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Pro und Contra zu Paywalls in Corona-Zeiten: Geschäft mit der Angst oder legitime Einnahmequelle?

© Adobe Stock/ Montage: MEEDIA

Nachrichtenseiten registrieren in diesen Tagen steigende Zugriffszahlen, weil die Bürgerinnen und Bürger die aktuellen Entwicklungen rund um das Coronavirus intensiv verfolgen. Dass Medienmarken einige Inhalte weiterhin hinter ihre Paywall packen, stößt teilweise auf Kritik. Ist dieses Vorgehen legitim oder nicht? Ein Pro & Contra.

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Pro: Darum können die Bezahlschranken bei Corona-Inhalten unten bleiben!

Von Thomas Borgböhmer

„Entfernt endlich eure Paywall für Corona-Artikel!“, forderte das „Katapult“-Magazin am Sonntag in einem Instagram-Post (ähnlich äußerten sich der Satiriker Jan Böhmermann und der  Virologe Christian Drosten). Der Vorwurf lautet im Kern, dass Nachrichtenseiten wie „Der Spiegel“, „Bild“, „Hamburger Abendblatt“, „RP Online“ und „Falter“ Inhalte zum Coronavirus hinter eine Paywall stellen und durch die gesteigerte Aufmerksamkeit der Bürger finanziell davon profitieren würden. „Einigermaßen unverantwortlich“ finden das die Kritiker. Zwei Gründe, die dagegensprechen:

 

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Entfernt endlich eure Paywall für Corona-Artikel! . Geld machen mit dem Coronavirus? Auf Ebay und Amazon wurden Wucherpreise für Atemschutzmasken verhindert, aber was ist eigentlich mit den Medien los? . Sie profitieren von der erhöhten Aufmerksamkeit der Bürger. Gute Informationen sind derzeit enorm wichtig. Corona-Artikel werden verstärkt geklickt. . Die meisten Medien bieten viele Beiträge kostenfrei an. Für einige wichtige Artikel müssen Leser jedoch bezahlen, weil sich die Inhalte hinter einer Bezahlschranke befinden, was einigermaßen unverantwortlich ist. . Liebe Verlagsmitarbeiter, einigt euch endlich darauf, jeden einzelnen Corona-Artikel ohne Paywall, also kostenlos ins Netz zu stellen – JEDEN! . Wenn es weiterhin eine solche Paywall für Corona-Artikel auf euren Seiten gibt, werdet ihr bald als geldgeile Nutznießer einer Krisensituation gesehen. . #corona #covid #covid19

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Warum sollten die genannten Medien ihr Geschäftsmodell aufgrund einer Krise verändern? Die Ware der Medien sind Informationen und diese wollen sie auch digital verkaufen. Andere Geschäftszweige geben ihre Waren in Krisenzeiten auch nicht plötzlich kostenlos her.

Nun sind zuverlässige Nachrichten in solch aufwühlenden, hektischen Zeiten für die Allgemeinheit freilich wichtiger als ohnehin schon. Aber ihrem Informations- und Aufklärungsauftrag werden die meisten überregionalen und regionalen Medien bislang sehr verantwortungsbewusst gerecht. Die Leserschaft erfährt mit wenigen, kostenlosen Klicks alles, was zur grundlegenden Orientierung zum Coronavirus nötig ist. Was tut sich in den Ländern? Wie entwickeln sich die Fallzahlen? Welche Auswirkungen haben die Maßnahmen für Bürgerinnen und Bürger? Wie kann ich mich und andere schützen? All dies können Leser problemlos erfahren, ganz ohne zu bezahlen. Aber klar, es gibt genügend Beiträge zum Coronavirus hinter der Paywall. Hier eine kleine, subjektive Auswahl:

Alles typische Plus-Inhalte, die über das Nachrichtengeschehen hinausgehen. Damit verdienen Medienhäuser ihr Geld, ob Krisenzeit oder nicht, und heben sich womöglich von der Konkurrenz ab. Gerade in solch besonderen Situationen können Redaktionen glänzen und mit hochwertigem Journalismus zahlungsfreudige Leserinnen und Leser von sich überzeugen. Nur so lassen sich Korrespondenten, Reporter und kompetente (Wissenschafts-)redaktionen langfristig mitfinanzieren. Solche Artikel hinter eine Bezahlschranke zu stellen, ist legitim – wirtschaftlich wie medienethisch. Darunter fallen allerdings keine Clickbait-Überschriften; auch entscheidende Informationen für Bürgerinnen und Bürger dürfen vor allem im Lokalen bzw. Regionalen nicht hinter der Paywall stehen, was dennoch leider vorkommt.

Die Stunde der öffentlich-rechtlichen Anstalten?

Damit kommen wir zum zweiten Punkt: Viele hochrelevante Informationen zur Krise gibt es zuhauf an anderen seriösen Stellen. Zur Einordnung der aktuellen Entwicklungen und Maßnahmen der Behörden sind die Redaktionen von ARD, ZDF & Co. in diesen Zeiten besonders gefordert. Sie müssen den Beitragszahlern zuverlässige, hilfreiche Informationen liefern.

