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Gastkommentar: „Viele österreichische Medien werden die nächsten Jahre nicht überleben“

Markus G. Posset Foto: Stefan Diesner

Die deutschen Medienhäuser sind technisch, inhaltlich und auch strategisch sehr viel besser aufgestellt als die österreichischen, sagt der viele Jahr für österreichischen Medienhäuser tätige Markus G. Posset. Die Folge seiner Ansicht nach: Viele österreichische Printmedien und Medienhäuser würden die nächsten 5 bis 7 Jahre nicht überleben. 

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Von Markus G. Posset

Covid-19 ist weit mehr als ein Virus, das unsere Gesundheit und die Gesundheitssysteme gefährlich belastet. Corona zeigt uns in vieler Hinsicht Grenzen und Schwachstellen der modernen Welt auf. Die bisherigen Zugänge zum Thema Freiheit müssen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wohl da und dort hinterfragt werden. Wir erleben die Schattenseiten der Globalisierung, die Probleme einer teilweise überzogenen Internationalisierung. Wirtschaftszweige werden in den Grundfesten erschüttert. Liefer- und Versorgungsketten reißen. Das Konsumentenverhalten ändert sich massiv – Online-Handel und -kommunikation erleben einen Boom, der auch über die Krise hinaus nachhaltige Spuren hinterlassen wird. 

Die Strukturen wandeln sich sehr schnell, viele klassische Medienhäuser in Österreich haben sich im Digitalbereich schwer verspekuliert oder haben die Digitalisierung einfach verschlafen. Eines ist aber ganz klar – an der Digitalisierung führt auch in Österreich kein Weg vorbei. Doch die deutschen Medienhäuser sind technisch, inhaltlich und auch strategisch sehr viel besser aufgestellt als die österreichischen Medienhäuser. Die Folge: Viele österreichische Printmedien und Medienhäuser werden die nächsten 5 bis 7 Jahre nicht überleben. 

Deutsche Medienhäuser sind unabhängiger als österreichische

Smart Data ist die Weiterentwicklung der stupiden Datenansammlung. Daten effektiv zu nutzen, wird immer wichtiger und bildet einen der vielen Grundsteine der Digitalisierung. Je mehr Kontakte zu potenziellen Kunden vorhanden sind, umso leichter tun sich Unternehmen, diese anzusprechen beziehungsweise kennenzulernen. 

Die deutschen Medien sind sicherlich auch weniger von politischen Inseraten und Förderungen getrieben als die Medien in Österreich (Ministerien, Stadt Wien, Bundesländer, staatsnahe Unternehmen und so weiter), wo diese Inserate fast schon überlebenswichtig für so manche Medienhäuser sind und sie damit in gefährlichen Konflikt mit ihrer journalistischen Unabhängigkeit und Qualität bringen.

„Kündigungslisten“ liegen längst vor

Für viele Medienhäuser kommt die Corona-Krise daher recht gelegen, da sie ja auch aufgrund von Reichweitenrückgängen, Auflagenrückgängen, Rückgängen bei Werbe- und Anzeigenumsätzen ungeachtet der Corona-Krise ohnehin vor wirtschaftlichen Problemen stehen und in Personalabteilungen mancher großer Medienhäuser seit Monaten sogenannte „Kündigungslisten“ vorliegen, um den schon länger plagenden wirtschaftlichen Niedergang zu verschleiern.  

Die Corona-Krise sollte nun als Chance für eine schnelle Neuausrichtung der heimischen Medienlandschaft genutzt werden, zumal in der Gesellschaft nun zweifellos ein erhöhtes Bedürfnis nach Information besteht. Sicherlich wird die Nachfrage nach Information im Onlinebereich jetzt situationsbedingt erheblich steigen. Zukünftig sollte vermehrt auf Zentralredaktionen und Content-Sharing-Modelle gesetzt werden, welche viel günstiger und flexibler arbeiten können.

Die Fakten im Überblick: 

  • Viele Tageszeitungen / Magazine / Medienhäuser werden die nächsten Jahre nicht überleben
  • Abwanderung der Anzeigenumsätze stärker in Richtung Online, Radio und Fernsehen 
  • Starker Anstieg von E-Papers infolge Akzeptanzsteigerung und höherer Nachfrage 
  • Umstellung auf nachhaltige, ressourcenschonende Medienwirtschaft (E-Paper)
  • Reduktion von Seitenumfängen sowie Auflagen bei Printprodukten 
  • Zuwächse bei Prospekten und Corporate Publishing Produkten (Kundemagazine, Unternehmensberichte, etc.)
  • Zeitgemäße und der aktuellen Nachfrage angepasste Führung von Medienhäusern
  • Geringerer Bedarf an Mitarbeitern bei modernen Strukturen 
  • Rationalisierung, Liberalisierung und Globalisierung werden die Medien begleiten
  • Staatshilfen und Kredite sichern einstweilen das Weiterbestehen mancher Medienhäuser

Über den Autor:
Markus G. Posset ist seit dem Jahr 2000 in verschiedenen Management- und Geschäftsführerpositionen in der Medien- und Verlagsbranche in Österreich tätig. Posset war unter anderem COO der Echo Medienhaus Gruppe, Managing Director der beiden österreichischen Leitmedien „Profil“ und „Trend“ sowie zuletzt Geschäftsführer der Mediengruppe Österreich. Derzeit ist er als Berater zweier deutscher Medienhäuser und als Vortragender auf der FH Wien für Journalismus und Medienmanagement tätig. Er hat berufsbegleitend drei Studienabschlüsse in Wirtschaft (Mag.), Sales u. Marketing (MBA) und in Arbeits- und Prozesspsychologie (MSc) abgeschlossen. Weiter ist er Gründer des österreichischen Start-up-Magazins „Seeds“.

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