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Nannen-Preis 2020

Warum der Nannen-Preis für den Youtuber Rezo ein Fehler ist

YouTuber Rezo

Mit „Die Zerstörung der CDU“ wurde Rezo über Nacht zur politischen Stimme der Generation Youtube. Dafür wurde er zu Recht mit Preisen ausgezeichnet. Dass er nun allerdings den „Nannen Preis“, also den renommiertesten deutschen Journalistenpreis, erhalten hat, ist ein Fehler. Die Jury hätte die Reißleine ziehen müssen. Ein Kommentar.

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„Fuck ist das heftig, ich habe nicht gewusst wie heftig das ist“: So kündigt Rezo sein Video „Die Zerstörung der CDU“ an, das auf Youtube, Stand heute, deutlich über 17 Millionen Mal aufgerufen wurde. Zugespitzt formuliert, brandmarkt der Youtuber die Christdemokraten darin als Beelzebub. Sie seien für allerlei politische Übel und Versäumnisse der vergangenen Jahre verantwortlich. Und er gibt eine Wahlempfehlung: Bloß nicht CDU wählen und auch nicht die SPD oder die AfD.

Es sind rund 55 Minuten, die Rezo, Jahrgang 1992, fast über Nacht zur politischen Stimme der Generation Youtube werden ließen. Rund 55 Minuten, die die CDU gleichsam schwer in die Bredouille brachten. Auch ein bisschen die SPD und die AfD, aber vor allem die CDU. Die stellte sich – als wäre Rezos Abrechnung und die große Resonanz darauf nicht schon unangenehm genug – in der Folge so blöd an, dass ihr Krisenmanagement als Worst-Case-Szenario für jedes PR-Seminar taugen dürfte. Es ist ein Stück Youtube-Geschichte und ein Lehrstück über das „Neuland“ (Angela Merkel) und wie es die analoge Welt treffen kann.

Sehr guter bis brillanter Journalismus

Wenn soziale Medien jungen Leuten eine Stimme geben, die lange keine echte Möglichkeit hatten, Teil des öffentlichen Diskurses zu sein, ist das erstmal gut. Denn die Demokratie braucht das streitbare Wort, auch das umstrittene, auch und vor allem das der „Jungen“. Und es ist auch nicht so, als gönnte ich Rezo seinen Erfolg nicht. Im Gegenteil: Wenn Rezo seine große Reichweite von mittlerweile 1,33 Millionen Abonnenten nutzt, um nicht nur Formate wie „Ich suche über Tinder jemanden zum Minecraft spielen“ oder „Extrem Smoothie Challenge“ unters Youtube-Volk zu bringen, sondern auch, um es zur politischen Teilhabe zu ermuntern, ist das geradezu ehrenwert. Dass Rezo dafür mit Preisen ausgezeichnet wird, scheint mir verdient. Dass Rezo allerdings auch den „Nannen-Preis“ für sein Video in der Kategorie Web-Projekte erhalten hat, halte ich für falsch – mehr noch für verantwortunglos unserer Zunft gegenüber. Gerade in Zeiten von „Lügenpresse“-Schreihälsen und so kurz nach der Causa Relotius.

Der „Nannen-Preis“ ist die größte Auszeichnung, die ein Journalist in Deutschland erhalten kann. Und weil der „Nannen-Preis“ so renommiert ist, setzt er zwangsläufig auch Leitplanken für die mediale Berichterstattung. Er definiert Qualitätsansprüche an den deutschen Journalismus. Wer den „Nannen-Preis“ erhält, so die Botschaft, der macht sehr guten bis brillanten Journalismus. Wer den „Nannen-Preis“ erhält, dem steht eine große Karriere bevor und viele Redaktionstüren offen.

Nun leidet der „Nannen-Preis“ schon länger an seiner elitären Ausrichtung mit den immer gleichen Nominierten. So bunt die deutsche Medienlandschaft ist, so einfarbig waren die Nominierten-Listen der vergangenen Jahre. Auffällig scheint mir zudem, welches politische Spektrum in diesen Listen überdeutlich vertreten ist. Ganz viel Zeit, Spiegel, Stern und SZ Magazin, ganz wenig Focus, Welt und FAZ. Aber das ist ein anderes Thema und es mag sehr gute, sehr rationale Gründe geben, warum das so ist. Zurück zu Rezo.

