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Winterbauers Woche

Bei P7S1 gibt es keine Vorstands-Soap, sondern ein Vorstands-Kettensägenmassaker

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Einige Medien reagieren auf die Corona-Krise, indem sie ihre Produkte verschenken. Kann das erfolgreich sein? Wissenschaftler und Medien sind sich nicht immer grün. Bei P7S1 tobt das Vorstands-Kettensägenmassaker und in Münster gibt es Hoffnung auf echten Lokaljournalismus. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Wirtschaftlich betrachtet hat die C-Krise zwei Seiten für die Medien: Einmal gibt es einen drastischen Einbruch bei der Werbung, Purpose- und Dankeschön-Anzeigen hin oder her. Die andere Seite ist, dass zahlreiche Medien extrem gestiegene Abschlüsse bei Digital-Abos melden, wie u.a. eine kleine Umfrage der dpa ergeben hat. Manche Häuser nutzen diesen Effekt nun zu erweiterten Marketing-Maßnahmen. Das Independent-Magazin Katapult etwa verschenkt aktuell Jahresabos, verbunden mit der Bitte, wer es sich noch leisten kann, möge doch ein bezahltes Abonnement abschließen. Der Aufruf zeigt Wirkung:

Gruner + Jahr macht die digitalen Paywall-Tore ganz weit auf und verschenkt bis 30. April alle Digitalausgaben inklusive Stern plus. Ob das auch eine Reaktion ist auf den Ärger, den sich der Stern mit Professor Christian Drosten eingehandelt hat? Der Virologe hatte dem Magazin ein Interview gegeben und dabei sinngemäß gesagt, dass es wichtiger sei, Schulen wieder zu öffnen als Fußball-Stadien. stern.de packte die Aussage, dass laut Drosten Stadien womöglich noch für ein Jahr ohne Zuschauer auskommen müssten, in eine Überschrift und der Prof. ärgerte sich im „Coronavirus Update“ Podcast bei NDR Info: Medien müssten mit solchen Zuspitzungen aufhören, sonst würden Wissenschaftler wie er das bald nicht mehr machen. Also, das Erklären. Jetzt ist der Stern ja erstmal gratis und Prof. Drosten und Prof. Kekulé und alle anderen Corona-Erklärer machen hoffentlich weiter.

Auch anderswo ist die Wissenschaft bisweilen nicht zufrieden mit den Medien. Die britische Financial Times bekam auf Twitter ihr Fett weg, weil sie nach Meinung etlicher Wissenschaftler in einer Überschrift eine Annahme in einer Studie als Tatsache hinstellte und der Text (wie bei der FT üblich) hinter einer Paywall stand.

Medien und Wissenschaft könnten hier viel voneinander lernen. Medien könnten lernen, weniger zuzuspitzen und weniger Clickbait einzusetzen (auch die sog. Qualitätsmedien!). Wissenschaftler könnten lernen, dass Medien Geld verdienen müssen, um zu existieren.

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Was da bei ProSiebenSat.1 vor sich geht, ist schon atemberaubend. Das ist weniger eine „Vorstands-Soap“, wie der ausgeschiedene Conrad Albert gegenüber der Süddeutschen sagte, als eher ein Vorstands-Kettensägenmassaker. Jetzt ist CEO Max Conze in hohem Bogen rausgeflogen und seine Strategie, falls man das so nennen kann, wurde gleich mit kassiert. Künftig will man sich also aufs Kerngeschäft konzentrieren, weil das ja auch gerade so supergut läuft mit der TV-Werbung. Grüße an Sat.1 bitte! Mich dünkt, der bisherige Finanz-Vorstand und Neu-CEO Rainer Beaujean ist nur eine Übergangslösung. Hinter den Kulissen läuft vermutlich längst die Suche nach einem namhaften Nachfolger oder einer Nachfolgerin für Conze. Die ehemalige RTL-Chefin Anke Schäferkordt hätte womöglich Zeit. Aber ob sie auch Lust hätte, sich den Patienten P7S1 ans Bein zu binden?

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In Münster formiert sich ein sehr interessantes Lokaljournalismus-Projekt: RUMS (steht für „Rund um Münster„). Das Projekt startet mit prominenten Mediennamen: Ex-Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer, Marina Weisband und Twitter-Influencer Ruprecht Polenz sind als Kolumnisten an Bord. Im Hintergrund sind laut Horizont u.a. Tagesspiegel-Herausgeber Sebastian Turner und Correctiv-Chef David Schraven dabei. Um die Redaktion kümmern sich zunächst Katrin Jäger und Ralf Heimann. Die Riege der prominenten Namen sorgt für Aufsehen, wichtiger aber wird sein, ob das Angebot genügend Leute in Münster begeistern kann.

Dass es dort eine Lücke in Sachen lokaljournalistischer Versorgung gibt ist klar, da die Münstersche Zeitung seit 2014 ihren Lokalteil im wesentlichen von den Westfälischen Nachrichten übernimmt. Der überregionale Teil der Münsterschen besteht weitgehend aus Agenturmaterial, Texten der Rheinischen Post und solchem vom Redaktionsnetzwerk Deutschland von Madsack. Übermedien bezeichnete das Blatt schon treffend als „Zombie-Zeitung„.

Los gehen wird es bei RUMS mit einem mehrmals pro Woche erscheinenden Newsletter, weitere Angebote sollen Folgen. Finanziert wird das Projekt zunächst von nicht näher benannten Gesellschaftern. „Über Geld reden wir später“, heißt es auf der Website dazu. Das hätte man dann gerne ein bisschen genauer gewusst, wer die Party fürs Erste bezahlt. Zumal ansonsten viel Wert auf die eigene Unabhängigkeit gelegt wird.

Nichtsdestotrotz, ich würde mich sehr freuen, wenn solch ein Projekt mal nachhaltigen Erfolg hat.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast Die Medien-Woche geht es diesmal um Christian Drosten als Medienfigur wider Willen. Außerdem spreche ich mit Kollege Christian Meier von der Welt über den Rauswurf Max Conzes bei ProSiebenSat.1. Es würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

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