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Kommentar zum Kursverfall bei P7S1 und RTL Group: Der eisige Winter der deutschen TV-Aktien

Wertvernichter: ProSiebenSat.1-CEO Max Conze
Wertvernichter: ProSiebenSat.1-CEO Max Conze

Harte Zeiten für zwei Schwergewichte der deutschen Medienbranche: Die RTL Group und ProSiebenSat.1 haben sich an der Börse zu notorischen Underperformern entwickelt, die ihre Aktionäre viel gekostet haben. Inzwischen sind beide Papiere nur noch wenige Cent von ihren 5- bzw. 10-Jahrestiefs entfernt. Die deutschen Fernsehpioniere haben im Streaming-Zeitalter den Anschluss verpasst. Ein Kommentar.

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Es war einmal ein Börsenmärchen. Bis in den Pennystock-Bereich waren die Aktien von ProSiebenSat.1 (P7S1) in den späten Nullerjahren abgestürzt. Mit Thomas Ebeling übernahm ein branchenfremder Manager den CEO-Posten, wie sollte das funktionieren? 

Sechs Jahre später war klar: Ebeling war ein Glücksfall für P7S1, der den Münchnern die bemerkenswerteste Turnraround-Story der vergangenen Jahrzehnte bescherte, ein Plus von 5000 Prozent, das im Dax-Aufstieg mündete – ein Kunststück, das P7S1 als erstem Medienkonzern gelang.

P7S1: Mediensaga wieder zur Tragödie entwickelt

An dieser Stelle hätte eine Verfilmung der eigenen Cinderella-Geschichte enden müssen, denn wie im Kino folgt auf den Aufstieg oft der tiefe Fall.  Tatsächlich sollte sich der dritte Teil der Mediensaga wieder zur Tragödie entwickeln: Der langjährige Erfolgsgarant Ebeling zog 2018 auf durchaus unrühmliche Weise mit Äußerungen über seine Zuschauer gegenüber Analysten (“ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm”) her – und damit die Reißleine als CEO.   

Es folgte der Dax-Abstieg und unmittelbar darauf eine Short-Attacke. Dem neu installierten Vorstandschef Max Conze gelang es unterdessen nicht, das Anlegervertrauen zurückzugewinnen. Im Gegenteil: Conze verprellte Anleger mit unerwarteten Gewinneinbrüchen, die den Ausverkauf an der Börse immer weiter beschleunigten.

Kursverluste von fast 80 Prozent

Von den einzigen Höchstkursen bei über 50 Euro sind nach erdrutschartigen Verlusten von fast 80 Prozent nur noch Notierungen von gestern rund 11 Euro geblieben – seit Jahresanfang liegt die angeschlagene P7S1-Aktie schon wieder um 20 Prozent hinten. Anleger zittern wie in einem guten Serienmehrteiler nun gar der Rückkehr der einstelligen Kurse entgegen.

Banken halten sie offenkundig bereits für absehbar.  Erst vergangene Woche reduzierte Morgan Stanley sein Kursziel auf 9,50 Euro und rät, die Anteilsscheine „unterzugewichten“, nachdem Analyst Omar Sheikh eine weitere Eintrübung des Werbegeschäfts prognostiziert.

Die Schlagzeilen konnten zuletzt zudem trüber kaum ausfallen: Immer wieder verließen Topmanager/innen wie zuletzt Entertainment-Chefin Michaela Tod oder Chief Digital Officer Entertainment Eun Kyung Park die Münchner. Die Geschäftsentwicklung zeigt zudem nach unten: In den ersten neun Monaten des vergangenen Geschäftsjahres legten die Umsätze zwar noch marginal zu, die Konzerngewinne gingen jedoch um 13 Prozent zurück.   

Auch Aktie der RTL Group fast 60 Prozent unter Allzeithochs 
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Nicht viel besser sieht es beim einheimischen TV-Rivalen RTL Group aus, dessen Aktien  seit Jahresbeginn um 5 Prozent hinten liegen, seit den Allzeithochs vor sechs Jahren aber auch bereits fast 60 Prozent an Wert eingebüßt haben – wohlgemerkt, in einem Zeitraum als die Benchmark MDax mehr als 60 Prozent zugelegt hat. 

Das Fernsehkonglomerat, das zu 75 Prozent Bertelsmann gehört (dessen Anteil aber bald marginal wachsen dürfte), stellte im laufenden Jahr zumindest weiterhin marginal steigende Erlöse, wenn auch ein sinkendes EBITA  in Aussicht. Grund dafür sind Investitionen in Inhalte und die Streamingdienste.

RTL und P7S1 sehen im Streaming-Zeitalter alt aus  

Doch wie Erfolg versprechend sind diese Zukunftswetten? Im Kampf um die Augen der potenziellen Zuschauer hat P7S1 Joyn und RTL TV Now ins Rennen geschickt. In beiden Fällen wirkt das Engagement wie ein klassisches too little, too late.

Die jungen Zuschauer, die mit den Onlineangeboten angesprochen werden sollen, sind längst in der Digitalkultur von Netflix sozialisiert. Sie sind urban, verstehen schon früh die englischen Originale und dürften wenig Lust haben, für ein weiteres Angebot, das im Falle von TV Now wie die On-Demand-Version des Fernsehprogramms aussieht, noch mal 5 Euro zu zahlen. 

Fusion von RTL und P7S1 dürfte wenig ändern

Und Joyn+? Noch mal 6,99 Euro für ein paar ältere Serien (“Grey’s Anatomy”, “Big Bang Theory”) und Filme (etwa: “Jack Reacher”, “Inferno”) und vereinzelte deutschsprachige Originalinhalte wie “Jerks”? Die Zielgruppe scheint begrenzt. Vor allem Qualitätsformate der Güteklasse „Babylon Berlin“, “Dark” oder “Bad Banks” fehlen. Selbst ein deutlicher günstiger Abopreis als Netflix kann kein Argument sein, müssen Joyn+ und TV Now neuerdings doch auch noch mit den Tech- und Medientitanen Apple und Disney konkurrieren, die ihre neuen Streamingangebote zum gleichen Kampfpreis gestartet haben.

Ergo: Es dürfte für die deutschen TV-Pioniere schwer werden, in der Digitalära mitzuhalten. Eine mögliche Fusion der beiden deutschen Fernsehpioniere, die zuletzt Bertelsmann-Chef und RTL Group-CEO Thomas Rabe ins Spiel brachte, wirkt zudem kaum attraktiver, sondern würde eher nach neuem Fernsehformat klingen: „Die Hochzeit der Abgehängten“…

Am Ende gilt auch und gerade im schnelllebigen TV-Geschäft: Wer zu spät kommt, den bestraft der Zuschauer. Und die Börse erst recht.  

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