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OK Boomer: Weiß, cis, hetero, ungenügend – ein Plädoyer für mehr Diversität im Journalismus

Die 58. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule Foto: Bertil Brahm

Die Journalisten von gestern und heute haben versagt, mehr als nur ihre eigene Filterblasen-Realität abzubilden. Die Journalisten von morgen müssen das jetzt richten. Eine Kolumne von Berit Dießelkämper, Studierende der 58. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule.

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Von Berit Dießelkämper

Ich werde nie wissen, wie es ist, Teil einer Minderheit zu sein, denn ich bin weiß, cis, hetero und westdeutsch. Bei mir laufen alle Privilegien einer politischen Realität zusammen, und ich werde niemals allein sein. So wie ich auch in meiner Klasse nicht allein bin, denn dort sitzen 14 weitere weiße, cis, hetero Journalistinnen und Journalisten aus Westdeutschland. Wir könnten jetzt unbekümmert darüber hinwegsehen, dass das (allein statistisch) absolut unrepräsentativ ist, und uns darauf berufen, dass wir nicht dafür verantwortlich sind. Aber dann wären wir ja wie Ihr, die älteren Journalistinnen und Journalisten.

Wir werden in eine Branche hinein ausgebildet, die kaum divers ist, marginalisierte Gruppen nur abbildet, wenn es ein Problem gibt und sie ansonsten ignoriert. Es ist eine Branche, die Ihr entworfen habt. Und Ihr habt Euch (als Teil einer totalen Mehrheit) auch nie die Mühe gemacht, etwas daran zu ändern. Das schadet dem Journalismus, das schadet dem Produkt und der Gesellschaft sowieso. Nun müssen wir nicht nur sehr viel länger als Ihr mit den Konsequenzen eures Handelns leben, wir sind auch dafür verantwortlich, dass es nicht so bleibt.

Ihr habt euch wichtige Fragen einfach nie gestellt

Dass Ihr es nicht hinbekommen habt, ist die eine Sache. Die andere ist, dass mit unserer Ausbildung dieses Ungleichgewicht noch verstärkt wird. Wenn wir also in zehn Monaten die Journalistenschule verlassen, müssen wir uns fragen, wie wir es hinbekommen, den Journalismus diverser zu machen, ohne in irgendeiner Art selbst divers zu sein. Wir müssen uns fragen: Was bedeutet unsere Identität für unsere journalistische Arbeit? Wie bilden wir auch andere Perspektiven als unsere eigene ab, ohne sie uns anzueignen? Und braucht es uns überhaupt? All die Fragen, die Ihr Euch niemals gestellt habt. Vermutlich auch, weil man dann unweigerlich zu der Erkenntnis kommt, dass man nur deswegen dort ist, wo man ist, weil andere verarscht werden. Weil andere ihre Kraft in Kämpfe (gegen Marginalisierung, gegen Diskriminierung) stecken, die wir niemals werden führen müssen. Und dass sie deshalb nicht an unserer Seite oder viel eher an unserer Stelle sind, obwohl sie es verdienten. Das ist mindestens unangenehm, eigentlich eher beschämend.

Wir kommen da nur raus, indem wir Euch und Euren Journalismus hinterfragen. Ihr wisst Dinge, die wir noch lernen müssen, aber wir haben Dinge gelernt, die Ihr niemals verstehen werdet – hauptsächlich, weil Ihr sie nicht verstehen wollt. Ihr habt Euch in Euren Redaktionen und Privilegien eingemauert (Festanstellung, Zeit absitzen) und dabei die Welt um Euch herum vergessen. Ihr sagt: Journalistinnen und Journalisten können und müssen über alles schreiben. Wir haben begriffen: Es ist nicht immer richtig, über alles zu schreiben, weil jemand anderes (um dessen Realität es nämlich geht) es besser könnte. Ihr sagt: Alle anderen seien „mitgemeint“. Wir haben begriffen: Menschen und Perspektiven werden ausgeschlossen, wenn man sie nicht explizit benennt und zu Wort kommen lässt.

Viele Journalisten bemühen sich bereits um mehr Diversität

Wir müssen also zuhören, aber wir müssen aufpassen, wem wir zuhören. Und wir müssen manchmal schweigen und gleichzeitig aufpassen, dass nicht einfach ein anderer Mensch zu sprechen beginnt, der ebenso weiß, cis und hetero ist wie wir. Das Gute ist, dass sehr viele Journalistinnen und Journalisten sich bereits um mehr Diversität bemühen und ihr Bemühen auch erfolgreich ist. Und andere, die die Notwendigkeit zumindest erkannt haben, dann aber kurz hinter dem Wollen steckenbleiben.

Damit sich etwas ändert, schreiben wir diese Kolumne. Schreiben, dass Ihr bis hierhin versagt habt, wenn es um Diversität in Redaktionen geht (unter anderem, dazu dann mehr in späteren Ausgaben). Aber auch, dass wir das jetzt gerne gemeinsam geradebiegen können. Das wird keine Freude, aber da müssen wir durch. Ihr könnt das jetzt auch alles scheißarrogant finden, aber glaubt uns: Wir tun das für uns, aber auch für Euch.

Die 58. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule schreibt in dieser Kolumne über ihre Perspektiven auf den Journalismus und ihre Visionen für seine Zukunft.

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