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Winterbauers Woche

Wieso Holger Friedrich nicht mehr in die „Welt am Sonntag“ schaut

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

„Berliner Zeitung“-Verleger Holger Friedrich hat ein teures Hobby. Joko & Klaas haben Probleme mit kritischen Berichten über Fakes in ihren Sendungen. ProSieben hofft auf maskierte Sänger und es gibt einen prominenten „Bild“-Abgang. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Kurz nach der Übernahme des Berliner Verlags hatten „die Friedrichs“ im Gespräch mit „Spiegel“-Mann Alexander Osang betont, dass der Einstieg ins Zeitungs-Biz für sie ein echtes Geschäft sei: „Sonst ist es ja ein Hobby!“ Da verwundert es ein wenig, wenn Holger Friedrich auf dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland diese Woche erklärte: „Ich mache den Berliner Verlag als Hobby.“ Man könnte sagen: „The Times they are a Changing“. Und zwar ziemlich schnell. Sein Software-Unternehmen Core bezeichnete Friedrich dagegen als „ordentliches Geschäft“. Als Abgrenzung zum neu entdeckten „Hobby“? Dazu gab es dann noch ein bisserl Bashing für die eingesessenen Verleger („überalterte Denkstrukturen“) und die Erklärung, dass er die Artikel der Kollegen der „Welt am Sonntag“, die seine Stasi-Vergangenheit enthüllten, nicht mehr lesen würde. Vergangenen Sonntag hatte diese bei der „WamS“ berichtet, dass die Friedrichs in der Schweiz möglicherweise nicht ganz legal die Existenz einer Firma vorgetäuscht hätten. Die entsprechende Website ging nach der Veröffentlichung flugs offline. Irgendjemand scheint die „WamS“-Artikel ja doch zu lesen.

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Bleiben wir beim Thema souveräner Umgang mit kritischer Berichterstattung. Das NDR-Funk-Format „STRG_F“ enthüllte diese Woche, dass die beiden allseits beliebten ProSieben-Spaßvögel Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf es in ihren Sendungen mit der Wahrheit nicht immer ganz genau nehmen. Beiträge, deren Kern darauf basierte, dass das Gezeigte echt ist, waren offenbar von der Produktion gefaked. Es lohnt sich, das komplette „STRG_F“-Video anzuschauen.

Nun gab es in Kommentaren und im Social Web recht viele Leute, die nicht verstehen konnten oder wollten, warum das überhaupt berichtenswert ist. Der wahre Betrug am Zuschauer sei doch, dass Professor Brinkmann nie praktiziert habe, schrieb ein Schlauberger bei Twitter. Tenor: Es ist doch bloß Unterhaltung! Da kann man doch keine journalistischen Maßstäbe anlegen! Hallo!

Ganz so simpel ist es freilich nicht. Natürlich ist es OK und gang und gäbe, im Unterhaltungs-TV Szenen zu inszenieren, zu schneiden etc. Es macht aber einen gewaltigen Unterschied, ob beim „Duell um die Welt“ eine Autofahrt von Sophia Thomalla aus dramaturgischen Gründen ein bisschen zusammenschnitten wird oder ob der inhaltliche Kern eines Beitrag schlicht falsch ist. Die von „STRG_F“ aufgedeckten Fakes betreffen beide Kategorien. Warum ist die letztgenannte Fake-Kategorie schlecht? Weil die Macher damit die Glaubwürdigkeit „des Fernsehens“ und „der Medien“ generell beschädigen. Ob es sich um einen „guten“ oder „bösen“ Fake handelt, lässt sich leicht testen: Einfach mal vorstellen, der Fake würde transparent gemacht. Funktioniert der Film/die Szene dann immer noch, war es ein harmloser Fake. Etwa wie wenn man die Autofahrt des Stars zu einem „Duell um die Welt“-Stunt ein bisschen rafft. Fällt die ganze Geschichte ohne den Fake aber in sich zusammen, war es ein „böser“ Fake. Wenn zum Beispiel behauptet wird, ein Schauspieler habe einen Heißluftballon alleine gelandet und in Wirklichkeit war ein Ballonfahrer mit an Bord. Schauspieler landet Ballon alleine: wow! Schauspieler landet Ballon mit Profi-Ballonfahrer an Bord: gähn!

Und was jetzt den Umgang mit kritischer Berichterstattung betrifft: Bei ProSieben hat man sich entschieden, den NDR-Autoren fiese Methoden zu unterstellen. Man habe nach Leuten gesucht, „die Florida TV hassen“. Ein klassisches Ablenkungsmanöver. Die Produktionsfirma von Joko & Klaas hat ein paar laue Witzchen gemacht und in Klaas Heufer-Umlaufs Podcast „Baywatch Berlin“ wurde in den Shownotes kryptisch geschrieben, Klaas Heufer-Umlauf habe „seit Dienstag aus Angst vor Journalisten sein Schloss nicht mehr verlassen“. Entweder die Leute bei Florida TV kapieren nicht, was sie da anrichten oder es ist ihnen schlicht egal.

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Dabei sind Joko & Klaas doch so wichtig für ProSiebenSat.1! Der TV- und Entertainment-Konzern schwächelt im Kerngeschäft mit der TV-Werbung gerade ein bisschen vor sich hin. Reihenweise sind Führungskräfte von der Fahne gegangen, der Dauer-Sorgensender Sat.1 hat im Februar den nach Marktanteilen miesesten Monat seit 30 Jahren (!) hingelegt und die mit viel Marketing-Gedöns gestartete „Big Brother“-Neuauflage erweist sich als Rohrkrepierer. Zu allem Überfluss musste CEO Max Conze die Bilanz-Pressekonferenz wegen Corona-Quarantäne in zweifelhafter Ton-Qualität von daheim aus moderieren. Die Hoffnungen des Hauses ruhen jetzt auf dem Start der zweiten Staffel „The Masked Singer“ bei ProSieben. Die Fortsetzung des Überraschungshits soll den Erfolg der ersten Staffel vom vergangenen Jahr noch toppen. Leicht wird das nicht, denn „The Masked Singer“ läuft nun gleichzeitig gegen den RTL-Evergreen „Wer wird Millionär?“ und den Vox-Hit „Die Höhle der Löwen“. RTL promoted die beiden Sendungen aktuell in Trailern sogar gemeinsam, obwohl sie auch gegeneinander laufen. Motto: Ob Jauch oder Thelen, ganz egal, Hauptsache RTL-Gruppe einschalten!

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Zum Schluss gibt es noch einen prominenten Abgang aus der Chefredaktion der „Bild“ zu vermelden: Frank Schmiechen, dort zuletzt zuständig für besondere Aufgaben und Sonderprojekte, wagt ausweislich seines LinkedIn-Profils den Schritt in die Selbstständigkeit. Schmiechen war zuvor u.a. Chefredakteur des Startup-Magazins „Gründerszene“ und hat maßgeblich die mittlerweile eingestellte „Welt kompakt“ mit aus der Taufe gehoben. Auf Facebook kommentierte er seinen Abgang mit einem passenden Video, das 2016 anlässlich seines Soloalbums „Der Mann mit dem gelben Hemd“ entstand. Musiker ist er nämlich auch noch!

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast „Die Medien-Woche“ spreche ich u.a. mit dem Wissenschaftsjournalisten Lars Fischer über die Wechselwirkungen zwischen Coronavirus und Medien. Außerdem regen sich mein Kollege Christian Meier von der „Welt“ und ich ein bisschen über die Joko & Klaas-Fakes auf. Bitte einschalten:

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