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Nach Skandal um Reporter Claas Relotius: „Spiegel“-Redaktion überarbeitet journalistisches Regelwerk

Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann

Etwas mehr als ein Jahr nach dem Skandal um die gefälschten Reportagen von Claas Relotius hat die „Spiegel“-Redaktion ihre redaktionellen Standards präzisiert. Zugleich soll sich auch die Arbeitsweise zwischen Redaktion und Dokumentation ändern. Damit soll vermieden werden, dass sich ein Fälschungsfall dieser Größenordnung wiederholt.

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Für den „Spiegel“ war es ein publizistisches Desaster. Jahrelang hatte der vielfach ausgezeichnete „Spiegel“-Star-Reporter Claas Relotius seine Artikel größtenteils frei erfunden. Ende 2018 flogen seine Betrügereien auf. Der neue „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann machte den hausinternen Fall publik. Eine Kommission um die ehemalige „Berliner Zeitung“-Chefredakteurin Brigitte Fehrle arbeitete anschließend die Vorgänge auf. Dabei stellte sich heraus, dass die „Spiegel“-Redaktion vieler ihrer geltenden journalistischen Standards grob mißachtet hatte.

Vieles ist nicht neu

Nun hat die „Spiegel“-Chefredaktion die journalistischen Leitlinien präzisiert, um weitere Vorfälle auszuschließen. Dazu hat eine Arbeitsgruppe aus 50 Spiegel-Journalisten ein 74-seitiges Booklet verfasst, das klare Regeln zur Haltung, zur Quellenarbeit, zur Transparenz und Sprache, dem Auftritt in sozialen Netzwerken, zur Verifikation und zur Fehlerkultur enthält. Große Teile der jetzt verfassten Grundzüge sind freilich nicht neu. Bereits 1949 hatte sich der „Spiegel“ auf ein klares Regelwerk für seine journalistische Arbeit verständigt. Doch das reicht nicht, wenn sich die Redaktion nicht daran hält, merken die Autoren der neuen Standards nun an: „Feste Regelwerke beinhalten allerdings das Risiko, dass sie im Laufe der Zeit ihren Sinn verlieren, wenn ihr Geist nicht täglich gelebt wird.“

„Spiegel“-Chefredakteur Klusmann will deshalb die Regeln im Zusammenspiel mit der Redaktion aktualisieren und weiterentwickeln, um „bei einer größeren Zahl von ‚Spiegel‘-Produkten einen hohen Qualitätsstandard zu sichern“, heißt es in dem Booklet. Geplant sei beim Print-„Spiegel“ u.a., dass die Hälfte der Texte bereits vor den ressortspezifischen Produktionstagen verifiziert werden soll. Dafür soll ein Zeitmanagement eingeführt werden, „das über die Wochenplanung hinausreicht“. Auch die Dokumentation, der eine Mitschuld am Fall Relotius gegeben wurde, bekommt erweiterte Kompetenzen. Sie kann bestimmte Beiträge nach dem Zufallsprinzip auswählen, um sie erneut zu überprüfen.

„Die Geschichte muss stimmen“

Beim Verfassen von Reportagen und Berichten gilt weiterhin strikt die Order: „Die Geschichte muss stimmen. Verantwortlich dafür ist die Redaktion. Stimmen heißt nicht nur, dass die Fakten richtig sind, dass es die Personen gibt, dass die Orte authentisch sind. Stimmen heißt, dass der Text in seiner Dramaturgie und seinem Ablauf die Wirklichkeit wiedergibt“, so die Arbeitsgruppe. Dabei gilt, dass bei Reportagen Fakten die vermeintliche literarische Qualität schlagen und dass durch die Auswahl der Protagonisten nicht die Realität verzerrt werden darf. Verdeckte Recherchen seien in „Ausnahmefällen möglich“. Sie müssen aber mit der Chefredaktion abgestimmt sein. Szenen, die Autoren nicht selbst beobachtet haben, müssen kenntlich gemacht werden.

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