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Winterbauers Woche

Unfall in Südtirol und iranischer Raketenangriff – der ADHS-Journalismus von „Bild TV“

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Diese Woche gab es schon mal eine Art Vorgeschmack auf das, was uns blühen könnte, wenn „Bild TV“ startet. Leider bitter. „Der Spiegel“ ist nun im Web ohne den Zusatz „Online“ unterwegs. Das RTL-Dschungelcamp startet trotz gegenteiliger Forderungen aus den Reihen der Politik und der ORF landete zur Angelobung der neuen Regierung in Österreich unfreiwillig den ersten Comedy-Knaller des Jahres. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Wer sich fragt, wie es denn wohl wird, das neue „Bild TV“, jenes bahnbrechend revolutionäre Bewegtbild-Angebot, das ein wesentlicher Bestandteil des journalistischen Expansionsprogramms bei Axel Springer ist, der konnte in diesen Tagen womöglich schon einen Vorgeschmack darauf erleben. Dieser Vorgeschmack war für mich leider bitter. Sowohl zu dem schrecklichen Unfall in Südtirol, bei dem ein Betrunkener in eine Menschenmenge raste, als auch bei dem Raketenangriff des Iran auf US-Stützpunkte im Irak, ging die Reichelt-Truppe schon mal auf Sendung. Zuvor war eine interne Mail des „Bild“-Chefredakteurs bekannt geworden, in der er seine Visionen für „Bild TV“ erläuterte. So soll u.a. ständig irgendein Countdown eingeblendet werden. Die Menschen würden diese Dringlichkeit lieben, schrieb Reichelt. Und weiter: “Wir setzen die wilde Gefühlswelt von Menschen in aufregende Bilder um.”

Wie er sich das womöglich vorstellt, durften wir diese Woche begutachten. Nach dem – nicht sehr folgenschweren – Raketenangriff des Iran auf US-Stützpunkte im Irak schien bei Bild.de der dritte Weltkrieg heraufzuziehen. Es gab ein hektisches Gewusel aus Live-Schalten, Studio-Interviews, Umfragen. Dazu wurde ständig an den Bildschirmrändern irgendwas eingeblendet. Köpfe, Schlagzeilen, Dramatik, Terror, Dritter Weltkrieg. Alles blinkte. Endlos wiederholt wurden Schnipsel aus einem Interview, das Reichelt mit dem US-Botschafter Richard Grenell geführt hatte. Der Cocktail war in hohem Maße effektheischend und wirr. Fast schien es, als würde das Medium den Weltkrieg geradezu herbeisehnen, damit es endlich eine Rechtfertigung gibt für die ganze hyperventilierende Aufregung.

Man will sich gar nicht ausmalen, was „Bild TV“ veranstaltet, wenn es wirklich mal eine dramatische Echtzeit-Lage gibt, etwa bei einem Anschlag oder Amoklauf in Deutschland. Oder wenn große Teile des Angebots auch noch aus User Generated Content bestehen sollen, wie Reichelt das angekündigt hat. Mit dieser Art von ADHS-Journalismus wird eine dringend notwendige Beruhigung der nervösen Medien-Republik jedenfalls nicht erreicht. Im Gegenteil.

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Es wird ja gemeinhin viel gemeckert in der Medienbranche (anderswo auch), aber ich möchte an dieser Stelle mal festhalten, dass ich den neuen Online-Auftritt vom „Spiegel“ sehr gelungen finde. Der Zusatz „Online“ wurde aus dem Namen des Digital-Angebots gestrichen, es gibt vor und hinter den Kulissen eine komplett neue Website mit neuen Ressorts (u.a. „Leben“, „Audio“), neue Schriften und einen neuen Look. Die Seite sieht jetzt auf den ersten Blick nach „Spiegel“ aus, Heft und Website sind aus einem Guss.

Das war aber auch wirklich an der Zeit, denn die alte „SpOn“-Optik war nach Web-Maßstäben schon seit Äonen online. Auch die „Spiegel+“-Inhalte sind jetzt noch einmal viel präsenter auf der Seite, was gewollt ist. Digitalabos sind das neue Gold. „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann kann sich auf die Fahnen schreiben, dass unter seiner Führung die Redaktionsfusion durchgezogen, ein schlüssiges Paid-Content-System eingeführt und der Digital-Auftritt entrümpelt wurde. Das hat er nicht alles alleine gestemmt, klar. Und die meisten – teils erbitterten – Kämpfe, die ausgefochten werden mussten, bis man beim „Spiegel“ bereit für diese Veränderungen war, wurden vor seiner Zeit ausgefochten. Es stimmt aber auch, dass es schon deutlich schlechtere Bilanzen für „Spiegel“-Chefredakteure nach gut einem Jahr gab.

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Heute Abend startet wieder das RTL-Dschungelcamp „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ Die Besetzung ist relativ vielversprechend, das moralinsaure Genöle im Vorfeld war maximal unerfreulich. Es gab tatsächlich so etwas wie eine Debatte darüber, ob RTL das Dschungelcamp wegen der Buschbrandkatastrophe nicht absagen soll. Sogar einige Politiker entblödeten sich nicht, eine Absage oder Verschiebung des Camps zu fordern. Gerade so, als ob ein Baum, ein Menschenleben, ein Koala gerettet werden würde. Ich habe hier aufgeschrieben, warum ich eine Absage für völlig falsch halte. Sonja Zietlow, eine der Moderatorinnen der Show, sieht das ähnlich und hat auf Facebook dafür die passenden Worte gefunden:

Übrigens: Am 20. Januar findet in Australien das große Tennisturnier Australian Open statt, sogar in größerer Nähe zu den Buschbränden als die Dschungelcamp-Produktion. Warum fordern deutsche Politiker nicht die Absage dieses Turniers?

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Die feierliche Amtseinführung einer neuen Regierung in Österreich heißt offiziell Angelobung und findet in der Wiener Hofburg statt. Bei der Live-Übertragung der Angelobung der aktuellen türkis-grünen Koalition ist dem ORF in der Mediathek ein Malheur passiert, das von den einschlägigen Satire-Formaten in diesem Jahr schwer zu toppen sein dürfte. Versehentlich wurde die Zeremonie mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Kanzler und ÖVP-Chef Sebastian Kurz und dem Grünen-Chef und Vizekanzler Werner Kogler mit den Untertiteln der ursprünglich im Programm vorgesehenen Soap „Alisa – Folge deinem Herzen“ versehen. Auf bizarre und sehr amüsante Weise passten die Untertitel dann halt aber doch. Und das Internet hatte seinen ersten Megawitz 2020.

Schönes Wochenende!

PS: Auch unser Podcast „Die Medien-Woche“ meldet sich zurück in alter Frische aber mit neuem Logo. In der ersten Folge des neuen Jahres beleuchten Christian Meier (WELT) und ich noch einmal alle Aspekte des Aufregers rund um das „Umweltsau“-Liedchen des WDR. Dazu gibt es ein Interview mit dem Comedy-Autor Stefan Stuckmann, der einen offenen Brief in der Sache organisiert hat und den Rücktritt von WDR-Intendant Tom Buhrow fordert. Ich freue mich, wenn Sie reinhören!

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