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Kommentar: Apple ist und bleibt die iPhone-Company – trotz Milliarden-Medien-Wette

Apple-CEO Tim Cook: Nach dem iPhone ist vor dem iPhone

Es war der Aufreger der Woche in der Tech-Industrie: Apple muss wegen des Coronavirus eine Umsatzwarnung aussprechen. Den Hintergrund lieferte Tim Cook gleich mit: Die iPhone-Produktion ist in erster Linie vom Shutdown in China betroffen. Die Umsatzwarnung zeigt eindrucksvoll, wie abhängig Apple weiter von seinem Kultprodukt ist, obwohl Konzernchef Cook Milliarden Dollar in das neue Medienangebot investiert. Ein Kommentar.

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Die Analogie hält sich seit über einer Dekade. Niest das iPhone, bekommt Apple eine Lungenentzündung.

Der Hintergrund ist schnell erklärt: Bis heute erzielt Apple mehr als 50 Prozent seiner Umsätze mit seinem Kultsmartphone. Was lange Zeit Apples kometenhaften Aufstieg zum wertvollsten Konzern der Welt befeuerte, verwandelte sich anschließenden zum Luxusproblem, als das iPhone in allen Erdteilen bei allen großen Providern angekommen war – also in der Zeit nach 2012.

Entsprechend hat Konzernchef Tim Cook den Großteil seiner Amtszeit damit verbracht, die Abhängigkeit vom iPhone zu reduzieren. Man kann sagen, dass es ihm vor allem kommunikativ gut gelungen ist. Im vergangenen Jahr legte die Apple-Aktie spektakuläre 85 Prozent zu, obwohl die Umsätze stagnierten und die Gewinne nachgaben. Aber: Tim Cook beschwor mit dem Launch zahlreicher neuer Internetdienste – darunter das Streaming-Angebot von Apple TV+ – die wachsende Bedeutung der Servicesparte und könnte das größte Wachstum im Wearables-Segment vorweisen.

Hoffnungsträger Wearables und Services weiter eng an iPhone gekoppelt

Beide Bereiche sind jedoch eng an das iPhone gekoppelt. Die hoch gewettete Servicesparte bezieht ihre Daseinberechtigung unmittelbar aus der Gerätenutzung. Je weniger iPhones verkauft werden, desto weniger potenzielle Nutzer stehen bereit, um Dienste wie Apple Music, Apple TV+ oder Apple News zu abonnieren.

Kaum anders sieht es im Wearables-Segment aus. Natürlich lassen sich AirPods auch mit Macintosh-Computern, dem iPad oder Apple TV verbinden, der eigentliche Usecase jedoch bleibt das iPhone. Noch enger verzahnt ist die Apple Watch mit dem iPhone: Zwar kann die Apple-Uhr seit der dritten Generation auch mit eingebautem Mobilfunk-Chip erworben werden, doch davon dürfte höchstens ein Bruchteil der Käufer Gebrauch machen. (Zur Installation wird ohnehin weiterhin ein iPhone benötigt.)

iPhone im Weihnachtsquartal für 61 Prozent der Umsätze verantwortlich

Von einem echten Paradigmenwechsel ist Apple zudem noch weit entfernt, wie das jüngste Quartal offenbarte. 56 Milliarden der insgesamt 92 Milliarden Dollar wurden erneut vom iPhone eingefahren – das entspricht enormen 61 Prozent der gesamten Konzernumsätze. Zum Vergleich: Die Servicesparte steuert aktuell gerade einmal 14 Prozent zu den Konzernerlösen bei, der neu definierte Unternehmensbereich ‘Wearables, Home and Accessories’,  zu dem die Apple Watch und die boomenden Drahtlos-Kopfhörer AirPods gehören, erst 11 Prozent.

