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Winterbauers Woche

Es gibt sie noch, die Print-Erfolgsgeschichten – man muss nur abseits der großen Verlage danach suchen

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Der „Guardian“ bringt es fertig, ein Stück über die Deutsche Welle zu schreiben, in dem nichts wirklich falsch ist, das aber trotzdem ein falsches Bild zeichnet. Kleine Magazine feiern große Erfolge, Einhorn-Auswürfe sind der neue Kinderzimmer-Trend und nicht jede TV-Show braucht unbedingt einen Podcast. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Diese Woche hat der britische „Guardian“ der Deutschen Welle (DW) ein veritables Image-Problem beschert. Die international viel gelesene Zeitung veröffentlichte auf ihrer Website ein langes Stück, das den deutschen Auslandssender als eine Art Vorhof zur Hölle beschreibt. Hetze, Mobbing, Rassismus seien dort quasi an der Tagesordnung. Die Führung drohe Mitarbeitern, die solche Missstände melden, auch noch mit Repressalien. Die in dem Text beschriebenen Vorfälle werden von der DW gar nicht bestritten. Sie sind nur schon über ein Jahr alt und der Sender beteuert, gegen die Missstände vorgegangen zu sein. Da haben wir also ein Stück Journalismus in einem weltweit renommierten Medium, das zwar keine Fake-News im engeren Sinne verbreitet, aber doch einen offenbar falschen Eindruck erweckt. Der „Guardian“ wird zu nicht unwesentlichen Teilen über Spenden und Mitgliedschaften finanziert und bedient – so nehme ich das jedenfalls wahr – in erster Linie ein eher linksliberales Publikum. Gibt es da möglicherweise einen gewissen Hang, Stories zu publizieren, die ziemlich gut in das Weltbild der eigenen (zahlenden) Zielgruppen passen? Ich will gar nicht unterstellen, dass so etwas absichtlich geschieht, aber vielleicht unbewusst.

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Ende der Woche sind mal wieder die Print-Auflagenzahlen der IVW veröffentlicht worden und es ist das übliche Kettensägenmassaker. Fast alle Zeitungen und Zeitschriften verlieren mehr oder weniger stark an gedruckter Auflage. Aber halt! Es gibt Ausnahmen. Bei MEEDIA hatten wir vor einiger Zeit schon einmal über den erstaunlichen Erfolg des Magazins „Katapult“ berichtet, das sich Kartografie und Sozialwissenschaften verschrieben hat. Das Magazin schaffte es, innerhalb eines Jahres seine Auflage auf 25.654 Exemplare zu verdoppeln. Verdoppeln! Im Rahmen einer Abo-Aktion gewann das „Katapult“-Magazin aktuell in nur vier Tagen sagenhafte 2.000 neue Abonnenten hinzu.

 

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Wie mein Kollege Jens Schröder in seiner Auflagen-Analyse schreibt, ist „Katapult“ vielleicht das herausragendste unter den Indie-Magazinen, aber nicht das einzige erfolgreiche. Auch “Mint”, das “Magazin für Vinylkultur” wächst mit einem Plus von knapp 80% auf über 17.000 Abos. Es gibt sie also noch, die Print-Erfolgsgeschichten. Man findet sie nur immer häufiger abseits der großen Verlage.

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Ein zumindest kurzfristig erfolgversprechendes Zeitschriften-Konzept im Kindersegment ist es freilich, einen aktuellen Spielzeugtrend aufzugreifen und ein Heftchen daraus zu machen. Von dieser Front gibt es Verstörendes zu berichten. Egmont Publishing hat für den 21. Januar das Magazin „Poopsie Slime Surprise“ angekündigt, das auf der gleichnamigen Spielzeugserie basiert. Die Spielzeuge sind kleine Fantasy-Einhorn-Figuren aus Gummi, in die die lieben Kleinen einen speziellen Schleim einfüllen können. Drückt man die Figur, dann wird der Schleim wurstig hinten aus dem Einhorn-Allerwertesten oder vorne als „Erbrochenes“ herausgedrückt. Hinterher kann man den ausgewürgten Einhorn-Schleim noch mit Glitzer und einer Art Mehl „verfeinern“. Man muss es sehen, um es glauben zu können:

Eltern beware!

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Podcasts liegen im Trend und auch die good old Medienindustrie will ihren Teil vom Hype-Kuchen abhaben. Bertelsmann ist mit der Plattform Audio Now dick ins Podcast-Geschäft eingestiegen. Nach alter Väter Sitte versucht man nun, das Zugpferd Dschungelcamp zu nutzen, um das neue Geschäftsfeld anzuschieben. So gibt es also auch einen Podcast zu „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“, der in jeder TV-Folge brav von den Moderatoren Sonja Zietlow und Daniel Hartwich beworben wird (vergangenes Jahr mussten die beiden noch TVNow bewerben). Die rund 20-minütigen Podcast-Folgen bestehen weitgehend aus recht öden Zusammenfassungen des Camp-Geschehens plus uninspirierten Interviews mit Insassen-Gefolge im Hotel Versace. Die Markenverlängerung von der Edel-Trash-TV-Show hin zum Podcast hin funktioniert zumindest inhaltlich nullkommanull. Fast schon wieder beruhigend, dass es ganz so einfach dann auch wieder nicht ist.

Schönes Wochenende!

PS: In der aktuellen Folge unseres – inhaltlich extrem ausgeklügelten 😉 – Podcasts „Die Medien-Woche“ spreche ich mit meinem Kollegen Christian Meier von der „Welt“ über den „Guardian“-Artikel zur Deutschen Welle und es gibt dazu auch ein Interview mit DW-Intendant Peter Limbourg. Es würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

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