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„Im Auge des Sturms“: Warum Mediengigant Disney so schwer von der Corona-Krise betroffen ist

Blick zurück auf eine goldene Ära: Nach dem Rücktritt von Bob Iger als CEO im Februar ist Disney ins Schlingern geraten

Mitten in der Corona-Krise hat sich eine tektonische Verschiebung in der Medienbranche vollzogen: Der jahrzehntelange Platzhirsch Disney ist nicht länger die Nummer eins der Unterhaltungsindustrie – zumindest nicht an der Börse. Analysten bescheinigen dem Dow Jones-Mitglied mittelfristig Ungemach, weil diverse Umsätze in Zeiten von Corona wegbrechen und die immense Schuldenlast drückt. Wird Disney jetzt gar zum Übernahmekandidaten? Eine Analyse.

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Aus die Maus. So schnell ist dem Mickey Mouse-Konzern in seiner Unternehmensgeschichte wohl noch nie das Lachen vergangen. Keine zwei Monate ist es her, dass das Mitglied im Elite-Index Dow Jones zum Abschied des langjährigen Erfolgsgaranten Bog Iger auf dem Zenit zu stehen schien – nicht zuletzt dank der schnellen Erfolge des frisch gestarteten Streaming-Dienstes Disney+, der bereits Anfang Februar knapp 30 Millionen Abonnenten verbuchen konnte.

Disney hatte spät seine Aufholjagd gestartet, aber sie schien zu funktionieren. Die Zukunft schien es wieder einmal gut mit dem Branchenprimus zu meinen, der in seiner 97-jährigen Konzernhistorie immer für blitzsaubere Unterhaltung für Jung und Alt gestanden hatte.

Dann kam Corona und infizierte Disneys Kerngeschäft in kaum für möglich gehaltenem Ausmaß. Während Disney+ weiter in beachtlicher Geschwindigkeit auf inzwischen 50 Millionen Abonnenten wächst, sind alle anderen Unternehmensbereiche von der Corona-Pandemie betroffen.

Disney leidet dreifach unter Corona-Krise

Da ist zunächst das Fernsehgeschäft mit ABC, National Geographic, ESPN und Spartenkanal FX, das in Zeiten der Rezession entsprechend rückläufige Anzeigenbuchungen zu spüren bekommt – besonders ESPN leidet unter den ausbleibenden Sportübertragungen. Kaum besser sieht es im Filmgeschäft aus: Verschobene Filmstarts und immer mehr unterbrochene Filmdrehs belasten den Branchenprimus ebenso wie der Besucherrückgang in Kinos durch die Beschränkungen im öffentlichen Leben.

Vor allem jedoch die Themenparks, mit denen Disney im vergangenen Geschäftsjahr einen Nettogewinn von 1,4 Milliarden Dollar erzielt hat, sind von den Folgen der weltweiten Pandemie betroffen. Die einträglichen Disneyland-Themenparks sind seit Mitte März im Rest der Welt geschlossen – vom relativ jungen Geschäft mit Erlebniskreuzfahrten ganz zu schweigen.

Disneys Geschäftsentwicklung: Im Corona-Würgegriff bis zu einem Impfstoff?

Disneys großes Problem: Während andere Branchen schneller wieder zur Normalität zurückkehren dürften, wenn der Shutdown in der westlichen Welt beendet ist, dürfte der Unterhaltungsgigant langfristig von den Folgen der Corona-Pandemie betroffen sein, weil sich die Grundregeln des öffentlichen Lebens möglicherweise für immer verändert haben.

„Disney befindet sich im Auge des Sturms. Die wirtschaftliche Rezession und die Notwendigkeit des Social Distancings, neue Gesundheitsvorkehrungen, der Mangel an Reisen und die Aversion vor Menschenansammlungen dürften Disneys Geschäftsentwicklung mutmaßlich weniger profitabel werden lassen, bis es einen weit verbreiteten Impfstoff gibt“, erklärte UBS-Analyst John Hodulik heute in einer Studie, die dem Finanzportal Marketwatch vorliegt, Disneys Dilemma.

Großbanken stufen Disney deutlich ab

Hodulik geht davon aus, dass die Themenparks Disneyland und Disneyworld zumindest bis zum 1. Januar 2021 geschlossen bleiben und frühestens in 18 Monaten – sofern es dann einen Impfstoff gibt – wieder zum früheren Niveau zurückfinden dürften.

Die Folge: Der UBS-Analyst strich das Kursziel der Disney-Aktie zu Wochenbeginn hart von 162 auf nur noch 114 Dollar zusammen und befindet sich damit in bester Gesellschaft mit Branchenkollegen. Douglas Mitchelson von der Credit Suisse senkte die Zielmarke heute von 140 auf 116 Dollar und stuft Disney zudem nur noch als Halteposition ein.

