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Winterbauers Woche

Willkommen bei der Marietta-Slomka-Interview-Akademie für FDP-Politiker

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Das Thema Ministerpräsidentenwahl in Thüringen sorgte einmal mehr für ein paar Interview-Glanzstücke von „heute journal“-Moderatorin Marietta Slomka. Der Verkauf der „Mopo“ wirft kein gutes Licht auf die Zeitungsbranche. Verlags-Galas sind nicht mehr so gefragt und Rezo findet sich selbst ganz toll. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Und damit herzlich willkommen an der Marietta-Slomka-Interview-Akademie für Anfänger, Fortgeschrittene und FDP-Menschen. Nichts gegen Claus Kleber, aber es ist schon ein Glück, dass diese Woche Marietta Slomka dran ist, das „heute journal“ zu moderieren. Die vermutlich meist gefürchtete Interviewerin der Republik sorgte für zwei Lehrstücke in Sachen journalistischer Befragungstechnik am Beispiel Thüringen.

Zunächst die Anfänger-Klasse:

Am Mittwoch befragte sie den thüringischen Zwischendurch-Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich von der FDP. Der Mann konnte einem ja fast schon wieder leid tun, wie er da unter den gnadenlosen Augen von Frau Slomka versuchte, sich sein Wahl-Desaster zurechtzustammeln. Dann verhaspelte er sich auch noch und sagte zu seiner Wahl mit AfD-Stimmen: „Wir mussten damit rechnen, dass dieses passiert …“ Aus Versehen die Wahrheit rausgerutscht? Böser Fehler! Slomka – hellwach – stürzte sich auf diesen Satz wie der Bussard auf die verfettete Feldmaus. Alle Versuche Kemmerichs, sich aus der Nummer herauszureden, scheiterten jämmerlich. Es tut weh, sich das anzuschauen, ist aber lehrreich.

Am Donnerstag dann der Fortgeschrittenen-Kurs mit FDP-Chef Christian Lindner, ein ganz anderes Kaliber.

Lindner hatte zuvor kräftig herumgedruckst und sich nicht so genau festlegen wollen, ob er die Wahl Kemmerichs mit AfD-Stimmen jetzt ganz schlimm finden, halb schlimm oder gar nicht schlimm finden soll. Zum Zeitpunkt der Befragung durch MS gab es daran freilich nichts mehr zu deuteln. Das Echo auf das Husarenstück war derartig katastrophal, dass Kemmerich schon wieder seinen Rücktritt bekanntgegeben hatte. Lindner konnte nun also seinerseits auch wieder „Klartext“ sprechen, bzw. was man in seinen Kreisen dafür hält. Auch für die bissige Frau Slomka war es nicht möglich, ihn richtig zu fassen zu bekommen. Lindner glitschte hin und her. Slomka fragte, wie überraschend das Abstimmungsverhalten der AfD denn gewesen sein kann, wo doch CDU-Chefin AKK die FDP genau davor gewarnt hatte. Eine nahe liegende Frage. Lindner:

Das war offensichtlich eine Information, die Frau Kramp-Karrenbauer aus ihrer Unionsfraktion hatte, dass es dort Bestrebungen gegeben hat. Die Abgrenzung der AfD als Koalitionspartner im thüringer Landtag seitens der Unionsfraktion ist ja auch viel weicher als unsere. Wir schließen’s nämlich prinzipiell aus. Thomas Kemmerich hat immer unterstrichen: Es ist ein politisches Signal, es gibt eine Mitte im Parlament. Und es ist richtig und gut, dass er binnen eines Tages Klarheit geschaffen hat.

Das ist schon ein kleines rhetorisches Kunstwerk. Zuerst täuscht Lindner an, auf die Frage einzugehen, seine Antwort endet dann freilich im Nichts („… gegeben hat…“). Dann schiebt er schnell die Schuld auf die Thüringer CDU, um gleich darauf die FDP Position und seinen Parteifreund zu loben. Mit der Beantwortung der Frage hat das natürlich rein gar nichts zu tun, Slomka muss sich aber nun erst einmal an der Lindner-Behauptung weiter abarbeiten, dass Kemmerich „Klarheit“ geschaffen habe. So geht das Spielchen über sieben Minuten. Lindner kommt nach Antwort-Antäuschungen immer wieder auf seine eine Kern-Botschaft: Die FDP hat nix mit der AfD am Hut. Er weiß genau, dass nur eine simple, immer wiederholte Botschaft beim Publikum hängen bleibt.

Beim aufmerksameren Zuschauer bleibt freilich in erster Linie hängen, dass da einer windet wie ein Aal. Zwar eiert Lindner kunstvoller herum als sein Kollege vom Vortag, doch auch er eiert. Dass dies so offensichtlich wird, ist die Leistung von Marietta Slomka. Politiker mögen es gar nicht, von ihr befragt zu werden. Für eine Journalistin ist das das schönste Kompliment.

