Anzeige

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Krisen sind immer auch eine Frage der Perspektive

© Picture Alliance

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) verzeichnet erstmals über 150.000 Digitalabonnenten. 120 Millionen Visits vermeldet die Zeitung am Mittwoch allein für den März 2020. Ein Rekordergebnis – in Krisenzeiten. Und damit ist nicht nur die Corona-Krise gemeint.

Anzeige

Es ist schon erstaunlich, was man für einen Euro alles bekommt: Batterien zum Beispiel, Tassen oder Kinderbücher – oder eine Woche Plus-Zugang bei der Frankfurter Allgemeine Zeitung. Das Blatt nutzt aktuell – und voraussichtlich auch die nächsten vier Monate – das gestiegene Informationsbedürfnis der Leser in der Corona-Krise und verscherbelt seine F+-Inhalte für 100 Cent pro Woche (normalerweise 2,99 Euro). Das wäre die negative Interpretation. Die positive liest sich so: Die FAZ nutzt das große Informationsbedürfnis, um noch mehr Klicks zu generieren und emsig neue Namen fürs Leserregister zu sammeln. Tun andere ja auch: Der Spiegel lockt derzeit neue Digitalabonnenten mit einem kostenlosen Monat und Gruner und Jahr treibt es mit seinem – in der Branche durchaus umstrittenen – Vorstoß, alle E-Paper und Digital-Magazine zu verschenken, endgültig auf die Spitze (MEEDIA berichtete).

Aber zurück zur FAZ: Ein Rekordergebnis in Krisenzeiten also – und damit ist nicht nur die Corona-Krise gemeint. Die Zeiten sind für die Frankfurter nämlich auch ohne Covid-19 schon schwer genug. Im Geschäftsjahr 2018 etwa, das wurde Anfang März bekannt, rutschte die Fazit-Stiftung, zu der die FAZ gehört, tief in die roten Zahlen und musste unterm Strich fast 20 Millionen Euro Miese vermelden. Für das Geschäftsjahr 2019 erwartete die Stiftung zu dem Zeitpunkt ein Minus in mittlerer einstelliger Millionenhöhe (MEEDIA berichtete). Die Auflage schrumpft, das Anzeigengeschäft ist rückläufig und Zinseffekte bei den Pensionsverpflichtungen belasten das Ergebnis. „Derzeit“, heißt es in vorsichtigem PR-Sprech immerhin, sei bei der „FAZ“ keine Kurzarbeit geplant. Das sieht bei der Konkurrenz anders aus. Die SWMH zum Beispiel, hat das erste Mal in ihrer Geschichte nun Kurzarbeit angemeldet (mehr dazu etwa hier).

FAZ-Infrastrukturprojekt: Dritte Phase hat begonnen

Klar ist: Ein deutlicher Zuwachs der Digitalabonnenten – wie ihn die FAZ auch dank ihrer Ein-Euro-Strategie aktuell verzeichnet – kann nicht schaden. „Good news in bad times“ oder „good news in difficult times“, wenn man so will. Und so ein bisschen strategische Weiterentwicklung im Digitalen schadet in der Regel sowieso nie. Vor zwei Jahren hat die FAZ daher bereits ein „umfangreiches Infrastrukturprojekt“, wie es von Unternehmensseite umschrieben wird, aufgesetzt, das den kompletten Austausch von zentralen Technologiekomponenten zum Ziel hat. Demnach führt die FAZ aktuell Eidos als neues Redaktionssystem und Salesforce im Verkauf ein: „Ergebnis wird ein neuer Standard im Haus sein, welcher auf der Nutzung von ‚Software as a Service‘ (SaaS) bzw. auf dem möglichen Einsatz der Cloud basiert“, teilt eine Sprecherin auf MEEDIA-Anfrage mit.

Das Infrastrukturprojekt der FAZ ist in drei Phasen unterteilt, aktuell hat die letzte Phase begonnen – und das ausgerechnet inmitten der Corona-Krise. Ausgerechnet oder glücklicherweise? Denn die Sprecherin weiter: „Die Corona-Krise wird die zeitliche Umsetzung, wie auch die Digitalisierung in vielen anderen Bereichen und Branchen, wahrscheinlich eher noch beschleunigen.“ Das ist das eine. Das andere ist, dass die Frage, ob die FAZ in der Krise steckt, wohl ebenso eine Frage der Perspektive ist: wie die Frage, ob da wer seine Inhalte „verscherbelt“ oder nicht. Von Seiten des Blattes heißt es jedenfalls: „Zugleich bleibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung nach einem wiederum sehr zufriedenstellenden Jahr 2019 eines der wirtschaftlich solidesten Unternehmen der Branche: schuldenfrei und mit einer hohen Eigenkapitalquote ausgestattet.“ Es ist schon erstaunlich, was man für einen Euro alles bekommt – und wie unterschiedlich Perspektiven doch sein können. Besonders in Krisenzeiten.

Anzeige