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Winterbauers Woche

In Zeiten wie diesen gibt es Corona-Tipps vom Virtual-Reality-Pornografen

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Das Coronavirus hält weiterhin auch die Medienwelt in Atem. Das beste Cover zum Thema lieferte diese Woche die „taz“. Die Debatte, ob Medien „in diesen Zeiten“ Paywalls niederreißen sollten, ist überflüssig. Die Kanzlerin lieferte mit ihrer Rede zur Lage der Nation und Corona animiert Pornografen zu seltsamen Pressemitteilungen. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Corona-Quarantäne? Als auf dem Land lebender Home-Office-Veteran ändert sich für mich persönlich fast nichts. Kaum Sozialkontakte, leere Straßen und Teleworking – Business as usual in der Provinz. Aber natürlich geht die Corona-Krise auch uns Landeier an. Das ist ja das Tückische: dass man nichts sieht, hört oder schmeckt, es aber trotzdem da ist. Medien gehen naturgemäß unterschiedlich mit der Thematik um. Für viele, für die meisten ist es eine logistische und wirtschaftliche Herausforderung. Womöglich werden nicht alle sie bestehen. Hier und da setzt Corona aber auch Kreativität frei, wie bei diesem tollen Titel der „taz“ in dieser Woche:

Die olle „Umweltsau“-Kiste auf Corona umzutexten, weil es jetzt die Jungen sind, die sich womöglich rücksichtslos gegenüber den Alten verhalten, das ist ein feiner Twist. Auch wenn der abgedruckte Liedtext vom Vermaß her ganz schön holpert und stolpert. Solche gleichsam intelligenten wie witzigen Cover-Ideen hat fast nur noch die „taz“.

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Mit heiligem Bierernst forderten einige Zeitgenossen diese Woche, dass „die Medien“ doch bitte ihre „fucking Paywalls“ niederreißen sollten. For the greater good usw. Besonders aggressiv taten sich hier das „Katapult“-Magazin und Jan Böhmermann, u.a. auf Twitter hervor.

Wir bei MEEDIA haben dazu ein Pro & Contra gemacht, ich selbst verorte mich eindeutig auf der Pro-Paywall-Seite. Erstens kann man sich auch ohne Paywalls ausgezeichnet über das Virus und seine Ausbreitung informieren. Gerade die sonst gerne mal kritisierten öffentlich-rechtlichen Medien machen aktuell einen Top-Job! Aber auch die Privatmedien scheinen mir verantwortungsvoll genug, relevante Inhalte frei zugänglich zu lassen. Und von wegen, die Medien würden als „geldgeile Nutznießer einer Krisensituation gesehen“ („Katapult“). Die Medienunternehmen profitieren Nullkommanull. Im Gegenteil, erste Häuser melden bereits Kurzarbeit an. Corona wird die Medienindustrie, wie andere Branchen auch, in eine schwere Krise stürzen. Da muss man nicht auch noch das letzte funktionierende Geschäftsmodell killen.

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Vermutlich jeder TV-Empfängliche in diesem, unserem Lande hat die Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Lage der Nation am Mittwochabend gesehen. Fast 18 Mio. Zuschauer allein bei ARD und ZDF, dazu noch viele, die die Rede ganz oder ausschnittweise im Netz verfolgt haben. Merkel hat gewohnt nüchtern und unaufgeregt den Ernst der Situation beschrieben. Es ist ein Merkel-Merkmal, dass sie nicht draufhaut, sondern eher zwischen den Zeilen formuliert. So nahm sie das böse Wort „Ausgangssperre“ (bzw. „Ausgangsbeschränkungen“, wie es offiziell heißt) nicht in den Mund, obgleich es mitschwang. Und nicht von ungefähr betonte Merkel, dass wir in einer Demokratie leben. Demokratien sind häufig ein bisschen langsamer, zumal wenn es eine föderale Demokratie ist wie die unsere. Gerade darum bin ich aber durchaus beeindruckt, wie entschlossen und auch kompetent, die Regierung in der aktuellen Lage handelt.

Der Blick von außen, ist mal wieder ganz heilsam. Das „New York Magazine“ titelte: „The Leader of the Free World Gives a Speech, and She Nails It“ Mit „Leader of the Free World“ ist einmal mehr die Kanzlerin gemeint, während Donald Trump mit Sätzen auffällt wie „I don’t take responsibility at all.“

Der feine Unterschied.

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Die Corona-Krise treibt natürlich auch seltsame Blüten. Mittlerweile wird gerade in der Kommunikationsbranche alles, wirklich alles auf Corona gebürstet. Flori Silbereisen hilft in der „DSDS“-Jury aus, weil: „Gerade in Zeiten wie diesen, muss man zusammenhalten und aushelfen, wo man kann und gebraucht wird.“ In Zeiten, wie diesen. Schon klar. Wenn jetzt nicht gerade Corona-Alarm wäre, hätte der Flori dem RTL vermutlich einen Korb gegeben. Auch alle möglichen Anbieter von Office-Klimbim schalten jetzt wortreich irgendwelche Premium-Features für die Home-Worker-Heerscharen frei. Das ist alles gut und schön, aber man könnte sich den einen oder anderen Griff in die Pathos-Kiste vielleicht sparen. Die aberwitzigste Presse-Information zum Thema verschickte eine Firma, die Virtual-Reality-Pornos fabriziert. Überschrift: „Masturbieren stärkt das Immunsystem“. Zitat aus der Pressemitteilung: „Das Gefühl hautnah dabei zu sein, erhöht den Hormonkick für das Gehirn. Was ist in aktuellen Zeiten wichtiger? Einfacher und lustvoller lässt sich in aktuellen Zeiten nicht vorsorgen.“

In Zeiten wie diesen!

Schönes Wochenende und gute Nerven!

PS: Auch im Podcast „Die Medien-Woche“ dreht sich fast alles um Corona & Co. Christian Meier von der „Welt“ und ich haben aber noch ein paar andere Themen auf der Pfanne, den Start von Disney+ zum Beispiel. Und selbstverständlich nehmen wir in diesen Zeiten sicher im Home-Studio auf. Seien Sie dabei, auch ohne VR-Brille.

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