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Trusted Brands: An Witze über brennende Affen werden wir uns gewöhnen müssen 

Mike Kleiß Foto: Peter Palm Photography

Eine Generation wird härter. Sie konsumiert radikaler. Und ist dabei alles andere als treu. Das Beispiel des Comedian Felix Lobrecht und seiner Witze über die verbrannten Affen von Krefeld zeigt: Eine Comedy Marke wie er lebt vom Zeitgeist der Verrohung, der Empörung, vor allen Dingen aber von Egotaktikern. Die MEEDIA-Kolumne Trusted Brands.

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Von Mike Kleiß

Es gibt kaum Folgen des Podcasts „Gemischtes Hack“ mit Felix Lobrecht und Tommi Schmitt, die ich nicht bis zum Ende gehört habe. Er ist streckenweise der meistgehörte Podcast in Deutschland. Wer verstehen will, wie die Generation Y tickt, der muss einfach nur ein kleiner „Hacki“ werden. 

Als Felix Lobrecht vor einem halben Jahr in einer Folge sagte: „Ich habe was total Verrücktes gemacht, ich habe mir ganz Oldschool die ‚Computerbild‘ nach Jahren wieder gekauft“, und Tommi Schmitt antwortete: „Krass. Ich dachte die gibt’s gar nicht mehr. Opa hat die immer gekauft“, da hatten sie mich. Seither ist das Hören von „Gemischtes Hack“ unter anderem meine Quelle, um zu erfahren, was diese Generation bewegt. Welche Themen, welche Haltung sie hat, welchen Sound sie benutzt. Für die Beratung von Kunden wirklich wertvoll, und spaßig ist es dazu auch noch. Ich liebe meinen Job.

Die „Lobrecht-Jünger“ 

In einer der letzten Folgen hat Felix Lobrecht angekündigt, sich bei Twitter abzumelden. Das war vor dem Shitstorm, der ihn auf allen Kanälen wegen seines ziemlich mäßigen Witzes zu den Ereignissen im Krefelder Zoo kalt erwischte. „Ich glaube auch, Affen brennen richtig gut. Wegen ihrem Fell. Die tragen permanent eine Jacke aus Grillanzündern.“ Dieser Witz kam in den sozialen und auch anderen Medien nicht so wirklich gut an. Im Publikum allerdings schon. Seine „Lobrecht-Jünger“, so nennt er seine Fans, lagen ihrem Gott johlend zu Füßen.

Felix Lobrecht ist der Star der Generation Y. Er ist der Prototyp des sogenannten Egotaktikers. Er tut nur das, was ihm selbst nutzt. Und das stellt Felix Lobrecht auch gerne zur Schau. Dicke Uhren, dicke Autos, unter Gucci macht er es nicht. Die „Muskelmaus aus Berlin“ (so nennt ihn sein Podcast Partner Tommi Schmitt) verbringt seine Freizeit im Fitness-Studio. Seine Jünger bewundern ihren Meister. Sie sind nicht neidisch auf ihn, sie träumen von einem ähnlichen Erfolg. Ihr Leben sieht jedoch ganz anders aus. 

Unsicherheit als Grunderfahrung

Die Generation Y besteht aus den ersten Digital Natives, die online aufgewachsen sind. Computer, Smartphones und Tablets gehören für sie zum Alltag. Genauso wie Google, Apple und Facebook, das seinen Durchbruch hatte, als sie noch Kinder waren. Die Generation Y steht vor der harten Realität: Ein Drittel muss in der Arbeitswelt mit Teilzeitjobs oder Kettenverträgen auskommen oder wird kurzzeitig arbeitslos. Unsicherheit über die Zukunft ist für diese Generation eine Art Grunderfahrung.

Wer sich um seine Zukunft, wer mit Existenzängsten lebt, der ist dankbar für Halt. Gut also, dass man bei Gott-Lobrecht Geborgenheit findet. Dem Alltag entfliehen kann, da verzeiht man auch Gags über brennende Affen. Vielleicht – und das macht es nicht besser – merken sie auch gar nicht, was und wen sie da beklatschen und vergöttern. Klar ist jedoch: Lobrecht ist einer von ihnen. Er spricht ihre Sprache, seine Jünger haben genau diesen Sound: hart, roh, scheinbar ohne Respekt, Hauptsache ich – Egotaktiker unter sich.

Der kluge Egotaktiker

Felix Lobrecht ist einer der klugen Egotaktiker. Er scheint sich bewusst zu sein: Ich sollte den Bogen nicht überspannen, denn die Forschung sagt: Besonders treu ist die Generation Y nicht. Die Jünger könnten auch recht schnell weiterziehen. So ruderte der Comedian ein wenig zurück. Bei seinem Auftritt in Düsseldorf standen seine Jünger Schlange. Die brennenden Affen hatten keine Auswirkungen auf die Ticketverkäufe. Seine Schäfchen folgten dem Hirten. Noch.

Doch bei seinem Auftritt dann ein kluger Schachzug. „Ich bin so dankbar, was in den letzten drei Jahren alles passiert ist. Daher habe ich zum ersten Mal Angst, das verlieren zu können.“ So streichelte er seine Jünger, diese jubelten ihrem Star zu, die Medien berichteten gerne weiter über eine Sache, die so vieles verdeutlicht: Die Kritik der Verrohung der Gesellschaft interessiert die Generation Y nicht. Sie folgt ihren Leadern so lange, bis sie einen neuen Gott gefunden haben an dem sie sich orientieren können. Übersetzt heißt das: Marken, die diese Generation konsumiert, egal ob Comedian, Joghurt oder Bier, dürfen sich bei dieser Zielgruppe nie sicher sein. Denn diese Generation ist sich ihrer selbst nicht sicher. Kein guter Nährboden für Nachhaltigkeit.

Nachhaltig wird die Empörung über den Witz von Felix Lobrecht auch nicht sein. Sie hat ihm genutzt, und nur ihm. Ein schlauer Egotaktiker eben. Vertrauen war und ist eine der wichtigsten Säulen einer Marke. So war es jedenfalls bisher. Das ist mit der Generation Y ad absurdum geführt geworden. Denn Marken wie Lobrecht wissen genau: Bis die nächste Muskelmaus aus Berlin die Comedy-Bühnen Deutschlands stürmt nehme ich das Vertrauen meiner Jünger mit. Wenn es aus ist, ist es aus. Nicht schlimm, denn am Ende vertraue ich mir sowieso nur selbst. Er ist der Meister des Kalküls. Oder um es in seinen Worten zu sagen: „Der erste Witz bei so nem Auftritt ist immer ein bisschen wie so´n Rollstuhlfahrer – der muss sitzen.“

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