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Es gibt ein paar Parallelen beim Verkauf der „Berliner Zeitung“ an Silke und Holger Friedrich und dem jetzt erfolgten Verkauf der „Hamburger Morgenpost“ an den Manager Arist von Harpe (was ein Name!). Verkäufer war in beiden Fällen DuMont. In beiden Fällen wurde im Vorfeld viel spekuliert, aber die tatsächlichen Käufer hatte niemand auf dem Zettel. Beide Käufer sind Leute, die mit dem Zeitungsgeschäft bislang nix am Hut hatten. In beiden Fällen betonen die Käufer, dass der Betrieb der frisch erworbenen Zeitung ein Geschäft sei und kein Hobby. In beiden Fällen wurde über den Kaufpreis Stillschweigen vereinbart. Wie die „taz“ schreibt, soll bei der „Mopo“ ein negativer Kaufpreis aufgerufen worden sein. „Negativer Kaufpreis“ bedeutet nix anderes, als dass der „Verkäufer“ dem „Käufer“ noch was dazu gibt, damit der einem das lästig geworden Gut abnimmt. Man könnte auch sagen: Geschenkt ist noch zu teuer. In diesem Fall bekommt dann derjenige den Zuschlag, der weniger bietet. Die Noch-„Mopo“-Geschäftsführerin soll ja zu einem Management Buy-out bereit gewesen sein, dafür aber rund vier Millionen Euro „Mitgift“ verlangt haben, was der DuMont-Seite zu viel gewesen sein soll. Auch beim Verkauf der „Berliner Zeitung“ war zwischenzeitlich von einem „negativen Kaufpreis“ gemunkelt worden. Es spräche nicht für den Zustand einer Branche, wenn man Firmen nur noch loswerden kann, indem man Geld hinterherwirft. Es spricht auch nicht für die Branche, wenn man Zeitungen nur noch an Leute loswerden kann, die vom Geschäft bislang keine Ahnung haben. Für die gebeutelten „Mopo“-Mitarbeiter ist der Deal trotzdem natürlich erst einmal eine gute Nachricht. Sie haben zumindest Zeit gewonnen.

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Ja, es sind unsentimentale Zeiten im Medien-Biz. ARD und ZDF haben keine Lust mehr auf große Verlags-Galas im Hauptprogramm. Zuerst hat das ZDF vergangenes Jahr angekündigt, dass Ende März zum letzten Mal die Funke-Gala „Goldene Kamera“ übertragen wird. Diese Woche wurde bekannt, dass die ARD den Vertrag zur Übertragung des Bambi nicht verlängert hat. Der Bambi war in den vergangenen Jahren immer mal wieder für den einen oder anderen Aufreger gut (Integrations-Bambi für Bushido) und in der jüngsten Ausgabe waren sogar die Quoten sehr okay. Trotzdem zog die ARD den Stecker. Für die ausrichtenden Verlage ist das unschön, denn die TV-Ausstrahlungen waren der Kern und auch ein Stück weit die Daseinsberechtigung für das Preis-Gedöns und alles was dazugehört. Bei Funke will man für die Kamera Optionen prüfen (welche sollen das sein?), bei Burda heißt es kämpferisch „Bambi wird es immer geben“. Der Verzicht von ARD und ZDF auf Bambi und Goldene Kamera ist auch ein Sinnbild für den Medienwandel. Große Verlags-Galas im öffentlich-rechtlichen TV passen einfach nicht mehr in die Zeit. Und haben für die Sender möglicherweise inzwischen ein zu schlechtes Preis-Leistungsverhältnis.

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Ganz und gar in die Zeit passt Rezo. Der CDU-Zerstörer wurde auf dem Medienkongress von „Horizont“ 20 Minuten lang von „Zeit Online“-Chef Jochen Wegner auf großer Bühne befragt. Da wurde der junge Mann mit Einser-Informatik-Abschluss und großen Löchern in der Hose von den anwesenden Medienmenschen u.a. für solche Aussagen beklatscht: „Nur, weil etwas in der Presse steht, ist es noch nicht wichtig.“ Das ist einerseits richtig, andererseits aber auch eine Binse. Die Branche hat halt aber nun mal ein Faible für Leute, die ihnen erzählen, dass sie doof sind. Rezo sind solche masochistischen Anflüge offenkundig fremd. Am Ende des Talks lobte er sich ausufernd selbst für eine neue Website, die er in sechs bis acht Wochen starten will und die jedem, der mit Künstlern im Web Werbung machen will, neue Möglichkeiten eröffne: „Jeder der so Werbung im Internet machen will mit Künstlern. Diggi! Da kommt der geilste Scheiß mit der krassesten Suche.“ Tagging, Werbe-Erkennung, Demographie – alles oberaffendiggigeil. Sonderlich interessiert hat sich für diese Ankündigung aber niemand der anwesenden Medien-People. Jochen Wegner: „Ich habe keine Ahnung, wie wir aus diesem Gespräch wieder rauskommen“, sagte er und beendete den Talk. Man sei ja auch schon fünf Minuten über der Zeit. Die Revolution der Web-Werbung muss noch warten. So ein kleines bisschen Rezo-mäßige Chuzpe würde uns in der Branche vielleicht tatsächlich manchmal gut tun. Auch ohne blaue Haare und Löcher in der Hose.

Schönes Wochenende!

PS: Mein Kollege Christian Meier von der „Welt“ hat Urlaub, es gibt diese Woche aber trotzdem eine Ausgabe unseres Podcasts „Die Medien-Woche“. Zu Gast ist der Moderator/Kolumnist/Autor/Podcaster Micky Beisenherz. Wir reden über seine neuen Sendungen, das Dschungelcamp, wen man im Mediengeschäft duzen darf und … den Wendler. Würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

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