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Redaktionsleiterin Sara Weber: „Anfangs habe ich überhaupt nicht verstanden, was LinkedIn mit einer Redaktion will“

Sara Weber Foto: LinkedIn

675 Millionen Nutzer weltweit. LinkedIn wächst weiter, auch in der DACH-Region, wo es laut Unternehmensangaben mittlerweile über 14 Millionen Mitglieder sind. Für dieses Publikum arbeiten vier Journalisten an redaktionellen Inhalten mit Fokus auf Beruf, Karriere und Wirtschaft. Redaktionsleiterin Sara Weber geht es vor allem um das Kultivieren der Debatte, wie ein Besuch in München zeigt.

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„Anfangs habe ich überhaupt nicht verstanden, was LinkedIn mit einer Redaktion will“, erzählt Sara Weber. Die heute 32-Jährige hatte sich zu Beginn ihres Berufslebens als freie Journalistin etabliert, unter anderem in „BrandEins“ und in der „Zeit“ publiziert. Als 2016 ein Job-Angebot von LinkedIn bei ihr eintrudelte, arbeitete sie als Pauschalistin im Digital-Ressort von „SZ Online“. Nun, so die Idee des US-Unternehmens, sollte sie gemeinsam mit Jörg Bueroße das Redaktionsteam für Deutschland, Österreich und die Schweiz aufbauen.

„Es ging mir weiterhin darum, Journalismus zu machen. Auf PR hatte ich keine Lust, auch Content-Marketing kam nicht in Frage“, erinnert sich Weber im Gespräch mit MEEDIA, das während eines Redaktionsbesuchs in München Mitte Januar stattgefunden hat. Sie hat dann viel gesprochen – mit Dan Roth, dem globalen Leiter der Redaktionsteams und Isabelle Roughol, der damaligen Spitze des internationalen Redaktionsteams sowie einer Redakteurin mit Schwerpunkt Technologie und Startups. Ist das wirklich Journalismus, was LinkedIn vorhat? Um diesen sensiblen Punkt sei es häufig gegangen. Als sie die Frage selbst mit Ja beantworten konnte, war der Entschluss gefasst. Denn was wäre das schlimmste Szenario, so ihr Gedankengang, wenn es beim neue Arbeitgeber nicht klappt? „Dann wäre ich eben wieder in die freiberufliche Tätigkeit zurückgegangen“, sagt sie.

Etwa 70 Redakteure weltweit für das Netzwerk tätig

Mehr als dreieinhalb Jahre später sitzt sie in einem der zahlreichen Konferenzräume. Tech-Redakteurin ist sie nicht mehr, sondern seit April 2019 Redaktionsleiterin der Teams im DACH-Raum und der Niederlande. Ihr damaliger Chef ist nicht mehr an Bord, dafür aber drei neue Kollegen, mit denen sie den redaktionellen Alltag hierzulande bestreitet. Einer arbeitet als Korrespondent in Berlin. Ihr Team sitzt in der Sendlinger Straße in München, wo das Unternehmen seit 2016 im 4. Stock residiert. Von 1945 bis 2008 war die „Süddeutsche Zeitung“ hier zu Hause. Dort und in der Hauptstadt sind mittlerweile rund 150 Angestellte aus den Bereichen HR, Marketing, Kommunikation sowie dem Vertrieb tätig, der aus den Geschäftsfeldern „Talent Solutions“, „Marketing Solutions“, „Sales Solutions“ und „Learning Solutions“ besteht.

Für etwas mehr als 14 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im deutschsprachigen Raum arbeitet die Redaktion nach dem Motto: create, curate, cultivate. Allein im vergangenen halben Jahr starteten Teams in Spanien, Italien, den Niederlanden, Singapur und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Laut Unternehmensangaben sind es global rund 70 Redakteure, etwa 25 allein in den USA. Der Austausch mit den internationalen Teams nimmt einen wichtigen Anteil in Webers wöchentlicher Arbeit ein. Mal werden Themenideen übernommen oder es wird ein Video mit deutschen Untertiteln versehen. „Meistens geht es aber um Produkte“, betont die Journalistin und fügt an: „Wir experimentieren mit neuen Dingen. Wenn etwas in Japan sehr gut läuft, ist die Chance groß, dass wir das auch hierzulande probieren.“