Allerdings notieren die Anteilsscheine der Walt Disney Company zu Wochenbeginn nach einem weiteren Minus von vier  Prozent bei 102 Dollar schon wieder signifikant tiefer und haben seit Jahresbeginn bereits ein Drittel ihres Wertes eingebüßt. Auf der Höhe des Corona-Crashs hatten sich Disney-Aktien Ende März gar halbiert.

Schuldenberg wird zum Problem

Einen zusätzlichen Anteil an der zunehmend kritischen Betrachtung der Wall Street dürfte nicht zuletzt Disneys massiv gestiegener Schuldenberg haben, der inzwischen auf über 38 Milliarden Dollar angewachsen ist. Der Hauptgrund für die massive Verschuldung ist in der jüngeren Vergangenheit zu suchen. Im vergangenen Jahr komplettierte Disney die 71 Milliarden Dollar schwere Übernahme des Großteils von Rupert Murdochs Medien-Imperium 21st Century Fox, die nach einer Bieterschlacht mit Comcast deutlich teurer geworden war.

Den massiven Verbindlichkeiten steht eine Cash-Position von 10 Milliarden Dollar gegenüber. In der Vergangenheit hatte der Donald-Duck-Konzern Quartalsgewinne jenseits der 2-Milliarden-Dollar-Marke ausgewiesen. Ob sich das Konzernergebnis künftig weiter in diesen Dimensionen bewegt, erscheint allerdings angesichts der jüngsten Herausforderungen höchst zweifelhaft. So rechnen Analysten im laufenden Geschäftsjahr inzwischen durchschnittlich fast mit einer Gewinnhalbierung.

Disney setzt Gehalt von 100.000 Mitarbeitern aus

Tatsächlich hat der Medien-Gigant in der Corona-Krise längst mit harten Einschnitten begonnen. Seit dieser Woche hat Disney die Zahlung von mehr als 100.000 – und damit der Hälfte aller – Mitarbeitern ausgesetzt (der Großteil davon aus den Themenparks). Nach Angaben der Financial Times spart Disney mit der Maßnahme 500 Millionen Dollar pro Monat ein, zieht sich jedoch angesichts der üppigen Dividendenausschüttung an Aktionäre in den sozialen Medien  erwartungsgemäß Kritik zu.

Wird Disney selbst zum Übernahmekandidaten?

Unterdessen könnte Disney der jüngste Börsenabsturz in ein anderes Dilemma bringen: Der Jäger, der in den vergangenen fünfzehn Jahren etwa neben den Filetstücken von 21st Century Fox auch Pixar, Marvel und Lucasfilm übernahm, könnte selbst zum Gejagten werden.

Als potenzieller Käufer wird dabei immer wieder ein Tech-Pionier genannt. „Hochkapitalisierte Unternehmen mit einem großen Cash-Polster, deren Aktien Disney in den letzten drei Monaten outperformt haben – wie Apple –, könnten die Volatilität nutzen“, mutmaßt etwa Analyst Bernie McTernan vom Vermögensverwalter Rosenblatt Securities.

Dass beide Konzerne allein schon von ihrer Unternehmenskultur gut zusammen passen würden, wurde in den vergangenen Jahren immer wieder kolportiert, allerdings hat der Kultkonzern aus Cupertino Übernahmen in Dimensionen von Disney bislang stets vermieden.

Greift Apple bei Disney zu?

Mit 185 Milliarden Dollar wird der Unterhaltungsriese an der Börse aktuell bewertet – das sind bereits 7 Milliarden Dollar weniger als die neue Nummer eins der Branche: Netflix –, doch auf dem aktuellen Niveau dürfte der neue CEO Bob Chapek einem Verkauf kaum zustimmen.

Mit einem marktüblichen Premium-Aufschlag von 20 bis 25 Prozent würde Disney schnell wieder 250 Milliarden Dollar kosten – Dimensionen, die wiederum Apple eine gehörige Verschuldung aufbrummen würde, zumal der iPhone-Konzern angekündigt hatte, sein Cashpolster in den kommenden Jahren in Form von Kapitalrückführungsmanahmen abschmelzen zu wollen.  (Abzüglich von Verbindlichkeiten beträgt Apples Netto-Cash-Polster aktuell rund 100 Milliarden Dollar.)

Nach Einschätzung des Finanzportals Motley Fool dürfte daraus entsprechend nichts werden: So sehr Apple den Großteil des Inhalte-Katalogs für die Erweiterung des neuen Streaming-Dienstes Apple TV+ gebrauchen könnte, so wenig Interesse dürfte Apple am weitläufigen Firmengeflecht (inklusive der Themenparks, der TV-Sender und des Lizenzgeschäfts) haben. In anderem Worten: Disney muss den Turnaround wohl aus eigenen Stücken schaffen.

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