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Wachablösung in der Corona-Krise: Netflix entthront Disney als wertvollsten Medienkonzern der Welt

Muss Netflix an der Börse den Vortritt lassen: Disneys Zeichentrickfigur Mickey Mouse

Der Paradigmenwechsel hat sich länger abgezeichnet, nun wurde er ausgerechnet mitten in der Corona-Krise vollzogen. Film-Pionier Disney kann sich nicht länger wertvollster Konzern der Medienbranche nennen. An der Wall Street wurde der 97 Jahre alte Traditionskonzern von Streaming-Emporkömmling Netflix überholt, der neue Allzeithochs verzeichnete und nun so wertvoll wie nie ist.

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In der Corona-Krise trennt sich die Spreu vom Weizen. Unternehmen, die in der digitalen Transformation zu den Gewinnern zählen, werden an der Wall Street aktuell mit Premium-Aufschlägen belohnt, während Konzerne, deren Kerngeschäft mehrheitlich noch im Prä-Digitalzeitalter beheimatetet ist, von Anlegern zunehmend gemieden werden.

Die Corona-Krise wirkt in der digitalen Transformation dabei als regelrechte Beschleunigung, wie es etwa der Marktforscher Gartner voraussagt. Zu besichtigen ist der Paradigmenwechsel besonders eindrucksvoll in der Medienbranche, in der sich seit Jahren ein packendes Duell zwischen alter und neuer Inhalte-Distribution entwickelt hat, das zunächst dem zwischen David und Goliath glich.

Die alte Hollywood-Ordnung ist Geschichte

Für ein Jahrhundert bestimmten die großen Produktionsstudios, MGM, Warner Bros, 21st Century Fox, Columbia oder Paramount Pictures die hohe Kunst des Kinos. Disney durfte sich jahrzehntelang als König von Hollywood fühlen. Im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends ist die alte Hollywood-Ordnung indes ins Wanken gekommen.

In Überschallgeschwindigkeit näherte sich in den vergangenen Jahren ein US-Internet-Unternehmen, das vor mehr als zwanzig Jahren als DVD-Versender begann und vor gerade einmal sieben Jahren mit „House of Cards“ die erste Serien-Eigenproduktion (Original Content) launchte – Netflix.

Netflix überholt Disney an der Wall Street

Der Rest ist moderne Internet- und Mediengeschichte: Binnen gerade einmal einem Jahrzehnt hat Netflix an der Wall Street das alte Hollywood überflügelt – inklusive Disney. Das von Walt Disney 1923 gegründete Filmimperium war über Jahrzehnte der wertvollste Medienkonzern der Welt, hatte aber den Einstieg ins Streaming-Zeitalter verpasst.

Die Quittung kam im gestrigen Handelsverlauf auch auf Schlusskursbasis. Mit einem Börsenwert von nunmehr 187,3 Milliarden Dollar überflügelte Netflix, das zum Start seiner Eigenproduktionen von Time Warner-Chef Jeff Bewkes noch als „albanische Armee“ verhöhnt wurde, den langjährigen Platzhirsch Disney, der an der Wall Street bei einer Marktkapitalisierung von 186,6 Milliarden Dollar schloss.

Netflix als “Stay-at-Home”-Unternehmen neben Amazon großer Corona-Krisengewinner

Netflix notierte nach einem Kurssprung von weiteren drei Prozent auf 427 Dollar zudem auf dem höchsten Niveau seiner knapp 18-jährigen Börsenhistorie. Schon in den ersten Wochen des Corona-Crashs hat sich Netflix relativ robust gehalten. Der Streaming-Pionier gilt für die Wall Street wie Amazon als “Stay-at-Home”-Unternehmen zu den ultimativen Krisengewinnern.

“Netflix ist ein offenkundiger Profiteur, wenn Verbraucher wegen Sorgen um das Coronavirus mehr Zeit zu Hause verbringen, was von der Aktienperformance reflektiert wird”, prognostizierte BMO Capital Markets-Analyst Dan Salman gleich zu Beginn der Corona-Krise in einer Kurzstudie, die dem Branchendienst Variety vorliegt. Wie sich Netflix‘ Geschäfte im ersten Quartal tatsächlich entwickelt haben, enthüllt CEO Reed Hastings nächste Woche.

Disney leidet dreifach unter Corona-Krise

Traditionelle Medienkonzerne sind dagegen wegen ihrer Abhängigkeit vom volatilen Werbemarkt an der Wall Street zuletzt massiv unter Druck geraten. Das Branchenschwergewicht Disney plagen nicht nur die Sorgen um Anzeigenrückgänge bei seinen TV-Sendern (u.a. ABC), unter denen besonders ESPN von ausbleibenden Sportübertragungen leidet.

Auch verschobene Filmstarts wie das Remake von “Mulan”, das speziell für den chinesischen Markt produziert wurde und zahlreiche unterbrochene Filmdrehs belasten den Branchenprimus. Vor allem jedoch der potenzielle Besucherrückgang in Kinos, den einträglichen Disneyland Themenparks, die zunächst in Shanghai, Hongkong und Tokio und seit Mitte März im Rest der Welt geschlossen wurden und auf Kreuzfahrtschiffen beunruhigen Anleger.

Netflix Krisengewinner, Disney Krisenverlierer

Die Wege der beiden Medien-Giganten hätten in der Corona-Krise an der Wall Street entsprechend kaum deutlicher auseinandergehen können. Seit Jahresbeginn liegt die Netflix-Aktie nunmehr enorme 32 Prozent im Plus und hat seit dem Höhepunkt des Corona-Crashs um mehr als 45 Prozent zugelegt.

Auf der exakt anderen Seite der Medaille befindet sich dagegen Disney mit einem Minus von knapp 29 Prozent seit Jahresbeginn. In der Spitze des Ausverkaufs hatten sich die Anteilsscheine des Mickey Mouse-Konzerns gar halbiert. Der überraschende Adhoc-Abgang des langjährigen Erfolgsgaranten Bob Iger als CEO unmittelbar vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie in der westlichen Welt verunsicherte Anleger zudem.

Langzeit-Disney-CEO Bob Iger zieht weiter die Fäden im Hintergrund

Wie die New York Times berichtet, zieht Iger trotz seiner offiziellen Demission die Fäden weiter im Hintergrund. „Bob Iger dachte, er tritt auf dem Höhepunkt zurück. Doch nun kämpft er um Disneys Leben“, titelte die „Gray Lady“ am Wochenende dramatisch.

Immerhin: Als Hoffnungsschimmer konnte der Medien-Pionier zuletzt mit seinem Streaming-Dienst Disney+ mit dem schneller als erwarteten Durchbruch durch die 50-Millionen-Abonnenten-Marke punkten. Während Disney für den Meilenstein ganze fünf Monate benötigte, hatte Netflix noch sieben Jahre und fünf Monate gebraucht.

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