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„Heinsberg Protokoll“: ein Mahnmal missglückter Wissenschaftsvermittlung

Heinsberg Protokoll Kritik Jens Rehländer

In Deutschland wurde Heinsberg als Hotspot der Coronapandemie bekannt. Foto: Jonas Güttler/ dpa

Braucht Wissenschaft PR? Das Projekt „Heinsberg Protokoll“ von Storymachine zeige, dass sie darauf besser verzichten sollte, meint der Kommunikator Jens Rehländer. Warum er in der Dokumentation der Heinsberg-Studie eine schnell ausgebrannte Marketingrakete sieht, erfahren Sie in seinem MEEDIA-Gastkommentar.

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Von Jens Rehländer

Jens Rehländer, Volkswagenstiftung
Foto: Volkswagenstiftung
Jens Rehländer leitet die Kommunikation der Volkswagen Stiftung in Hannover. Er war davor mehr als 20 Jahre in wechselnden Funktionen Mitglied der Geo-Redaktion.

„Wissenschaftskommunikation“ – ich denke, allein der sperrige Begriff dürfte bei den Leuten von Storymachine Schnappatmung auslösen: Riecht das nicht so ranzig wie ein Telekolleg im Schwarzweiß-Fernseher? Höchste Zeit also, mag man sich dort gesagt haben, der Welt einmal zu zeigen, wie man den verschnarchten Pressestellen an Hochschulen und Forschungseinrichtungen ein Schnippchen schlägt und moderne Wissenschaft nach allen Regeln zeitgemäßer PR-Kunst vermittelt: smart, hipp, gefühlig, junge Zielgruppe, Social Media, Bewegtbild – das ganze Gedöns, gut und teuer. Nach eigenen Angaben wurde ein „Chief Strategy Officer“ zum Kommandeur eines zehnköpfigen Kreativteams bestellt und der Tross teils virtuell, teils körperlich nach Nordrhein-Westfalen in Marsch gesetzt. Sein Auftrag: Die wissenschaftliche Arbeit des Bonner Virologen Hendrik Streeck auf Twitter und Facebook dokumentieren; Codename: „Heinsberg Protokoll“.

Viel Aufwand für eine Mission, die so abrupt zu Ende ging wie sie gestartet war: Am 6.4. flog die Marketingrakete mit Gleiß und Glitzer gen Himmel, bereits am 12.4. schlug sie wieder hart auf, ausgebrannt und erloschen. In der knappen Zeit dazwischen hat Storymachine nicht nur unter dem Hashtag „#Heinsbergprotokoll“ 138 Tweets gepostet, je hälftig auf Deutsch und Englisch, und alle Inhalte nochmal bei Facebook gespiegelt. Im selben Zeitraum hat die Agentur es aber auch geschafft, sich selbst zu entzaubern. Das „Heinsberg Protokoll“ erfüllt keines der Versprechen, die seine Macher beim Start geweckt hatten. 

Als gelte es eine Sensation anzukündigen, titelte MEEDIA am 9.4.: „Zum ersten Mal spricht Philipp Jessen über ein Storymachine-Projekt“. Auf die Frage, warum die Agentur das Projekt „Heinsberg Protokoll“ mache, antwortete ihr Mitgründer per Mail: „Die Studie von Prof. Dr. Hendrik Streeck zu Covid-19 ist von überragender Wichtigkeit und wissenschaftlicher Bedeutung für den weiteren politischen und gesellschaftlichen Umgang mit dieser Krankheit. Das Ziel des ‚Heinsberg Protokoll‘ ist es, dieser wissenschaftlichen Arbeit größtmögliche Öffentlichkeit und Sichtbarkeit zu ermöglichen.“

Laborfotos und Videoclips, die nicht einmal auf Kika Platz fänden

Die Quantität dieser Sichtbarkeit haben wir schon beziffert. Was die Qualität anlangt: haarsträubend. Ein paar Laborfotos, sämtlich ohne erklärende Bildunterschriften. Ein paar Videoclips mit Statements von Jungforschern, die nicht mal in den Kika-Nachrichten Platz fänden („in die Ellenbeuge niesen“). Ein paar Texttafeln mit Pseudoweisheiten („Eine Rückkehr in das normale Leben wird uns leichter fallen, weil die Bürger*innen gelernt haben, die Hygieneregeln einzuhalten.“ Prof. Dr. Hendrik Streeck). Und immerhin auch dies: ein paar unfreiwillig komische Tweet-Textchen, die ein bisschen über die totale Informationsleere hinwegtrösten. So heißt es zu den Fotos junger Menschen in Laborkitteln: „Wir haben noch viel zu untersuchen, zu lernen und zu verifizieren.“ Und ein anderes Mal: „Wir sind müde, aber Aufhören kommt jetzt trotzdem nicht in Frage. Damit wir euch möglichst schnell Antworten liefern können, geben wir weiterhin alles – auch wenn das lange Nächte und noch längere Tage bedeutet.“ 

