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Apples erstaunliche Neubewertung: Wie der iPhone-Konzern in fünf Monaten mehr als eine halbe Billion Dollar an Wert gewann

Es sind geschichtsträchtige Ausmaße. Apple steigt und steigt an der Wall Street zu immer neuen Hochs auf. Zu Wochenbeginn markierte der iKonzern erneut neue Rekordhochs und wird nun schon mit fast 1,4 Billionen Dollar bewertet. Fundamental ist der Höhenflug längst nicht mehr zu erklären – Apples Geschäfte stagnieren. Für neue Fantasie an der Börse sorgt unterdessen Apples Neuaufstellung in der Post-iPhone-Ära, in der das eigene Medienangebot eine immer wichtigere Bedeutung annimmt.

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Was für einen Unterschied ein Jahr machen kann. Tatsächlich gerade mal zwölf Monate ist es her, dass Tim Cook das Undenkbare eingestehen musste: Nach Börsenschluss des ersten Handelstages 2019 wandte sich Cook mit Apples erster Umsatzwarnung seit 2002 an seine Aktionäre.

In einem Brief an Investoren musste der Nachfolger von Apple-Gründer Steve Jobs eingestehen, dass sich die Geschäfte längst nicht so entwickelt hatten wie erhofft und die Umsätze im so wichtigen Weihnachtsquartal um mehr als fünf Milliarden Dollar hinter den eigenen Erwartungen zurückbleiben würden.

Apple hatte sich mit seinen neuen hochpreisigen OLED-iPhones, die bis zu 1.649 Euro kosteten, spektakulär verzockt. Die Folge: Der Absturz aus dem Börsenhimmel, der beim Einbruch von 232 auf 142 Dollar in der Spitze 450 Milliarden Dollar Unternehmenswert in nur drei Monaten ausradierte.

Bewertungsexplosion: In einem Jahr um 800 Milliarden Dollar wertvoller

Schnellvorlauf in den Januar 2020: Die Apple-Aktie schloss heute bei 317 Dollar auf dem höchsten Stand der 43-jährigen Unternehmenshistorie bzw. der rund 39 Jahre, die Apple an der Technologiebörse gelistet ist.

In zwölf Monaten haben die Anteilsscheine des Kultkonzerns aus Cupertino damit in der Spitze um spektakuläre 125 Prozent zugelegt und Apple den nahezu unfassbaren Zuwachs im Börsenwert um knapp 800 Milliarden Dollar auf nunmehr fast 1,4 Billionen Dollar beschert. Den Löwenanteil seiner erstaunlichen Bewertungszuwächse hat Apple in den vergangen fünf Monaten eingefahren: Seit August hat Apples Marktkapitalisierung um mehr als 550 Milliarden Dollar zugelegt!

Geschäftsentwicklung 2019 rückläufig

Wie ist die Bewertungsexplosion nun zu erklären? Zumindest nicht mit fundamentalen Kriterien. Im abgelaufenen Geschäftsjahr befand sich Apple erstmals seit 2002 wieder im Rückwärtsgang: Während die Umsätze 2019 um zwei Prozent nachgaben, schrumpften die Gewinne gar um sieben Prozent. Wie passt dazu die beste Börsenperformance der vergangenen Dekade, die in einer Kursverdopplung  gipfelte?

Eine klare Antwort hat nicht einmal der ausgewiesene Apple-Experte Neil Cybart, der seit 2014 den täglichen Apple-Newsletter „Above Avalon“ publiziert. „Jeder, der behauptet, dass Apple-Aktien wegen eines bestimmten Grunds oder Produkts so stark zugelegt haben, sollten die These überdenken“, gibt der Australier zu bedenken. Weder das iPhone noch Wearables noch das Servicegeschäft stünden singulär hinter dem Kursschub.

iPhone-Abgesang fällt aus

Tatsächlich scheint eine Verquickung von mehreren Umständen für den größten Bewertungszuwachs in Apples Geschichte verantwortlich. Zunächst einmal durchlitt Apple im vierten Quartal 2018 wegen der Sorge um schwache iPhone-Verkäufe den größten Börsenwertverlust aller Zeiten. Seit Jahren ist dies die Mutter aller Apple-Sorgen: dass die iPhone-Nachfrage irgendwann implodiert.