Leitbild des Netzwerks: keine Zerstreuung, sondern Mehrwert

„Wir sehen uns als Netzwerk für berufstätige Menschen und deshalb wollen wir Debatten und Themen liefern, die relevant sind für Menschen in verschiedenen Branchen“, antwortet Weber auf die Frage, wo im journalistischen Kosmos sie LinkedIn einordnet. Als Konkurrenz zu anderen journalistischen Medien sehe sie die Plattform nicht. Im Gegenteil, hebt sie hervor, sie arbeiteten stattdessen mit einigen Medien zusammen. Es handele sich um einen weiteren Kanal, „wo Menschen mit Informationen und journalistischen Inhalten in Berührung kommen“.

In einem Punkt konkurriert die Microsoft-Tochter allerdings zweifelsfrei mit journalistischen Medien, natürlich auch mit prominenteren Plattformen wie Instagram, Facebook oder dem anderen nach Mitgliedern noch größeren Karrierenetzwerk im deutschsprachigen Raum, Xing – um die begrenzte Zeit der Nutzerinnen und Nutzer. Dem Publikum präsentieren Weber und ihr Team jeden Morgen einen eigenständig kuratierten Nachrichtenüberblick – neben dem Debattenformat „Aktuell & Diskutiert“, wo Trends und Themen abgebildet werden, handelt es sich dabei um das wichtigste Produkt der Redaktion. Dazu kommen Podcasts und Newsletter zu bestimmten Themen aus dem Job-Kosmos. Gepusht wird das Netzwerk durch Beiträge der „Influencer“, die sich besonders stark in den Diskussionen engagieren. Dazu zählen Branchenpersönlichkeiten wie Investor Frank Thelen, Douglas-CEO Tina Müller oder Katarzyna Mol-Wolf, Geschäftsführerin vom Emotion Verlag.

Vor allem eine gesunde, respektvoll geführte Debatte liegt der Redaktionsleiterin am Herzen. Dies sei auch einer der Hauptgründe, warum die Mitglieder immer wieder auf die Plattform kommen. „Weil sie sich erstens austauschen können und weil sie zweitens etwas mitnehmen, was sie in ihrer Arbeitswelt weiterbringt“, glaubt Weber. Sie sieht den Fokus eindeutig in der Arbeitswelt. Die Welt werde immer komplexer und so auch das Berufsleben. Sie nennt die Elternzeit für Väter, aber eben auch größere Umwälzungen durch KI, Roboter und Fachkräftemangel. Da stellt sich aus Nutzersicht letztlich die Frage: Schaffen die Minuten im Netzwerk einen Mehrwert, ja oder nein?

„Journalisten sollen Orientierung im Informationsgewirr liefern“

Blickt Weber auf Zustand des Journalismus in Zeiten einer vermeintlichen Vertrauenskrise und sich im Diskurs voneinander fortbewegenden politischen Lagern, sieht sie dennoch Positives. „Wenn es um Aufklärung, Information und Bildung geht, wird er weiterhin ungemein wichtig bleiben. Die Frage ist, in welchen Formaten die Inhalte ausgespielt werden. Für Medienhäuser heißt das zum Beispiel, Debatten so abzubilden, dass sie alle mitnehmen und dass Kontext sowie Einschätzung gegeben werden„, erläutert Weber.

Und da will LinkedIn zur diskursiven Auseinandersetzung beitragen. „Natürlich haben wir ein breiteres Publikum als andere Medien. Denn nicht jeder Durchschnittsbürger hat ein Abo von ‘FAZ‘, ‘Handelsblatt‘ oder ‘Bild‘ – oder wird jeden Tag Zeitung lesen.“ Weber hofft, dass sie mit ihrem Team Denkanstöße in die Branche geben kann, womöglich auch hinsichtlich der Rolle von Journalisten.

„Es geht nicht mehr nur darum, Inhalte zu recherchieren und zu veröffentlichen, sondern auch darum, sich Gedanken um die Distribution und die konkreten Zielgruppen für einzelne Geschichten zu machen“, betont sie und deutet damit an, dass es genau dort in der Branche ab und an mangelt. Außerdem gehe es mehr darum, „Inhalte und Debatten aus anderen Quellen zu kuratieren, und dem Publikum so zu helfen, Orientierung im Informationsgewirr zu liefern.“

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