Die Inhalte über TV, Radio oder digitale Kanäle sind dort frei und hürdenlos verfügbar. Ihrem Auftrag sowohl im Überregionalen als auch Regionalen kommen die Öffis, das als erstes Zwischenfazit, bislang souverän nach – als Beispiel sei der tägliche NDR-Podcast mit dem „Cheferklärer“ Christian Drosten erwähnt. Das Angebot steigt ebenso wie die Nachfrage, wie die Quoten der „Tagesschau“ zeigen. Es ist sehr gut möglich, dass ARD, ZDF & Co. als mediale Gewinner aus der Krise hervorgehen.

Die Kritik von „Katapult“ & Co. ist im Kern nicht falsch, aber die Forderung wirkt aufgrund der bestehenden Informationsversorgung unverhältnismäßig. Vom bewusst scharf formulierten Schlussappell („geldgeile Nutznießer einer Krisensituation“) wird sich der ein oder andere Medienmacher vielleicht dennoch ertappt fühlen. Und ins Grübeln kommen.

Contra: Reißt die Paywall für Corona-Artikel ein!

Von Tobias Singer

In Krisenzeiten rücken die Menschen näher zusammen – sogar der Luxuskonzern LVMH produziert jetzt Desinfektionsmittel statt Champagner. Etwas anders handhabt man das in der Zeitungsbranche. Dazu reicht es, einen Blick auf die Startseite der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ zu werfen. Dort ist zu lesen: „Die Region im Ausnahmezustand – das müssen Sie jetzt wissen„. Kommt man aus dem Raum Hannover, möchte man das natürlich lesen, sofort. Es geht schließlich um Informationen von gesamtgesellschaftlicher Tragweite. Das Problem? Sie befinden sich hinter einer Bezahlschranke. Das Gleiche betrifft den Newsblog der „HAZ“, auch der „Corona-Liveticker“ ist hinter der Paywall. Die „Leipziger Volkszeitung“, die ebenso zu Madsack gehört, geht den denselben Weg

Die „WAZ“ ist der Gipfel des Corona-Bezahljournalismus

Die neue „Osnabrücker Zeitung“ möchte, dass der Blick auf eine Übersichtskarte über die aktuellen Corona-Fälle bezahlt wird. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ packt einen Artikel über die Angst berufstätiger Eltern hinter die Paywall. Grundgefühle sind schließlich immer ein guter Klickreiz. Die „WAZ“ ist der Gipfel des Corona-Bezahljournalismus: Der Aufmacher „Corona-Virus – NRW-Verbote: Was wir Bürger jetzt noch dürfen“ ist ein „WAZ“-Plus-Inhalt. 

„Spiegel“, „Welt“ und „FAZ“ lassen sich wichtige Inhalte bezahlen

Aber auch die großen Portale sind mit von der Partie. Eine Spiegel+-Headline schreit den Leser förmlich an: „Jeder ist gefährdet, jeder ein Gefährder„. Stärker kann man nicht sagen, „klick mich“. Die „Welt“ setzt für ihr Publikum ein Interview mit Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer über den Einsatz der Bundeswehr im Inneren hinter die Bezahlschranke, auch hier ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema in Zeiten von Corona mit einer Person der Öffentlichkeit und kein Special-Interest-Thema.  

Wenn Medien mit der Corona-Krise Geld verdienen, läuft etwas schief

Mit, zugegeben starkem Gefälle von regionalen zu überregionalen Portalen, zeigt sich der falsche Umgang der Redaktionen mit der Paywall in Zeiten von Corona. Wichtige Informationen werden recherchiert und dann in kleinen Dosen gegen Bezahlung abgegeben. Medien sind keine Dealer, sondern haben eine Informationspflicht. Und die Frage lautet nicht, ob Zeitungshäuser und Redaktionen IN der Krise Geld verdienen dürfen. Viel zu lange wurden journalistische Inhalte kostenlos herausgeben. Abos und Bezahlinhalte sind auch unter Corona vollkommen legitim. Und unter Quarantäne lesen Menschen sowieso mehr als zuvor. Wenn also die „FAZ“ einen Beitrag über das Investieren in Zeiten von Corona verkauft – geschenkt. Das Sonderangebot für eine ganz spezielle Leserschaft kann man sich ruhig bezahlen lassen. Aber ein Liveblog zur aktuellen Lage in der Region wie bei der „HAZ“ oder „WAZ“? Wenn Medien MIT der Krise Geld verdienen, dann läuft etwas schief. Das Magazin Katapult hat das in einem Tweet zusammengefasst. Jan Böhmermann hat es in einen Schlachtruf verpackt: „TEAR DOWN THE FUCKING PAYWALLS NOW!“

Hinweis der Redaktion: In einer älteren Fassung dieses Artikels wurde die FAZ irrtümlich mit einem Paywall-Artikel aufgeführt. Die betreffende Stelle wurde korrigiert.

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