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Nannen-Preis

Ist das Journalismus oder Aktivismus? Nannen-Preis-Jury-Chef Wolfers zur Rezo-Debatte

Andreas Wolfers Ist Sprecher der Jurys des Nannen-Preises – Foto: G+J

Der Nannen-Preis für den Youtuber Rezo in der Kategore Web-Projekt hat eine Debatte ausgelöst. Eine gute, wichtige Debatte, meint Jurysprecher Andreas Wolfers in einem Gastbeitrag. Schon die Jurys vom Nannen-Preis seien sich uneins gewesen über die journalistische Qualität des Videos.

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Von Andreas Wolfers

Für den diesjährigen Wettbewerb hatten wir in der Kategorie Web-Projekt die Teilnahmebedingungen verändert, erstmals konnten nun auch Formate teilnehmen, „die für Soziale Medien und Videoportale produziert worden sind“. Ein User reichte daraufhin das Video „Die Zerstörung der CDU“ von Rezo ein. Bei Youtube Deutschland war es das meistgeklickte Video 2019 gewesen, gut 17 Millionen überwiegend junge Menschen hatten sich Rezos Abrechnung angeschaut.

Schon in der Vorjury Web-Projekt löste das Video eine heftige Kontroverse aus, sie wurde in der Hauptjury mit gleicher Leidenschaft fortgesetzt. Über keinen Beitrag haben die neun HauptjurorInnen so lang und intensiv diskutiert wie über Rezos 55-minütiges Video. Ist das Journalismus oder Aktivismus? Und falls es Journalismus ist: Ist es preiswürdiger Journalismus? Wie korrekt sind eigentlich all die Behauptungen, die Rezo aufstellt? Und wie relevant ist die enorme Reichweite dieses Videos für die Beurteilung seiner Qualität?

Offenste Kategorie

In der Kategorie Investigation oder Dokumentation hätte Rezo keine Chance gehabt. Doch die Kategorie „Web-Projekt“ ist die offenste unserer Kategorien beim Nannen Preis, das ist ihre Stärke und Schwäche zugleich. Wir haben hier bewusst auf so präzise formulierte Beurteilungskriterien wie in den anderen Disziplinen verzichtet. Letztlich geht es um die Frage, welcher Beitrag, der in dieser Form nur im Netz möglich ist, die Jury am meisten beeindruckt.

Die Unschärfe ermöglicht uns, die ganze Vielfalt von Online-Formaten, vor allem neue, innovative Arbeiten, beim Nannen Preis abzubilden. Entsprechend unterschiedlich waren die drei final nominierten Beiträge: ein Crowdsourcing-Projekt von Tagesspiegel und Correctiv über den Berliner Immobilienmarkt, eine datenjournalistische Investigation von NDR und Bayerischer Rundfunk über einen Hacker-Angriff auf deutsche Konzerne, und eben das Video eines Youtubers.

Die erste Abstimmung in der Hauptjury ergab ein Patt der beiden bestbenoteten Beiträge. Welcher der andere Beitrag war, verschweigt die Jury; solche Rangfolgen gehören zu den Interna unserer Arbeit. Die zweite Abstimmung endete denkbar knapp, mit 5:4 Stimmen für Rezo.

Bühne für Debatten

Zwei Hauptjuroren, der Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann und der Autor und Philosoph Richard David Precht, haben aufgeschrieben, weshalb Rezo ihrer Meinung nach der Nannen-Preis gebühre; der Tagesspiegel hat ihren Text am Wochenende veröffentlicht. Als Jurysprecher freut mich die Kontroverse. Einst mussten wir einem Spiegel-Redakteur einen Nannen-Preis nachträglich aberkennen, ein anderes Mal weigerte sich das Investigativ-Team der Süddeutschen Zeitung, den Nannen-Preis anzunehmen, beide Fälle lösten eine Grundsatzdebatte über die Kriterien journalistischer Qualität aus. Auch in diesem Jahr zeigt sich, dass der Nannen-Preis nicht nur eine Auszeichnung ist: Er ist eine Bühne für wichtige Debatten unseres Berufsstands.

Dieser Beitrag erschien im G+J-Intranet. MEEDIA dokumentiert ihn mit freundlicher Genehmigung. Meinungsbeiträge von MEEDIA-Redakteuren zum Thema finden Sie hier und hier.

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