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Winterbauers Woche

„Nageln Sie sich in der Pause eine Topfengolatsche“

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Manchmal gelingt die beste Werbung, wenn keine Agentur weit und breit eingeschaltet wurde. So wie beim Facebook-Video der Felber-Bäckerei aus Österreich. In D-Land befasst sich jetzt der PR-Rat mit dem „Heinsberg Protokoll“ der StoryMachine. Und einen gewissen Online-Mediendienst gibt es ab kommender Woche auch gedruckt! Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Ach, Frau Felber! Hätten Sie doch dieses wundervolle Video, in dem sie die Waren ihrer Bäckerei anpreisen auf Facebook doch nicht gelöscht! Doris Felber, Chefin der Felber Bäckerei in Österreich, wollte mit einem Facebook-Video für die Wieder-Eröffnung der Bäckerei-Filialen nach Ostern werben. Und weil die Frau Felber dabei die eine oder andere unkonventionelle Formulierung wählt („Schrauben Sie sich einen Kürbiskernspitz hinein.“ „Nageln Sie sich in der Pause eine Topfengolatsche.“) ging das Video vor allem bei Twitter ziemlich herum. Die braven Felbers haben sich darüber wohl so erschrocken, dass sie das Werbevideo auf Facebook gelöscht haben. Ein Twitter-Nutzer mit dem schönen Alias „Wurstzombie“ stellte dabei eine gute Frage:

Ich glaube, wir sehen hier die Abwesenheit jeglicher Beratung und Werbeagentur. Genau darum ist es so gut! Würde ich in Österreich wohnen, ich wäre am Dienstag auf jeden Fall in eine Felber-Baumarkt-Filiale marschiert und hätte mir eine Leberkäääs-Aromasemmel gegönnt. Oder halt eine Topfengolatsche genagelt. Was immer das auch ist.

Zum Glück geht in diesem Internet nix verloren:

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Ganz anders schaut Werbung häufig aus, wenn die Profis dransitzen. Austauschbar nämlich. Dieser Zusammenschnitt von US-amerikanischen Corona-Spots belegt eindrücklich, wie sehr die „Kreativen“ bei solchen Spots mittlerweile gedanklich im Gleichschritt unterwegs sind:

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Bleiben wir beim Thema PR und Corona. Ex-Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer hilft ja jetzt dabei, die Corona-Krise zu beenden. Der Mediendienst kress titelte jedenfalls: „Wie Klaus Brinkbäumer dabei hilft, die Corona-Krise bald zu beenden„. Brinkbäumer tritt aber keineswegs in die Fußstapfen von Prof. Brinkmann, der ja – viele wissen es möglicherweise nicht – auch nicht in echt operierte. Brinkbäumer bestückt für die Content-Marketing-Agentur Looping Group bloß einen Newsletter zum Human Vaccines Project, das zusammen mit der Harvard Chan School of Public Health das menschliche Immunsystem „entschlüsseln“ will. Und das würde/könnte dann möglicherweise ganz vielleicht irgendwie, irgendwo, irgendwann ein bisschen was zu Entwicklung eines Corona-Impfstoffes beitragen. Vielleicht! Nicht falsch verstehen: Brinkbäumer kann für solch übergeigte Headlines wie die vom kress natürlich nichts. Aber genau so etwas könnte der Virologe Christian Drosten gemeint haben, als er sagt: „Die Medien müssen endlich aufhören damit.“

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Gegenwind gab es für die Aktion „Heinsberg Protokoll“ der Agentur Storymachine von Kai Diekmann, Philipp Jessen und Michael Mronz. Die Agentur begleitete das Forschungsprojekt des Virologen Hendrick Streeck im von Corona besonders betroffenen Landkreis Heinsberg in NRW. Zehn Leute waren dafür agenturseitig abgestellt, es sollte eine „journalistische Herangehensweise“ sein, wie Jessen im MEEDIA-Interview sagte. Das „Protokoll“-Projekt bestand dann freilich „nur“ aus einem Twitter- und einem Facebook-Account, die lediglich vom 6. bis zum 12. April bestückt wurden. Eher ein Protoköllchen. Wie Jessen später auf Twitter mitteilte, hätten die Deutsche Glasfaser und Gries Deco Company (betreiben die Ladenkette Depot) das Projekt unterstützt. Es bleiben einige Fragezeichen und die aktuelle Meldung, dass der Deutsche Rat für Public Relations das „Heinsberg Protokoll“ jetzt unter die Lupe nimmt. Untersucht wird, ob Verstöße gegen das Transparenzgebot des Kommunikationskodexes vorliegen. Auf Anfrage des PR Reports erklärte der von Storymachine beauftragte Medienanwalt Christian Schertz:

Die Umsetzung des Heinsberg Protokolls und Begleitung durch meine Mandanten ist nicht zu beanstanden. Auch Verstöße gegen das Transparenzgebot des Kommunikationskodexes sind nicht im Ansatz erkennbar. Zunächst einmal ist darauf hinzuweisen, dass es sich bei meiner Mandantschaft nicht um eine PR-Agentur handelt. Sie unterliegt damit auch nicht diesbezüglichen Selbstverpflichtungen des Kommunikationskodexes des Deutschen PR-Rates. Unabhängig davon wäre ein Verstoß gegen diesen überhaupt nicht im Ansatz erkennbar. Die Begleitung durch Storymachine wurde selbstverständlich im Impressum von Facebook mit Veröffentlichung des Heinsberg Protokolls offengelegt. Mir liegt das entsprechende vollumfängliche Impressum vor. Insofern wäre ein entgegenstehender Bericht auch wahrheitswidrig. Darüber hinaus hat meine Mandantschaft auch die Unterstützung durch Firmen transparent gemacht.

Interessant wäre zu erfahren, wie Schertz „PR-Agentur“ definiert. Der Anwalt und Storymachine-Macher Diekmann sollten sich gut kennen. Als Diekmann noch Bild-Chef war, vertrat Schertz viele Prominente, die gegen die Bild klagten. Hier gibt es bei den RiffReportern eine lesenswerte Aufarbeitung der Vorgänge um das „Heinsberg Protokoll“.

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Und jetzt noch zu etwas komplett anderem: MEEDIA, der Mediendienst Ihres Vertrauens, erscheint kommenden Montag erstmals auch als gedrucktes – jawohl: gedrucktes! – Magazin. Und das dann jede Woche! Die Premieren-Nummer ist ganz schön fett geworden … hier geht es zum Abo.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast Die Medien-Woche haben mein Kollege Christian Meier von der Welt und ich diesmal den renommierten Medienwissenschaftler Michael Haller zu Gast. Der hat sich Gedanken darüber gemacht, wie die Medien mit der Corona-Krise umgehen. Außerdem gibt es Corona-Phrasen, die wir garantiert nicht mehr hören wollen. Es würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

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