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“Influencer sind der letzte krampfhafte Versuch, das Thema Marketing aufrechtzuerhalten”

Wirtschaftsphilosoph Anders Indset meint, dass auch die klassischen Medien unter Rechtfertigungsdruck kommen, wenn die KI Fakten prüft
Wirtschaftsphilosoph Anders Indset meint, dass auch die klassischen Medien unter Rechtfertigungsdruck kommen, wenn die KI Fakten prüft Foto: Alex Kraus

Anders Indset widmet sich den ganz großen Fragen der digitalen Transformation. Er ist Philosoph, gefragter Keynote-Speaker und Buchautor ("Quantenwirtschaft") und ist der Auffassung, dass virtuelle Influencer nur der Anfang einer größeren Veränderung sind. "Der wirkliche digitale Tsunami steht uns in den nächsten zehn Jahren bevor", sagt Indset im Interview mit MEEDIA.

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MEEDIA: Kommt das Thema virtuelle Influencer für Sie überraschend?
Anders Indset: Nein. Das war abzusehen. Nur die Zeit und Geschwindigkeit ist vielleicht schneller, als ich gewagt hätte vorherzusagen, aber für mich ist das überhaupt keine Überraschung.

Wie beurteilen Sie diese Entwicklung? Die virtuellen Vertreter scheinen ganz realen Einfluss auszuüben.
Indset: Wir fallen schnell in unser altes Denkmuster, was ist echt, was ist unser Leben und worauf hat Technologie Einfluss. Dabei lenkt die Technologie unbewusst schon heute einen großen Teil unseres Lebens. Und das ist erst der Anfang: Der wirkliche digitale Tsunami steht uns in den nächsten zehn Jahren bevor – wenn KI, Deep Fakes und die Verschmelzung von Technologien exponentiell voranschreiten werden.

Second Life war der Vorbote. Natürlich ist klar, dass wir damals keine echten Gefühle hatten für ein Second Life 1.0, wo alles eckig und sperrig war. Da konnten wir noch ganz klar trennen zwischen Computer und Mensch. Virtuelle Influencer sind die ersten Erscheinungsformen der Verschmelzung. Aber es gibt noch viele Kinderkrankheiten. Wir befinden uns immer noch im Baby-Stadium und es herrscht viel Chaos.

Gehört virtuellen Influencern die Zukunft?
Indset: Influencer sind für mich der letzte krampfhafte Versuch, das Thema Marketing aufrechtzuerhalten. Das ist eine natürliche Folge des Hypes um Social Media. Aber die Bedeutung dieser Form der Influencer wird radikal zurückgehen.

Heute machen diese virtuellen Avatare das Gleiche wie irgendwelche Mädels, die für mich – auch wenn es hart klingt – die modernen Prostituierten sind. Da wird erstmal ein Netzwerk ehrlich aufgebaut und dann beginnen sie, ihre Seele und ihre Körper zu verkaufen, und machen Werbung für Produkte, hinter denen sie nicht stehen. Das hat sehr viel mit Kaufempfehlung, Marketing und Beeinflussung der Meinungsbildung zu tun.

Das Thema virtuelle Influencer ist nur eine Art Nebengeräusch. Das wird kurzfristig für sehr viel Profit bei einigen Unternehmen führen. Auf der anderen Seite entsteht eine unfassbare Müdigkeit, wenn Menschen vier Stunden am Tag irgendwelchen sinnlosen Tätigkeiten nachgehen, um irgendwelche Posts über bezahlte Hotelübernachtungen zu liken. Und davon werden wir bald genug haben und dann werden die Karten neu gemischt. 

“Wir werden es zunehmend schwer haben, virtuell und echt zu unterscheiden”

Wenn man das Thema ein bisschen wertneutraler denkt, gibt es da draußen jede Menge Menschen, die etwas zu sagen haben und denen man folgt, zuhört oder sogar vertraut. Können wir Vertrauen zu einem virtuellen Influencer gewinnen?
Indset: Ja, warum sollten wir das nicht? Da muss man unterscheiden: Auf der einen Seite gibt es die Werbe-Charaktere, die heute gut davon leben können. Und dann gibt es die Meinungs-Influencer. Wenn ein Avatar der Menschheit verklickern möchte, dass die Erde eine Scheibe ist, dann muss er sich an der Wissenschaft messen lassen. Die Künstliche Intelligenz erzeugt eine Vorvalidierung, auf die auch jeder User Zugriff hat. Dem kann der Influencer kaum widersprechen und die Medien übrigens auch nicht. 

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Deshalb hat das Thema virtuelle Influencer auch eine positive Seite. Wenn ein digitaler Avatar emotional unvoreingenommen an Themen heran geht, kann er viel zu erzählen haben, er kann uns viel beibringen. Das wäre ja super. Das wäre die nächste Stufe der Aufklärung. Das wäre eine Kantsche Vorstellung von dem, was wir eigentlich brauchen, nämlich Vernunft.

Wohin wird sich das weiter entwickeln?
Indset: Wir werden es zunehmend schwer haben, virtuell und echt zu unterscheiden, denn was wir heute als echt bezeichnen, sind ja Geschichten, auf denen wir unser Verständnis von Realität aufgebaut haben. Wir wissen doch gar nicht, was der Mensch wirklich ist oder was Quantenphysik ist. Unser Begriff von “echt” ist das, was wir subjektiv wahrnehmen und was wir von Eltern, Lehrern und der Gesellschaft vorgekaut bekommen haben. Da sind wir noch in Platos Höhle.

Für mich ist es völlig irrelevant, ob es sich um einen Menschen oder Avatar handelt, der mir etwas vorkaut. Wenn ich etwas spüre, wenn ich mich begeistern lasse, dann nehme ich das als echt wahr. Stand heute sagt aber ein virtueller Influencer das, was der Mensch dahinter vorgibt. Aber ein Bewusstsein hat der 3D-Avatar nicht. Keine Selbstwahrnehmung. Er spürt keine Begeisterung, wenn er viele Likes bekommt. Soweit sind wir noch nicht. Von einem Verständnis von Bewusstsein sind wir ohnehin weit entfernt, aber eine gewisse Selbstwahrnehmung wird KI und folglich Avatare vermutlich in absehbarer Zeit entwickeln können. 

“Das Thema virtuelle Influencer wird kurzfristig für sehr viel Profit bei einigen Unternehmen führen”

Würden Sie einen Anders-Indset-Avatar mit Content befüllen und auf eine Veranstaltung schicken?
Indset: Da bin ich nostalgisch. Ich bin nicht ökonomisch getrieben, sondern durch Neugier. Ich möchte lernen. So sehe ich auch meine Bühnenauftritte, nämlich als lautes, kollektives Denken. Aber wenn es darum geht, eine Botschaft zu vermitteln, dann wäre die Technologie super. Man müsste sich physikalisch nicht bewegen, man würde die Umwelt nicht schädigen. Gleichzeitig könnte ich viel mehr Menschen erreichen. Damit wäre ich einverstanden. 

Muss der Schöpfer offenlegen, dass es ein digitaler Charakter ist oder ist das egal?
Indset: Wo sollen wir mit Transparenz anfangen? Auch hier geht es um die menschliche Ebene. Was ist für uns echt? Was ist die Wirklichkeit? Darüber streiten sich die klügsten Köpfe auf dieser Welt. Darüber wissen wir immer noch sehr wenig.

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