Dass Apples Wohl und Wehe auch 2020 weiter am 13 Jahre alten iPhone hängt, offenbarte diese Woche die Schockmeldung am Presidents Day. Weil das Coronavirus nachhaltige Folgen für die Geschäftsentwicklung des wertvollsten Tech-Konzerns der Welt hat, musste Apple in einem Brief an Aktionäre seine zweite Umsatzwarnung binnen 13 Monaten herausgeben.

Apple ist vor allem wegen der iPhone-Fertigung im Reich der Mitte vom Shutdown besonders betroffen: „Zum einen wird die weltweite Belieferung mit dem iPhone vorübergehend eingeschränkt sein“, gab Apple zu. „Der zweite (Faktor – A.d.R.) ist, dass die Nachfrage nach unseren Produkten innerhalb Chinas beeinträchtigt wurde“, schrieb Apple und meinte damit in erster Linie das iPhone.

Coronavirus-Warnung umstreicht iPhone-Abhängigkeit

Reflexartig rauschte die Apple-Aktie an nächsten Morgen in Frankfurt um 8 Prozent in die Tiefe, fing sich danach aber relativ schnell wieder, weil Anleger davon ausgehen, dass es sich bei der schwächeren Umsätzenentwicklung im laufenden Quartal lediglich um eine Verschiebung der Erlöse auf den nächste Dreimonatszeitraum handelt. Bleibt eine schnelle Erholung aus, dürften die Folgen für die Geschäftsentwicklung indes umso gravierender ausfallen.

Das Vorhaben, die Abhängigkeit vom iPhone zu reduzieren, ist Apple also bislang kaum gelungen. Dass ausgerechnet die milliardenschwere Wette auf Medieninhalte dabei den Ausweg bietet, scheint nach dem Launch von Apple TV+ höchst fraglich. Nach dem vielsprechenden Start mit der Blockbusterserie „The Morning Show“ fehlen Apple aktuell eindeutig Serienhits in HBO-, Showtime- oder Netflix-Qualität.

Medienwette Apple TV+ dürfte viel Geld verschlingen

Schon vor dem Launch äußerte sich Großaktionär Warren Buffett verhalten zum Potenzial des Netflix-Herausforderers. “Es gibt bereits sehr große Spieler, die um die zwei Augen der Zuschauer kämpfen”, erklärte Buffett im Frühjahr gegenüber CNBC. “Es gibt viele sehr smarte Leute mit einer Menge Ressourcen, die herauszufinden versuchen, wie man eine weitere halbe Stunde Zeit (der Zuschauer – A.d.R.) ergattert. Ich möchte dieses Spiel nicht spielen”, gab sich Buffett skeptisch zu Apples Zukunftsaussichten auf dem Fernsehmarkt der Zukunft.

Im Januar zirkulierte nach Erhebungen des Researchers Ampere Analysis die Nachricht eines vermeintlichen Traumstarts von Apples neuem Streamingdienst, den bis Ende 2019 angeblich bereits 33,6 Millionen Kunden abonniert hätten. Allein: Den Löwenanteil dürfte dabei die großzügige einjährige Testphase ausgemacht haben, die Käufern eines neuen Apple-Geräts zugestanden wird. Nachdem Apple bereits kolportierte sechs Milliarden Dollar in die Serien- und Filmproduktion gesteckt haben soll, werden Abonnenten zusätzlich subventioniert.

Apple TV+ bleibt damit fürs Erste eine große, kostspielige Wette auf ein Zukunftsgeschäft, das sich selbst für den größten Streamingdienst der Welt bislang nicht rechnet. (Netflix hat sich für seine Marktführerschaft mit mehr als 15 Milliarden Dollar verschuldet). Geld verdient Apple am Ende des Tages mit einer geschätzten Gewinnmarge von über 50 Prozent weiterhin am besten und am meisten mit dem iPhone. Daran dürfte sich auch kurz-, mittel- und vermutlich gar langfristig kaum etwas ändern.

Apple ist und bleibt die iPhone-Company – trotz aller medialen Moonshots.

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