe zu sprechen. In München demonstrierten jüngst etwa 3000 Menschen. Wer angesichts solcher Zahlen den Überblick gar nicht behalten kann, für den wird ein geschmackloses Impfgegner-Plakat („Merkel = Mengele“) rasch zur Projektionsfläche für die eigenen Stereotypen.

Ich erkenne in der derzeitigen Berichterstattung über die „Hygiene-Demos“ mehr noch viel von dem wieder, was mir in Berichten zu den Pegida-Anfängen untergekommen ist: eine große Bereitschaft zu pauschalisieren. Ich war damals als Reporter in Dresden. Was ich bei Pegida sah und erlebte, worüber ich schrieb, war nicht unbedingt die homogene braune Masse, die andere Kollegen in ihren Kommentaren steinigten.

Ja, unter den Pegida-Demonstranten waren Neonazis. Aber dort waren auch viele Leute, die laut und ein bisschen wütend auf die Regierung waren, aber ansonsten ziemlich harmlos; Typ Stammtisch-Wutbürger mit Datsche. Menschen, das zeigte sich, die da noch empfänglich waren für eine relativ sachliche Diskussion, für andere Argumente, dafür, nicht im braunen Sumpf zu ersticken. Und die es bald nicht mehr so sehr waren, als sie unisono von der Presse beschossen wurden und plötzlich mit dem Rücken zur Wand standen.

Hier scheint sich der Kreis gerade zu schließen. Wie schon der Versuch, Pegida auszugrenzen, krachend scheiterte, so wird auch der Versuch, die sogenannten „Corona-Skeptiker“ – übrigens ein furchtbares Wort – in die Bedeutungslosigkeit zu schreiben, misslingen. Mal abgesehen davon, dass dies auch gar nicht die Aufgabe des Journalisten ist, haben viele Kollegen leider eines nicht verstanden: Wer pauschal etikettiert, macht Protestbewegungen nicht klein, sondern erst populär. Bald marschierten bei Pegida wohl auch deshalb nicht mehr nur 500 oder 1000, sondern 20.000 Menschen und mehr – und breite Gräben taten sich auf, deren Folgen noch heute in den endlosen Weiten des Internets beobachtbar sind. Oder in Thüringen. Oder im Freundeskreis.

Kritische Distanz, Journalismus eben

Was also tun? Journalisten müssen die echten „Spinner“ klar benennen – keine Frage –, auch im Sinne derjenigen, die sich aus Naivität, Unwissenheit oder infolge einer persönlichen Krise vielleicht in die Hände moderner Rattenfänger begeben. Information, Einordnung, Aufklärung sind eben Aufgaben des Journalismus, aber auch die Differenzierung.

Der Rolle, die der Journalismus im Umgang mit „Hygiene-Demos“ und „Widerstand2020“ einnimmt, sollten sich alle Berichterstatter bewusst sein. Sonst laufen sie Gefahr, dass ausgerechnet auf ihren – ganz anders motivierten – Texten und Tweets das nächste Pegida gedeiht. Oder, um es mit Georg Restle zu sagen: Journalisten sollten es den Extremen nicht so einfach machen. Bitte nicht schon wieder.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Textes stand, Sigmar Gabriel hätte die Pegida-Demonstranten als “Pack” bezeichnet. Das ist nicht korrekt. Der Begriff “Pack” wurde von ihm 2015 im Zusammenhang mit rechtsradikalen Ausschreitungen vor einem Asylheim in Heidenau genutzt. Danke für den Hinweis. 

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