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Der US-„Playboy“ war kein „Tittenmagazin“, sondern eine politische Streitschrift

Seit 66 Jahren verspielt und kontrovers: der US-"Playboy". Foto: Playboy

Die US-amerikanische Ausgabe des „Playboy“ erscheint zum letzten Mal auf Papier. Es ist das Ende eines Heftes, das – allen Kritiken zum Trotz – nie ein aufpoliertes „Schmuddelblatt“ war, sondern über Jahrzehnte einen gesellschaftlichen Beitrag leistete. Ein Nachruf.

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Es gibt eine humoristische Spitze, mit der die „Playboy“-Leserschaft unzählige Male konfrontiert wurde. Der „Playboy“, heißt es ironisch, werde doch nicht der nackten Frauen wegen, sondern um der Artikel willen gekauft. Die Macher nahmen das mit Humor und druckten T-Shirts mit der Aufschrift „I only read it for the articles“, inklusive „Playboy“-Logo, versteht sich. 

Tatsächlich war der „Playboy“ – also das US-amerikanische Original – schon immer mehr als nackte Brüste, Hasenohren und Seidenpyjama. Der US-„Playboy“ war immer ein politisches Magazin. Eine Zeitschrift, die wie keine zweite für die aufgeklärte Spaßgesellschaft stand; dafür, dass Lust und Diskurs, Sex und Soziales, Erotik und Politik keine Widersprüche sind, sondern nur unterschiedliche Facetten des Menschseins.

Aufklärung liegt in der Luft

Hugh Hefner, der den „Playboy“ am 1. Dezember 1953 gründete, wuchs in einem puritanischen Haushalt auf. Umarmungen, erzählte er einmal, habe es in seiner Familie nie gegeben. Emotionen offen zu zeigen, war verpönt. Wo aber selbst Zuneigung für den Nachwuchs den moralischen Kompass stört, wird Nähe zum Tabu, ist Kunst schnell unmoralisch, gefährdet Tanzmusik die Jugend und Sexualität wird zu einer Geisel, die sich nur in geschlossenen Räumen und bei gelöschtem Licht entfalten darf.

Diese Zusammenhänge müssen erkannt und bedacht werden, wenn man den „Playboy“ für seine nackten Modelle kritisiert; dafür, dass er den Körperwahn angeblich auf die Spitze trieb oder Frauen zu Objekten degradierte. Die Riege der Kritiker reichte von der Feministin Linda Gordon bis zum erzkatholischen Charles Keating, der in den 50er-Jahren die Bewegung „Bürger für anständige Literatur“ gründete. Doch: Wo politisch gegensätzliche Ränder ein Feindbild teilen, liegt Aufklärung in der Luft. 

Für den „Esquire“ zu krass

Der US-„Playboy“ war nie ein aufpoliertes „Schmuddelblatt“ oder ein chauvinistisches „Tittenmagazin“, sondern eine lustvolle Streitschrift. Er lichtete einerseits nackte Frauen in erotischen Posen ab. Andererseits druckte Hefner von Anfang an umstrittene Werke bekannter Schriftsteller wie Ray Bradbury, der in seiner Dystopie „Fahrenheit 451“ gegen die Zensur anschrieb. Oder einen Text von Charles Beaumont, der eine Welt erdachte, in der Homosexualität normal ist und Heterosexualität als abartig gilt.

Der Dokumentarfilmerin Brigitte Bergman (Hugh Hefner – Playboy, Activist and Rebel) beschrieb Hefner die Botschaft, die er mit Beaumonts Beitrag senden wollte, einmal so: „Wenn es falsch ist, in einer homosexuellen Gesellschaft heterosexuelle Menschen zu verfolgen, wie kann es da richtig sein, in einer heterosexuellen Gesellschaft homosexuelle Menschen zu verfolgen?“ Beaumonts Text war sogar dem „Esquire“ zu krass, der ihn zuvor abgelehnt hatte. Hefner war das egal.

Dies waren bei weitem nicht die einzigen „Playboy“-Inhalte, die – immer im Zeichen des jeweiligen Zeitgeistes – zu Kontroversen führten. Sie reichten vom Nacktfoto von Marylin Monroe auf dem ersten Titel bis zu einem der längsten, jemals gedruckten Interviews mit Martin Luther King. Sie reichten vom ersten dunkelhäutigen „Playmate des Monats“ im März 1965 (Jennifer Jackson) bis zu „Pride is good“ im vergangenen Jahr. Eine Kampagne, die ein Zeichen gegen die – in den USA noch verbreitete – „Homoheilung“ setzte. Und das in bester „Playboy“-Manier, bunt und verspielt: mit farbenfrohen Bunny-Ohren, die von sieben Künstlern designed wurden. 

Streit um die Meinungsfreiheit

„Playboy“-Gründer Hugh Hefner verstarb im September 2017. Nun, zweieinhalb Jahre nach seinem Tod, wird auch sein gedruckter „Playboy“, das Original, verschwinden (MEEDIA berichtete). Ben Kohn, CEO Playboy Enterprises, will die Inhalte des US-„Playboy“ künftig digital veröffentlichen – von einzelnen Sonderheften und Kooperationen abgesehen. Mit dem Ende des gedruckten „Playboy“ in den USA, geht auch das Ende einer langen, kontroversen Magazingeschichte einher.

Das letzte Heft wurde wohl nicht als finale Hommage an Hugh Hefner konzipiert. Es sollte – nach 66 Jahren lustvoller Streitschrift – aber umso mehr als Hommage an den Gründer interpretiert werden. Die aktuelle und letzte Ausgabe des „Playboy“ heißt „The Speech Issue“ und widmet sich der Meinungsfreiheit, um die auch in den USA heftig gestritten wird. Die 50er-Jahre mögen lange vergangen sein, doch manche Themen sind aktuell wie eh und je.

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