Journalistische Herangehensweise ohne Journalismus

Wir rechnen jetzt nicht nach, wie „lange Nächte“ und „noch längere Tage“ in einem 24-Stunden-Zeitmaß Platz finden, sondern ärgern uns über eine andere Ankündigung Jessens im MEEDIA-Interview: „Für diese Kommunikationsaufgabe haben wir uns für eine journalistische Herangehensweise entschieden.“ Nicht genug also damit, dass an keiner Stelle im „Heinsberg Protokoll“ auch nur eine einzige wissenschaftliche Information steckt, der Anspruch also nichtmal ansatzweise eingelöst wird, Streecks „wissenschaftlicher Arbeit größtmögliche Öffentlichkeit und Sichtbarkeit zu ermöglichen.“ – nun diskreditiert Jessen neben den Wissenschaftskommunikatoren auch noch den Berufsstand der Journalisten. Denn es gibt im „Heinsberg Protokoll“ auch keinen Anhaltspunkt für eine journalistische Perspektive: keinen Nachrichtwert, keine Kontextualisierung von Streecks Studienansatz, keine Erläuterung von dessen wissenschaftlichen Methoden und Verfahren.

„Heinsberg Protokoll“: Eine Marketinghülle ohne Nutzwert

Und genau hier offenbart sich der Geburtsfehler dieses Projekts: Die Macher des „Heinsberg Protokoll“ haben offenbar von Virologie und Covid-19-Forschung keine Ahnung. Deshalb ist das „Heinsberg Protokoll“ auch nur eine leere Marketinghülle, ohne Substanz und Nutzwert. Umso irritierender, dass die Kommentarspalten bei Facebook trotzdem gefüllt sind mit Danksagungen, Herzchen, Thumbs-up und Glückskleeblättern („Ich bin von eurer Arbeit total überzeugt und von eurem Einsatz begeistert“, „Vielen Dank, dass ihr so unermüdlich arbeitet, auch an den Feiertagen“). Erfahrene Communitymanager, die andere Realitäten gewöhnt sind, werden sich fragen: Wie kommt so viel Harmonie zustande?

Authentisch wirkt der Dialog hingegen dort, wo Nutzer – selten genug – wissenschaftliche Fragen stellen, aber vom ahnungslosen Team notgedrungen mit Floskeln abgewimmelt werden: „Wir haben uns die Frage notiert und versuchen, sie bald zu beantworten“, „Für Antworten bitten wir noch um Geduld“, „Hallo Justus, wie du dir sicher vorstellen kannst, haben wir unzählige Fragen bekommen, die wir hoffentlich bald beantworten können“. Ich wette, Justus wartet noch heute auf seine Antwort. 

Warum habe ich diesen Text geschrieben? Weil es mich ärgert, wenn eine tief verunsicherte, nach Orientierungswissen gierende Öffentlichkeit für dumm verkauft wird. Ich will nicht über die wahren Gründe spekulieren, die Storymachine dieses Projekt beginnen ließ. Für mich ist entscheidend: Hier ging es offenbar nie um wissenschaftliche Aufklärung, nie um einen erkenntnisvermittelnden Dialog auf Augenhöhe zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. 

Gesellschaftliche Verantwortung des Wissenschaftsjournalismus

Wer über Covid-19 und dessen Erforschung publiziert, egal wo, übernimmt gesellschaftliche Verantwortung. Wer das nicht tut, spielt mit den Ängsten und Sorgen der Menschen. Grundlagenforschung ist kompliziert und Laien oft nur schwer zu erklären. Gerade deshalb sollte man Forschungskommunikation denen überlassen, die wissen, wie es geht: Wissenschaftler selbst, natürlich, vor allem aber auch die Pressestellen der Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie die Wissenschaftsjournalisten. 

Was bleibt nach dem Hype ums „Heinsberg Protokoll“? Bei Facebook und Twitter sind die virtuellen Mahnmale missglückter Wissenschaftskommunikation zu besichtigen. Hendrik Streeck, der laut ZEIT Online froh war, „dass ihm jemand die Arbeit mit Twitter und Facebook abnehme“, muss sich nun der Vorwürfe anderer Fachleute erwehren, die seine Heinsberg-Studie für unvollkommen und methodisch fragwürdig halten. Und Storymachine? Abgetaucht. 

One last thing: Kürzlich hat die altehrwürdige Nationale Akademie der Wissenschaften, die Leopoldina (370 Jahre Geschichte!), eine Stellungnahme zu Corona veröffentlicht. Ein schlichtes PDF. Kein einziges fancy Video. Keine „instagrammable“ Optik. Nichts als Bleiwüste. Seitenlang. Ein Marketing-Alptraum.

Das Medienecho war gewaltig. Die Kanzlerin hat das Papier gleich zu ihren Entscheidungsunterlagen genommen. 

Liegt es nicht in unserer aller Interesse, wenn in der Wissenschaft und deren Vermittlung solide Fakten nach wie vor mehr wiegen als jede noch so flotte Verpackung? Mag Old School-Denke sein. Aber ich stehe dazu.

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