Nur ein Rädchen im Getriebe

Ich gönne ihm seinen Erfolg, ganz ehrlich. Allerdings halte ich es trotzdem für falsch, dass er den „Nannen-Preis“ erhalten hat. Rezo ist kein Journalist, sondern Entertainer mit einem gewissen Informationsanspruch. Das ist nicht per se schlimm, das zeigt aber schon der Titel „Die Zerstörung der CDU“ ebenso wie die Wahlempfehlung, besser, die Nicht-Wahlempfehlung, die mit seinem Video einherging. Was Rezo in „Die Zerstörung der CDU“ getan hat, mag Parallelen zum Journalismus aufweisen (umfangreiche Recherche und Einordnung). Das ist aber nicht der entscheidende Punkt. Sondern, dass er darin auch manches tut, das unjournalistisch ist. Da lohnt etwa ein Blick in das CDU-Dokument „Offene Antwort an Rezo – Wie wir die Sache sehen„.

Wenn Zweifel bestehen, begründete Zweifel, dass ein Beitrag nicht lupenreiner Journalismus ist, hätte es eigentlich an der Jury des „Nannen-Preises“ sein müssen, die Reißleine zu ziehen. Bildlich gesprochen: Ein Spitzensportler verliert seinen Anspruch auf eine Olympia-Teilnahme, wenn er nur ein einziges Mal beim Dopen erwischt wird. Und wenn jemand mit 60 km/h durch eine 30er-Zone brettert, spielt es keine Rolle, ob er sonst immer vorbildlich fährt. Ärger bekommt er trotzdem. Was meine ich damit? Mindestens ein Ausschlusskriterium kann viele Einschlusskriterien aushebeln – und so hätte es auch die Jury des „Nannen-Preises“ sehen und von der Verleihung des Preises an Rezo absehen müssen.

Dem renommiertesten deutschen Journalistenpreis sollten, ach was, müssen drastische Auswahlkriterien zugrunde liegen. Der „Nannen-Preis“ hat eben maßgeblichen Einfluss auf die Glaubwürdigkeit des deutschen Journalismus, auch auf meine. Soll heißen: Hier schreibt keiner – was mir etwa auf Twitter vorgeworfen wurde – der „frustiert“ ist, weil bei ihm kein „Nannen-Preis“ auf dem Regal steht. Sondern einer, der zwar nur ein kleines Rädchen im Getriebe ist, aber Teil des Systems. Ebenso wie viele richtig gute Journalisten Teil dieses Systems sind. Der „Nannen-Preis“ für Rezo bringt nun viele Kollegen, die handwerklich sauber arbeiten, in Erklärungsnot. Und die „Lügenpresse“-Schreihälse fühlen sich in ihrem einseitigen Blick auf die Medien nach der Causa Relotius und nun auch dank der Causa Rezo einmal mehr in ihrer Weltsicht bestätigt. Da reicht ein Blick auf Twitter, um das zu erkennen.

Kern journalistischen Arbeitens

Rezos Beitrag lässt – bewusst oder unbewusst – Argumente außen vor, die seine mitunter drastischen Vorwürfe an die CDU stark schmälern würden, wenn nicht als unbegründet erscheinen ließen. Doch Fairness in der Berichterstattung ist Kern journalistischen Arbeitens, sollte es zumindest sein. Dazu gehört auch, nicht einseitig zu berichten, sondern ausgewogen und unter Berücksichtigung der Pros und Contras, mindestens aber unter Einbeziehung unterschiedlicher Perspektiven. Das hat Rezo in „Die Zerstörung der CDU“ nicht getan. Das mache ich ihm aber gar nicht zum Vorwurf. Rezo ist kein Journalist, weil er nicht journalistisch sauber arbeitet. Wenn Rezo aber kein Journalist ist, warum erhält er dann ausgerechnet den renommiertesten deutschen Journalistenpreis?

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