Dass das Wachstum des mit Abstand wichtigsten Produkts der Konzerngeschichte ausgereizt ist – geschenkt. Das iPhone-Wachstum ist vorbei und kommt – vielleicht – in diesem Jahr mit neuen 5G-fähigen Geräten noch einmal im einstelligen Prozentbereich zurück. Solange es Tim Cook jedoch vermag, die Verkäufe auf konstantem Niveau zu halten und seinen Kunden für neue iPhones mehr Geld aus der Tasche zu ziehen, ist die Wall Street zufrieden.

Wearable-Unit wächst stark

Für neue Fantasie sorgen unterdessen zwei Konzernbereiche, mit denen der Apple-Chef in den vergangenen Jahren die Abhängigkeit vom alles überstrahlenden iPhone minimieren konnte. Die Wearables-Sparte (Apple Watch und AirPods) wird von Tim Cook gern hochgeredet – die Umsätze wachsen jährlich um rund 50 Prozent und lagen bereits vor einem Jahr über 50 Prozent über den Bestwerten des iPods.

Vor allem die Drahtlos-Kopfhörer AirPods elektrisieren die Wall Street. Dabei wurden die Ohrstöpsel zunächst als Accessoire betrachtet, das im Produktportfolio von Apple in den ersten Jahren eine untergeordnete Rolle spielte, dann in der Popkultur aber regelrecht explodierte. Im vergangenen Jahr dürfte Apple bereits 60 Millionen Einheiten seiner Ende 2016 eingeführten Drahtlos-Kopfhörer abgesetzt und mit den AirPods bereits 10 bis 12 Milliarden Dollar erlöst haben.

Servicesparte ist der neue Star

Umsätze in diesem Dimensionen dürfte Apples zweitgrößter Unternehmensteil allein im abgelaufenen Weihnachtsquartal erzielt haben. Seit Jahren feiert Tim Cook das Potenzial der Servicesparte, in der Apple das Geschäft mit dem App Store, iTunes, iCloud, das Lizenzgeschäft, den Bezahldienst Apple Pay und seine Internet-Dienste Apple Music, Apple TV+, Apple Arcade und Apple News bündelt.

Im vergangenen Jahr hatte Apple sein Engagement in der sogenannten subscription economy – dem Geschäft mit Abo-Diensten – durch den Launch  des Games-Abo-Dienstes Apple Arcade, des Premium-Magazin-Dienstes Apple News+, vor allem aber des Streaming-Services Apple TV+ massiv ausgebaut.

Medienkonzern Apple: Streaming-Dienst Apple TV+ sorgt für Fantasie

Obwohl der milliardenschwere Eintritt auf dem Content-Markt, der Apple vorläufig Verluste bescheren dürfte, an der Wall Street zunächst kritisch beäugt wurde, scheint die forcierte Streaming-Wette, mit der Apple nunmehr Spotify und Netflix gleichzeitig angreift, die Wall Street nachhaltig zu elektrisieren. Analysten überboten sich zu Wochenbeginn mit neuen Kurszielen.

Wie ernst es Apple mit dem Eintritt ins Film- und Seriengeschäft meint, unterstrich in der vergangenen Woche eine Top-Personalie. Der wertvollste Techkonzern der Welt sicherte sich die Dienste des langjährigen HBO-Chefs Richard Plepler, der nach der Übernahme von Time Warner durch AT&T ausgeschieden war.

Für Finanzinformationsdienst CNBC ist die Neuverpflichtung ein Fingerzeig, dass Tim Cook daran feilen könnte, Apple TV+ zum neuen HBO zu machen. Der Start ins Originals-Geschäft scheint zumindest gelungen: Mit „The Morning Show“ – nebenbei: ein must-see für Medienleute – konnte Apple gleich drei Golden Globe-Nominierungen einheimsen.

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